Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-10-30 · 43 (30.10.1891) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
43 (30.10.1891)
Date
1891-10-30
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3020847-3020891--00824-3024833
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 792 Orsterrrichischr Wochenschrifi. Nr. 43 schriften enthalten. Wenn wir heute auf das Buch zurückkommen, so geschieht dies hauptsächlich, um einem Herzensbedürfnisse zu genügen; das Buch hält Einen fest und man gewinnt es um so lieber, je länger man es in den Händen hat, man fühlt sich immer von Neuem angezogen; das Buch ist werthvoll und interessant für Jedermann; mag Vieles darin auch Anfangs fremdartig erscheinen. Der Titel des Buches: „Quellenschriften zur Geschichte des Unterrichts und der Erziehung bei den deutschen Juden" ist wissenschaftlich correct, ist bedingt durch die sonstige wissenschaftliche Thätigkeit des Verfassers; aber man muß stch erinnern, daß Erziehung und Unterricht hier eine ganz ungewöhnliche Bedeutung haben, sich mit dem ganzen Volkswesen decken und ungefähr so zu verstehen sind, wie Erziehung und Unterricht bei den Spartanern. Jean Paul sagt einmal, der größte Pädagog sei Moses gewesen; denn die Juden hätten ihre Farbe geändert, nicht aber ihre Religion. Hinsichtlich der Abstammung der Schwarzen Asrika's, welche Juden sind, macht sich Jean Paul allerdings eines Irr ihums schuldig und man darf da nicht das Geschlecht Abrahams suchen; aber die Erziehung und der Unterricht, deren späte Periode das Buch des Dr. Gü d e m a nn behandelt, nahmen ihren Anfang wirklich bei den Offenbarungen des Sinai, als unter Donner und Blitz die Erziehungsgrundlage der Welt verkündigt wurde, welche man als die „Zehn Gebote" bezeichnet. Um dem Verständnisse für den Werth des Güdemann'schen Buches näher zu rücken, muß man einige Momente ins Auge fassen, die in der mit echter Meisterschaft, rühmenswerther Objektivität und strenger historischer Kritik geschriebenen Einleitung des Buches hervorgchoben sind; es ist aber noch ein anderes Moment in Betracht zu ziehen, daß wir in der Einleitung nicht erwähnt finden. In der Einleitung wird darauf hingewiesen, daß die Juden in der Zeit des zweiten Tempels, widerstandskrästiger als die Römer, die Einflüsse des Hellenismus abzuwehren und sich im Besitze eines rein nationalen Cultus zu behaupten vermochten. Ihr Glaube war ihnen Schutz und Schirm gegen das verführerische Antlitz der griechischen Kunst und Poesie und gegen die gefährlicheren Verlockungen der griechischen Philosophie. Anders gestaltete sich das Schicksal der spanischen Juden unter maurischer Herrschaft, welche sich von den Lehren der griechischen Wissenschaft, wie sie ihnen durch die Vermittelung der Araber zukam, vollständig durchdringen ließen, um die Dolmetsche der Wissenschaft für die christliche Welt zu werden. Wie weit auch die erwähnten Erscheinungen der Zeit nach von einander getrennt sind, wir müssen sie Zusammenhalten, um einen richtigen Einblick in unser Buch zu gewinnen. Das Dritte nunmehr, was dazu gehört und was der Verfasser nicht berührt, ist Folgendes: Als die Schakale in den Ruinen des Tempels heulten und die Juden hinauszogen nach den Ländern des Occident, da erlebten sie einen weltgeschichtlichen Triumpf. Der Tempel ihres Gottes war zerstört; aber ihr Gott lebte und war siegreich gegen die Götter des Olymps und gegen die Götter des phönicischen Cultus, siegreich und mächttg auch gegen die Lehren und Behauptungen der heidnischen Philosophen! Die Tempel standen aufrecht, die Götterbilder glänzten in Erz und Marmor, die Priester bewahrten ihre Geheimnisse und die Cäsaren, selber zu Göttern erhoben, sorgten für den Opferdienst, — und dennoch wurden die Götter machtlos und sank der ganze Cultus in Nichts zusammen. Das „Schema Israel" war wichttg genug, um die Götter in die Schlupfwinkel eines dunkeln Aberglaubens zu treiben; das Glaubensbekenntniß vom einzigen Gotte beherrschte plötzlich die Welt. Dieses Wunder mußte auf die Juden einen unverlöschlichen Eindruck machen. Sie fühlten sich in der Ueberzeugung gefestigt, daß sie Recht daran gethan hatten, ihrem nationalen Cultus die Treue zu bewahren. Denn ihr Gott hatte sich als ein lebendiger und starker Gott erwiesen. So mischten sich in die schmerzerfüllte Elegie die Triumpsgesänge Gottes vom Lied am rothen Meere angefangen bis zu den Lob- und Dankpsalmen Davids. Man glaubte an Gott und der Stern der Hoffnung leuchtete den Heimathslosen voran, die ins Ungewisse hinauswanderten. Der Gott der Väter müßte Rettung bringen und er werde sie bringen. Damit in Verbindung halte man sich gegenwärtig, was der Verfasser, wie bereits erwähnt, über die Juden auf der iberischen Halbinsel und in Nordaftika, über das „spanischarabische Bildungsideal" sagt: Seine Darstellung dieses für die Geschichte der Juden epochalen, für die allgemeine Geschichte der Wissenschaften höchst bedeutungsvollen Culturmoments ist nicht zu übertreffen. Die Juden ließen sich von einer fremden Cultur durchdringen; gleich dem Moses, der eine Tockter aus einem fremden Stamme sich zur Frau genommen hatte, gingen sie die Ehe mit den fremden Wissenschaften ein. Das Wort des Patriarchen: „Ich bin zu zwei Lagern geworden" bestätigte sich noch einmal als Orakel; es war keine Sezession, wie unter Barbaren, kein Schisma wie bei den Karäern, aber die Trennung zwischen deutschen und spanischen Juden war dennoch deutlich genug, wenn auch Thora und Talmud ein Einheitsband bildeten. Der bis zum Gegensatz sich steigernde Unterschied in dem Bildungsideal begründete einen Dualismus von tiefgreifenden Wirkungen. Auf denr Boden des spanischen Judenthums erwuchsen nunmehr geistige Größen ersten Ranges, welche durch Gelehrsamkeit, Forschungseifer, Kühnheit des Denkens, Unabhängigkeit der Ueberzeugung in ruhmvollster Weise sich auszeichneten. Damit können die Juden in Nordsrankreich und Deutschland sich nicht vergleichen. Eine werthvolle und nothwendige Ergänzung sind die Urtheile spanischer Juden über deutsche Juden, welche der gelehrte Verfasser der ersten Abtheilung seines Buches beifügt. Jener Gelehrte aus Barcelona war im Rechte, welcher schrieb: „Die Deutschen haben das Licht in den Wolken nicht gesehen." So urtheilten auch die Italiener über die deutschen Juden und alle Juden, die an den Küsten des Mittelmeeres lebten, hätten dasselbe gesagt. Man klagte über die fehlerhafte, einsichtslose, dunkle Sprache und ließ es auch sonst an Tadel nicht fehlen. Aber eines war den deutschen Juden geblieben, die Tiefe des Gemüthes, die Redlichkeit und Aufrichtigkeit des Glaubens. In der Unklarheit ihrer Sprache, der Schwerfälligkeit ihres Denkens glichen sie dem Volke, unter dem sie lebten und welches sich denselven Tadel gefallen lassen mußte; aber auch die edlen Eigenschaften der Deutschen waren den Schulen der Judengasse nicht fremd und der Jude war ein Deutscher geworden, w:nn er auch die Beriihrung mit fremden Bildungselementen nach Möglichkeit abwehrte und trotz der grausamsten Verfolgungen und Bedrückungen. Mitternacht, das erste Jahrtausend der gewöhnlichen Zeitrechnung ist vorüber gegangen und die Welt blieb von einem prophezeiten und geglaubten Untergange verschont. Dichter Nebel erfüllt die. engen Gassen der mittelalterlichen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.