Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-10-23 · 42 (23.10.1891) · page 21

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
42 (23.10.1891)
Date
1891-10-23
Page
– (sequence 21)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3020847-3020890--00816-3024824
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

?b. 42 Oefterreirhisrhr Wochenschrift. Serke 793 tranken, wenn ich einen jüdischen Landesgerichtsralh sehen wurde. Sie aber erzählen den Leuten in Volksversammlungen, der Oberste Gerichtshof, der über Ihre advocawrische Thätigkeit so wenig anerkennend geurtheilt hat, bestehe aus lauter Juden. Ich eriirnere Sie an das Urtheil des Gerichtshofes über den früheren Abgeordneten Fiegl. Was hat das Gericht im Proteste der Schönercr-Partei nicht alles gegen ihn constaürk'. Treubruch, Wortbruch, Felonie, Feigheit u. s. w. Aber ich bin nicht böse darüber. Meine Herren'. Bei der letzten Abstimmung über den Herrn Abgeordneten, der vorhin gesprochen hat, bin ich hinausgegangen, ich konnte es gar nicht über mein Gewissen bringen, die That zil mißbilligen. Ich möchte, er solle jeden Tag Aehnliches machen, ich habe gar nichts dagegen (Heiterkeit), wenn schon hier im Parlamente Antisemiten sein müssen, sollen sie nur so sein, wie Ernst Schneider, ja nicht anders. (Lebhafte Heiterkeit) Aber üben Sie auch Ihrerseits ein wenig Toleranz, wenn Sie dann irgendwo einen jüdischen Lumpen einmal erwischen, so läuten Sie nicht an allen Glocken der Residenz, als ob er einen Eingriff in Ihre verbrieften Privilegien gemacht hätte. (Lebhafte Heiterkeit.) Nur nicht zu anspruchsvoll! Die Spitzbuben können nicht ausnahmslos Antisemiten sein. Ohnehin besteht die Ungerechtigkeit, daß der jüdische Lump bestraft und gebrandmarkt wird, der antisemitische erhält zur Belohnung das Mandat für die Vertretungskörper. (Schallende» Gelächter.) Der Herr Vorredner hat uns schauerliche Dinge erzählt. Es werden im allgemeinen Krankenhause bloß christliche Leichen secirtund jüdische Leichen nicht. Ja, meine Herren, woher kommt das? Ich werde es Ihnen sagen. (Abgeordneter Dr. Lueger: Ich bin sehr neugierig!) Aber Sie spielen eine Rolle dabei. .(Lebhafte Heiterkeit.) Tatsächlich wird jede Leiche behufs Eonstatirung der Todesursache und des schlimmen Verlaufes der Krankheit seeirt die jüdischen Leichen aber werden der Beerdigung zugeführt und die christlichen Leichen werden zu Studienzwecken behalten. Darin hat der Vorredner Recht, er hat zum erstenmale eine wahre Thatsache vorgebracht. (Lebhafte Heiterkeit.) Herr Dr. Lueger geht in die Wählerversammlungen und empfiehlt die Juden den Christen zum Vorbilde, sie sollen es machen wie die Juden, denen sei es ganz egal, ob einer an Gott glaubt oder nicht, das sollen die Christen nachmachen. Warum soll man dann überhaupt Leichen beerdigen, so denkt sich das Volk und überläßt die Leichen der Angehörigen dem Krankenhause. Wir Juden glauben aber an Gott und wir glauben au eine unsterbliche Seele. Deswegen bemühen sich die Angehörigen des Verstorbenen, um die Leiche der Beerdigung zuzuführen. Denn jede Leiche, die von irgend einer Seite verlangt tvird, muß die Spitalverwaltung hergeben. Wer hat über die Leichen zu verfügen? Professor Kundrat Von ihm ist es bekannt, daß er wenigstens den lebendigen Semiten keine besonderen Sympathien entgegenbringt (Heiterkeit) und cs ist nicht anzunehmen, daß der Mann gerade für die semitischen Leichen eine besondere Zärtlichkeit empfinden sollte. (Lebhafte Heiterkeit.) Er gibt jede Leiche heraus, die man ihm abverlangt. Sie haben das christliche Volk durch Jbre agitatorische Thätigkeit so weit gebracht (Widerspruch auf der äussersten Linken ) ja wohl, durch Ihre Agitation dahin gebracht, daß es alle Pietät auch für die nächsten Angehörigen verloren hat. Bei uns Juden existirt in jeder, auch in der kleinsten jüdischen Gemeinde eine Beerdigungs-Brüderschaft. Sie hat die obligatorische Pflicht, jede Leiche, auch des ärmsten Juden, der Beerdigung zuzuführen. Wir haben in Wien auch einen solchen Verein, und dieser Verein erachtet es als seine heilige Pflicht, jede jüdische Leiche aus dem Krankenhause zu beerdigen. Sie sehen den Gemeinderath Gustav Simon bei jeder Beerdigung, auch bei der Beerdigung des Aermsten der 'Armen, er ermüdet nie in Erfüllung feiner Pflicht. Ja, Sie nennen sich eine christlich-soziale Partei; machen Sie es hier den Juden nach (Abgeordneter Dr. Lueger: Wir haben kein Geld dazu!), Sie haben ja reiche Leute genug in Ihrer Mitte, zum Beispiele Se. Durchlaucht Fürsten Liechtenstein; gründen Sie einen solchen Verein, üben Sie christliche Nächstenliebe! Anstatt das Geld zu antisemitischen Agitationszwecken auszugeben, machen Sie es wie die Juden, thun Sie ein christliches Werk der Barmherzigkeit, gründen Sie einen solchen Verein. Sie haben zwar ähnliche Vereine, die aber immer nur für ihre Bereinsmilglieder sorgen; wollen Sie einmal in Wahrheit fürs Volk etwas thun — hic Rhodus, hic salta! Hier versuchen Sie! Greifen Sie nicht die Juden an, weil die für ihre Angehörigen Pietät pflegen, thun Sie dasselbe für die Christen. Das wäre löblich. Natürlich, meine Herren, Fürst Liechtenstein, die Schroll's und die übrigen sollen das Geld hergeben! die haben wichtigere Zwecke für ihr Geld! (Abgeordneter Hauck: Warum thun die Liberalen nichts?) Haben Sie schon einmal bei den Liberalen reclamirt und sie haben Ihnen zu diesem Zwecke kein Geld gegeben? (Lebhafte Heiterkeit); Versuchen Sie es doch einmal (Lebhafter Beifall und Händeklatschen auf den Galerien.) Bicepräfident Dr. Kathrein: Ich ersuche die Galerien, sich ruhig zu verhalten; ich kann nicht gestatten, daß dieselben die Verhandlung stören. Abgeordneter Dr. Bloch (fortfahrend): In der That, meine Herren, liegt der Grund viel tiefer. Sie segeln unter falscher Flagge. Ihnen ist es um die Leichen und um die Christlichkeit gar nicht zu thun, und ich werde mir erlauben, dies authentisch zu beweisen. Sie nennen sich eine „christlichsociale" Partei und find eine antichristliche und eine antisociale Partei. Meine Herren! Hier in diesem hohen Hause hat man bereits Briefe von Ministern und Privatpersonen ungescheut vorgelcsen. Das ist für mich ein Präcedenz und ich werde Ihnen aus vertraulichen Briefen dieser Herren zeigen, daß ste ein anderes Programm für die Welt nach außen und ein anderes Programm für die inneren Kreise haben. . . In den intimen Kreisen der Antisemitenführer unterhandelt man nicht über die christlichen Leichen, die man nicht der Beerdigung zuführt. Da zeigt man das wahre Gencht. Mir liegt ein Brief vor, in welchem ein Führer der Antisemiten einem Collegen vertraulich etwas aus einer Versammlung erzählt. Was ist dort geschehen? (Abgeordneter Hauck: Was ist das für ein Führer? Das muss man doch wissen!) Ich werde es Ihnen schon sagen; mehr, als Ihnen lieb ist! (Heiterkeit.— Liest): „In diesem Briefe heißt es: „ Ich habe ein Hoch

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.