Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 43 (30.10.1891)
- Date
- 1891-10-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3020846-3020847-3020891--00821-3024830- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Ur. 43. Wien, 36. Orlolrer 1891. VM. Jahrgang Centralorgsn für die gefammten Interessen des Iudenthums. Eigenthümer: Keichsralhs-Abgeordneler vi'. Ktoch -- K. k. Postsxmrcsssenamr Clraringverkrtzr Nr. 810.976. Rrdsrtion u. Administration: 1® is n I, Dothrnthurmstrsstr 39. Man abonnirt bei allen Pofianstalten des In- und Auslandes. Bezugspreis: Halbjährig 4 fl, Einzelexemplare SS kr. Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 12 kr. Inhalt: Leitartikel: In Catalinam. — Patriotismus der Prager Juden. — Drumont und die Swckerpresse. — Bon Mitternacht bis zur Morgendämmerung. — Verstaatlichung der Nordbahu. — Eine Ausgabe für den ,vriedenS-Eongrest. — Iwei jüdische Benreter der medicinischen Wissenschaft. — Professor Theobald Ziegler in ^traßburg über den Antisemitismus. — (Korrespondenzen: Wien, Berlin, Paris, Rom. — Vermischtes: Wien, Tyrnau, Kolomea, Budapest, Paris. London. — Jeu i lletou: Ein Besuchauf „Mikwe Israel".— Ein Märtyrer. — Wochenkalender. — Briefkasten. — Eingesendet. Inserate. In EataUosm. I Wer das Wort sagt im Rainen dessen, der eS gesprochen, der bringt die Erlösung. Die „epistolae vivormn obscurorum“ die Briefe der Dunkelmänner waren bekanntlich vor vier Jahrhunderten nicht nur ein Meisterschuß gegen Reaction und Antisemitismus, sondern es ist überhaupt kein Buch deutschen Ursprunges gu nennen, das auf dem Gebiete der Polemik eine so große unmittelbare Wirkung erzielt hätte. Wie man weiß, hat das Buch einen streng satirischen Charakter und es werden mit übermüthigem Humor durch eine geschickte Nachahmung die Denkart, Sprachweise und Anschauungen Derjenigen in's Lächerliche gezogen, die den getauften Juden Johannes Pfefferkorn in Diensten genommen hatten. Als ein Vorzug unserer Zeit ist es kaum anzuzusehen, daß ein ähnliches Buch noch nicht geschrieben wurde und daß man sich von einem solchen Versuch kaum eine volle Wirkung versprechen dürfte. Man empfängt den Eindruck, als ob in der Gegenwart die Pfade des richtigen Empfindens und Denkens besonders schwer zu entdecken wären. Einen ganz anderen Charakter haben die Briefe, welche der Herausgeber dieser Zeitschrift in seiner Rede in der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 20. October vorgelesen hat. Diese Briefe sind nicht eine satyrische Nachahmung, sind nicht erfunden, um gleichsam mit Hilfe eines Vergrößerungspiegels die Gegner in ihrer wahren Gestalt zu zeigen. Vielmehr sind diese Briefe eben nichts anderes als Briefe des Herrn Ernst Schneider und dieser Umstand allein verleiht ihnen Bedeutung. Die beste Satyre hätte ja doch nie die Wahrheit erreicht, hätte sich auch nie zu der Kühnheit aufschwingen dürfen, den Abgeordneten Schneider so zu porträtiren, wie er es selber in seinen Briefen gethan. Die sensationelle Wirkung fehlte auch diesen Briefen nicht; sie w.rkten mit der Macht ener Thatsache, die überall verstanden, bei Freund und Feind nach ihrer ganzen Tragweite begriffen wird. Alles hat seine Zeit und wer einen praktischen Erfolg anstrebt und auf seine Zeit wirken will, der thut wohl daran, diesen Spruch stets im Gedächtnisse zu behalten. Alles hat seine Zeit und Jeder, der in einen weiteren Kreis hinaustri t, muß den Gebräuchen seiner Zeit sich fügen. Im Lause der Jahrhrmderte sind Juden oft genug dazu gezwungen worden, vor den Gerichten, in öffentlichen Versammlungen, in eigens dazu anberaumten Disputationen ihre Religion, ihr Leben und ihr Eigenthum, ihren geistigen und materiellen Besitz vertheidigen zu müssen. Da mußten oft genug die Waffen gewechselt werden, so wie die wechselnden Sitten des Jahrhunderts es bedingten. Mit einer gewissen Bornehmthuerei ist hier gar nichts gechan und wer im Parlamente nur klügelt, wie in einem Salon, der wird nur Lusthiebe führen und niemals den Gegner verwunden. In diesem realistischen Zettalter muß inan den Math haben, die Dinge in ihrer Wirklichkeit zu fassen. Es handelt sich ja nicht um persönliche Erfolge, sondern um die Vertheidigung hoher Güter um die Beschützung des Rechts und der Wahrheit. Da heiß es entweder aus den Erfolg verzichten oder von den Waffen Gebrauch machen, welche den Erfolg ermöglichen. Man muß das Beispiel der großen Juden befolgen, die zu aller Zeü sich vor die Bresche stellten; Gebrauch machen von den Waffen, welche unsere Zeit vorschreibt. Durch die Briefe des Abgeordneten Ernst Schneider wird der Zusammenhang zwischen Antisemittsmus und Anarchismus zur Evidenz erhoben. Die „Wahrhettlcr", die Anhänger Bebel's, Liebknechts und Singer's werden verabscheut, die Genossin Peukerts allein sind erkorene Bundesgenossen.. Das genügt! Es hat zufällig der Mechaniker- Schneider diese Briefe geschrieben, aber die Polemik des Dr. Bloch geht über die Person hinaus und richtet sich gegen die ganze anüsemitische Sekte. Da aber gezeigt wurde, wie hinter dem Anttsemittsmus der Anarchismus drohend hervorgrinst , so war damit auch den allgemeinen gesellschaftlichen und staatlichen Interessen einen Dienst geleistet und das und nichts anderes haben wir mit der Ueberschrift: „In Gatalmam“ aussprechen wollen. Diese Briese des Ernst Schneider, diese Zeugen, die herbeigemfen und zum Reden gebracht worden sie sagen laut und vernehmlich, daß der Antisemittsmus nur als Borschule dienen soll für den Anarchismus, als praktischer Curs gleichsam, um den Leuten das Pflichtgefühl, welches