Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 42 (23.10.1891)
- Date
- 1891-10-23
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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Seite 792 Orsterreichischr Wochrnfchritt. 9tr. 42 hatte eine jüdische Nase, die jetzt international geworden. (Lebhafte Heiterkeit.) Wenn ein christlicher Wachmann attakirt wird, blos weil man ihn für einen Juden hielt, attakir: und beschimpft, ohne jegliche Ursache — wenn es geschieht, daß ein christlicher Kaufmann, wie es hier ganz in der Nahe Wiens geschah, von einer Versammlung von zehn Personen. angefallen und mißhandelt wird, daß er kaum mit dem Leben davon kommt, blos weil man diesen Unglücklichen für . einen Juden hielt — es sind amtliche Thatsachen, die bei Gericht vorgekommen — so werden Sie mir zugeben, wenn Sie alle diese Erscheinungen als Symptome der Rohheit und Verwilderung, die innerhalb der christlichen Bevölkerung platzgegrisien hat, ansehen, daß das ein außerordentlicher Schade für die christliche Bevölkerung ist. Meine Herren! Wenn diese Dame, der man das Kleid mit Tinte begossen, auch eine Jüdin wäre, so ist der Verlust ant Nationalvermögen der Juden sehr gering; wenn Sie aber das Sympton der Verwilderung ins Auge fasten, die Sie in die Jugend gebracht haben, so werden Sie zugeben, der Schade hleibt den Christen und nicht den Juden. (Abgeordneter Dr. Lueger: Wir werden ihn schon tragen.) Ihnen ist es nur um die Partei zu thun! Meine Herrn! Zweimal ist es in Wien passirt, das christliche Knaben ihren jüdischen Mitschülern, bloß weil sie Juden sind, mit dem Messer das Auge ausgestochen haben. Die beiden Buben wurden vom Gerichte abgeurtheilt. Sagen Sie mir, meine Herren, welch einer Gesinnung entspringt eine solche X|ät7daß ein Schüler seinem Collegen das Auge aussticht? Da war doch jener Soldat Denk, der den Inden zuvor wenigstens geftagt hat: Bist Du ein Jud'? Und als dieser es bestätigt Hat, ihm zwei Ohrfeigen gab, jener Soldat war wenigstens vorsichtig in der Wahl seiner Objecte. (Lebhafte Heiterkeit.) Wenn Sie bloß aufs Gesicht schauen, so treiben Sie es dahin, daß sich niemand, auch nicht der gläubigste Christ, mit krummer Nase auf die Straße hinaustraut. (Abgeordneter Dr. Lueger: Das ist doch ein sehr bedenkliches Zeichen!» Sie finden das Zeichen nicht bedenklich. Da roerbe ich Ihnen weiteres erzählen. Das Organ des protestantischen Pastors Becker in Breslau Nr. 9,1890, stellt folgende Thatsachen zusammen, die sich in kurzer Zeit nacheinander ereignet haben. Ein jüdischer Commis in Mährisch-Friedland rettete am 31. Dccember jenes I ihres einen christlichen Knaben von neun Jahren. In Nauheim ertrank Moriz Leeb aus Frideberg, als er einen cvangelischen Theologen zu retten versuchte. Der evangelische Geistliche nämlich hatte dort seine Braut besucht, beide machten eine Kahnfahrt und verunglückten. Moriz Leeb sprang nach, versuchte beide zu retten uud ging mit unter. Er war der einzige Sohn einer armen jüdischen Fantilie. Aber derprotestantische Pastor Becker erzählt dazu eine weitere Geschichte. Versetzen wir uns an einen österreichischen Fluß. Dort steht eine große Menge am User versammelt und sicht zu, wie ein Mensch mit bcu Wellen ringt. Die Versammelten sagen: Laßr's ihn ersaufen; er ist bloß ein Jud'. Man spottet und lacht. (Abgeoidnetcr Dr. Lueger: Wo ist das geschehen?j Ich werde es Ihnen schon sagen (Heiterkeit. — Abgeordneter Dr. Lueger: Es ist nicht richtig!) Man tief: Laßt ihn ersaufen: es ist ja ein Fude! Da ringt sich ein Mann aus der Versammlung los, springt hinein und versuchte, diesen angeblichen Juden zu retten. Siehe da, es war ein Christ. Und der das berichtet, ist kein Jude, sondern ein evangelischer Pastor. Meine Herren! Sie müssen das alles erwägen und sich fragen, welche Stimmung, welche Gesinnung, welche Sittlichkeit verbreiten Sie da in der christlichen Bevölkerung, der solche Thaten entspringen?- Und vergessen sie nicht, eine höhere Sittlichkeit ist auch ein hoher nationalökonomischer Gewinn. Sic sagen, Sie woll.n für das christliche Volk eintreten und Sie treiben es dazu, daß es immer an Sittlichkeit und intellectueller Begabung verliert (Abgeordneter Schlesinger: Wen weinen 8ie unter „Sie“?) Ich meine Sie, die Herren Antisemiten. Wollen Sie ein Zeugniß dafür? Sehen Sie auf den Erlaß des Oberkirchenrathes von Sttlttgart. Dort ist Folgendes passirt. Im Wahlbezirke des Wucherers und antisemitischen Abgeordneten Pickenbach hat ein christlicher Bäcker, dem die Juden für ihren Sabbath die Barcheö an vertraut haben, in sämmtliche Brode Schwefel von abgeschabten Zündhölzchen gelegt. Bedenken Sie, es waren seine Kunden und er suchte sie zu vergiften. Deshalb ist der Oberkirchenrath eingeschritten, nicht zum Schutze der Juden, sondern um dem Schaden vorzubeugen, der durch diese antisemitische Agitation dem christlichen Volke zuge fügt wird. Allerdings, meine Herren! auch die Liberalen sind nicht von Schuld loszusprechen, die Liberalen haben jahrelang dieser Hetze thatenlos zugesehen, ohne eine kräftige Antwort, ohne ein Wort der Abwehr; deshalb ist es soweit gekommen; aber ich bin überzeugt, daß durch diese Bewegung nicht wir Inden Schaden nehmen können, ich habe dieser Ueberzeugung in einer jüdischen Versammlung Ausdruck gegeben in einem Vortrag „lieber den Segen des Antisemitismus", denn für uns Juden arbeiten Sie, aber dem christlichen Volke fügen Sie unendlichen Schaden zu. (Abgeordneter Dr. Lueger: Warum greifen Sie uns dann so an?) Um Sie nur noch mehr in Wuth zu bringen. (Lebhafte Heiterkeit — Abgeordneter Dr. Lueger: Da sollten Sie uns eher eine Liebeserklärung schicken.) Es ist wahr, schlimme Subjecte gibt es überall, auch unter jüdischen Aerzten. Wie viele aber unter den Antisemiten gibt cs, die nicht gerade aus der Höhe der Moral stehen (Lebhafte Heiterkeit.) Ich bitte Sie, wenn ich Ihnen die ganze Liste von hervorragenden Antisemitenführern nennen soll, die wegen Wuchers und anderer ähnlicher entehrender Delicte bestraft wurden, müßte ich Ihnen ganze Stunden vorlesen. Erst vor wenigen Tagen ist ein Antisemit wegen Veruntteuung ver-unheilt worden. Von Verhovay und Zerboni, der steckbrieflich verfolgt worden, bis heute, sehen wir unter den Antisemiten eine Fülle von Personen, die jedenfalls zu allem eher berufen sind, als zu Moralprediger. Ich bin darob nicht böse, ich bin auch nicht dem Dr. Lueger döse. Er ist einer der Führer und erinnert sich gewiß an das Urtheil des Obersten Gerichtshofes über seine Advocatcnthäügkeit als Schätzer des „kleinen Mannes". (Zunr Abgeordneten Dr. Lueger:) Sie sagen in der Wählerversammlung der Oberste Gerichtshof bestehe ans Juden! Ich würde Gott