Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 43 (30.10.1891)
- Date
- 1891-10-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 790 Orsterrrichischr Wochenschrift. Nr. 43 aus der Gewohnheit der staatlichen und gesellschaftlichen Ordnung entspringt, aus dem Bewußtsein zu treiben. Durch den Antisemitismus hofft man am leichtesten jene Demorali' sation herbeizuführen, welche die Massen in den Dienst des Anarchismus stellen wurde. Dr. Bloch war so frei, den Titel „christlich-sozial" des Näheren zu untersuchen, und es zeigte sich, daß der Lu e ger- Schn eider'sche Antisemitismus bei seinen Bündnissen auch dort anklopst, wo man den christlichen Glauben bekämpft und leugnet, und sich auch nicht mit den sozialen Reformen begnügt, die auf friedlichem Wege möglich sind, daß somit von dem Titel „christlich-sozial" nichts übrig bleibt. Die Verbindung mit dem Anarchismus, das geht denn doch Vielen, die bisher gegenüber dem Antisemitismus eine wohlwollende Neutralität beobachtet hatten, über den Spaß. Die Besitzenden und Diejenigen, die sich einer besseren Lebensstellung erfteuen, nehmen zu chrem Schrecken wahr, daß sie nicht sowohl dem Antisemitismus als dem Anarchismus das Thor zum Eintritt öffnen. Das wird nicht etwa, mit Beweisen versehen, als Behauptung hingestellt, nein, die Thassache selber steht vor dem Auge ungeschminkt und ohne jegliche Verblümung in den Briefen des Ernst Schneider. Da braucht man keine logische Auseinandersetzung und braucht sich mit dem Denken nicht abzumühen. Die Briese reden so laut und so deutlich wie nur jemals auf einer Antisemitentribüne gesprochen wurde. Die Antisemiten waren selber überrascht, verblüfft und sogar vielleicht bestürzt- Erst die Ausschußwahl mit der eingreifenden Thätigkeit des Abgeordneten für Simmering, Rudolfsheim u. s. w.; dann die Verhandlung im Hause mit dem Mißbilligungsvotum des Hauses am Schluffe der Sitzung und den nicht ganz glücklichen Reden des Dr. Lueger und seines Gesinnungsgenossen Schneider während der Sitzung und endlich nach wenigen Tagen die Enthüllungen des Dr. B l o ch; das ist mehr als selbst eine Wählerversammlung in Neulercbenfeld zu ertragen vermag. Dr. Bloch aber hat in seiner Rede auch darauf hingewiesen, daß die Berliner Kaisermörder Hödel und Nobiling Antisemiten waren. Es ist große Wäsche bei den Antisemiten; jeden Tag finden Versammlungen statt, um das Bild des Antisemitismus wieder schön zu machen. Es finden rührende Loyalitätsdemonstrationen statt und die Theilnehmer an denehcmaligen Schönerer -Commersen demonstriren am eiftigsten. Aber die Briefe bleiben, die Briefe Schneiders sind nicht abzuschütteln und die Thatsache ist auch nicht aus der Welt zu schaffen, daß Hödel und Nobiling Gesinnunsgsgenossen des einstigen Oberhofpredigers Dr. Stöcker waren, der ja auch mit seiner Loyalität prunkte wie gewisse andere Leute. In dieser Noth hat Herr Dr. Lueger einen fetten Blowitz ausgegraben und dieses Monsttum wird in den Versammlungen herumgezeigt, wodurch in das Einerlei antisemitischer Dekorationen eine angenehme Abwechslung gebracht wird. „Hier sehen Sie den Blowitz, den Pariser Correspondenten der „Times"; er ist von Geburt ein mährischer Jude. Er hat an die „Times" einen Artikel geschickt, in Kapiteln getheilt und dieser Artikel ist ein Attentat gegen das deutsch-österreichische Bündniß und ein Verbrechen gegen Oesterreich." Blowitz aber ist ein Jude, alle Juden aber sind solidarisch, folglich hat das ganze Iudenchum an die „Times" geschrieben." Die Führer der Antisemiten athmen erleichtert und bestellen einen frischen halben Liter; sie haben den Brief des „Times"-Correspondenten Blowitz, aber die Schneider 'schen Briefe sind doch nicht aus der Welt geschafft. Der orakelhafte Artikel aus der Blowitz'schen Feder ist allerdings von der Art, daß es das Beste ist, wenn man denselben ohne Achtung bei Seite legt. Allein die „Times" ist keine Zeitung ür's Judenthum und auch kein „Judenblatt"; Blowitz zählt weder zu den großen noch zu den kleinen Propheten, auch ist der Talmud nicht die Quelle, aus der er seine Correspon« denz geschöpft hat. Das Judenthum kann doch unmöglich für jedes Product eines Zeitung-Correspondenten verantwortlich gemacht werden, der nicht nur längst getauft ist, und in eine streng clericale Familie hineingeheiratet hat, sondern seit Jahren notorisch den Vertrauensmann und Helfershelfer der reacttonären Partei spielt, ein gern gesehener Gast des päpstlichen Nuntius. Loyaler noch als die Entrüstung über diese Correspondenz ist es, von derselben gar nicht zu sprechen, und wir, nach unseren patriotischen Empfindungen denken uns, daß eine Volksversammlung nicht der Ort ist, um solche Dinge zur Mittheilung zu bringen. Sämmtliche Theilnehmer jener Versammlung hätten ja ohne Dr. Lueger niemals Kenntniß von der Existenz des „Times-Artikels" erlangt. Jetzt bricht die Entrüstung sich Bahn, obwohl man den Vergnügungszug nach Prag veranstaltete unbekümmert um die Rede, welche der Jungczeche V a s a t y zur Zeit der Sonnenwende im Abgeordnctenhause gegen den Dreibund gehalten hat, unbekümmert um die sonstigen Ziele der Jnngczechen. Jetzt loyale Entrüstung und einstens war man der Bundesgenosse Schönerers, und wie Herr Schönerer österreichisch denkt und fühlt, brauchen wir wohl nicht näher darzulegen. An die Schmähungen Ocstereichs durch „Freund" Drumont wird vcrgcssen; die werden mit dem Mantel der Liebe verhüllt. Wie lange aber ist es her, kaum einige Tage sind ja erst verflossen, seitdem das Wiener officielle Antisemitenorgan förmlich in Jubel sich auflöste, als aus der Bismarck'schen Fabrik schmähliche Pamphlete gegen den österreichischen Kaiserstaat und gegen das deutschösterreichische Bündniß in die Ocffentlichkeit getreten waren. Jetzt aber ist man plötzlich loyal und patriotisch geworden; man merkt die Absicht und wird heiter gestimmt. Ja dieser vorwitzige Rabbi, wir fürchten, er erscheint den antisemitischen Führern in ihren Träumen. Während der ganzen Bewegung hat keine gegen den Antisemitismus gerichtete Polemik eine ähnliche Wirkung erzielt, wie die jüngste Enthüllung vom 20. October. Ja der Rabbi Bloch hat noch manchen Schneider'schen Brief in seiner Tasche und sein Köcher ist noch voll von Pfeilen. Die Erscheinungen des Lebens wollen unbefangen beurtheilt sein und der Tag erhebt Manches zur Bedeutung, was er Anfangs nicht nach Gebühr beachtete, es läßt sich nicht anders sagen, es lohnt sich'der Mühe beim Rabbi Bloch und seiner Rede zu verweilen. Genug! darüber hinaus dürfen wir in diesem Blatte nicht gehen. Patriotismus drr Prager Juden. Von G. Wolf. Als Se. Majestät der Kaiser jüngst in Prag war, stellte er den Juden das denkbar glänzendste Zeugniß aus, auf das sie wahrlich stolz sein können. Er sprach bekanntlich zu dem Präses der Prager israelitischen Cultusgemeinde Herrn Dr. Rosenbacher: „Ich weiß, daß die Israeliten sehr pattiotisch sind. Jnsbesonders haben die Israeliten Prags diesen Patriotismus stets bewiesen."