Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-10-23 · 42 (23.10.1891) · page 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
42 (23.10.1891)
Date
1891-10-23
Page
– (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3020847-3020890--00813-3024821
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 7 90 Oellerreichische Wochenschrift. Nr. 42 gelauster, ein Jude, der nacheinander Jude, Protestant, Katholik und — Mohamedaner wurde. (Schallende Heiterkeit. — Abgeordneter Dr. Lueger: Der hat halt Praxis.) Und meine Herren, das ist aber auch ein Lieblingsjude der Herren Antisemiten. O, die Herren hassen jeden anständigen Juden, aber mit jüdischen Lumpen, da verkehren sie sehr gerne (Lebhafte Heiterkeit. Hute: Sehr gut!), das sind ihre Leute. Der Jude an der Universität wird geschmäht, aber der Lumpereien vollsührt, der wird Kronzeuge und Gewährsmann, mit dem kann man Geschähe machen. (Sehr gut! rechts.) So viel über den berühmten Professor Dr. Ecker. (Abgeordneter Dr. Lueger: Er muss doch die Wahrheit gesprochen haben, weil Sie sich so ärgern.) O nein, ich ärgere mich nicht einmal über Sie und würde Sie sehr ungerne hier vermißen. (Sehr gut! Heiterkeit.) Meine Herren! Wenn über die jüdischen Ärzte geschimpft, wenn darüber raisonirt worden ist, daß so viele jüdische Ärzte eristiren — ich hätte nichts dagegen, wenn sie lauter Bezirlsbauptleute wären, — so muß ich Ihnen doch den Grund dieser Erscheinung erklären. Der Herr Vorredner hat sich da ein s'hr schlechtes Gebiet zum Angriffe gegen die Juden gewählt. In der medicinischen Wissenschaft ist das Judenthum nicht erst seit der Zeit der Emanzipation heimisch, sondern es pflegte dieselbe schon im Mittelalter und Alterthum. Vor mir liegt ein Buch „Geschichte der geistigen Entwickelung Europas von John William Drapcr", übersetzt von A. Bartels. Ich constatire, daß der Verfasser ein Ehrist arischer Abstammung ist, auch der Übersetzer ist ein A.icr dessen Stammbaum unverdächtiger als der, der heutigen Wortsü irer und Vorkämpfer der Rassenreinheit. (Heiterkeit). Da finden Sie interessante Daten über die jüdischen Ärzte im Mittelalter in einem Eapitel „Einfluß medieinischcr Ideen durch die Juden" (liest): „In der Philosophie hatten sich die Juden allmählich von dem Einflttffe aller Überlieferungen befreit: ihr Fortschritt in dieser Richtung zeigt sich in der thätigen Weise, wie sie die Entwickelung des Neuplatonismus unterstützten." „In dieser geistigen Emancipation giengen ihre Ärzte voran." „Als Beispiele einer Claffe von Menschen, welche bald einen nicht dunkeln Antheil an der Leitung des menschlichen Fortschritts nehmen sollte, mögen erwähnt werden Hannina, 205 n. Ehr., von seinen Nachfolgern oft als der Früheste der jüdischen Ärzte angeführt: Samuel, gleichmäßig als Astronom, Geburtshelfer und Augenarzt ausgezeichnet, der Erfinder einer Augensalbe, welche seinen Flamen trug; Rrb, ein Anatomiker, welcher eine Abhandlung über den Bau des menschlichen Kc'rpers schrieb, ivie er durch Scctionen ermittelt worden, ivodurch er solche Berühmtheit erlangte, daß das Volt nach seinem Tode die Erde seines Grabes als Medicin gebrauchte; Abba Umna, dessen Studium des Wahnsinirs deutlich zeigt, daß er der nationalen Lebre vom Besessenscin von Teufeln eine materielle Auslegung gab und jene sonderbare Täuschung durch die wissenschaftliche Erklärung körperlicher Zerrüttung ersetzte. Dieser ehrenwerlhe Arzt machte sich zur Regel, nie ein Honorar von ben Armen anzunchmen und in seiner emsigen Aufmerksamkeit keinen Unterschied zwischen ihnen und d n Neichen zu machen. Diese Männer können als Vorbild ihrer Nachfolger bis zum siebenten Jahrhundert betrachtet werden, wo die orientalischen Schulen infolge der arabischen kriegerischen Bewegungen aufgelöst wurden." Er zählt dann eine größere Anzahl von Ärzten auf und sagt tveiter (liest): „An der Schule zu Bagdad soll Josua Ben Nun der berühmteste Professor gewesen sein, während die Schule selbst die Übersetzung griechischer Werke in das Arabische thätig förderte, nicht allein Werke fachwissenschaftlicher sondern auch allgemeiner Art. Auf diese Weise wurden die Schriften Plato's und Aristoteles' gesichert, ja es sollen fast jeden Tag mit Bücherrollen beladene Kameele in den Thoren Bagdads eingezogen sein." „Um den Vorrath zu vermehren, wurde der Kaiser Michaellll. durch Vertrag gezwungen, griechische Bücher zu liefern. Das Ergebnis; dieser geistigen Bewegung konnte kein anderes als eine Verbreitung von Licht sein. Schulen erstanden in Vassora Jspahan, Samarkand, Fez, Marokko, Sicilien, Cordova, Sevilla, Granada. So wurden die Araber durch die Juden und Nestorianer mit der medicinischen Wissenscha't Griechenlands und Alexandriens bekannt." Sie finden dies auf Seite 310 — 312 Int Mittelalter, das sich nicht durch Judenfreundlichkeit ausgezeichnet hat und dessen Traditionen gerade die Partei der Ehristlich-socialen wieder aufleb?n lassen möchte, im Mittelalter war der Arzt traditionell ein Jude. „Man weiß", sagt ein bekannter Historiker, „daß seit Carl dem (Großen bis auf Franz I, der sich jüdische Ärzte von Carl Y. erbat, kein Fürst war, der nicht einen jüdischen Leibarzt an seinem Hofe gehabt hätte." Ich erwähne ferner: König Alphons X. von Eastilien, Jakob I. von Aragonien, Johann II. von Portugal, Kaiser Karl der Kable, Kaiser Conrad II., Kaiser Friedrich III., Kaiser Ferdinand I., Heinrich II. von Novara, Maria de Medici, König Sigismund von Polen, welche alle jüdische Leibärzte hielten. Auch der heilige Vater in Atom hatte sein Leben der Kunst eines jüdischen Arztes anvcrlraut. Und das geschah nicht einmal, sondern sehr oft. Von römischen Päpsten, die sich von Juden behandeln ließen, nennen wir: Papst Gelasius, Bonifaz IX., Alexander VI., Leo X., Paul III., Julius III., die sich jüdische Leibärzte hielten. In den Klöstern rvar es nicht anders, so daß König Friedrich II. von Sicilien einmal sagte: „Wir sehen, daß fürgewöhnlich kein anderer Arzt in Klöster eingeht als ein jüdischer." (Abgeordneter Dr. Dvorak: Das gehört nicht zu den Aerztekammern!) Meine Herren! Wie waren diese jüdischen Aerzte? Dafür liegt ein Zeugniß des Papstes Bonifnz IX. vor; derselbe bezeugt den jüdischen Aerzten, „daß sie in Ausübung ihrer Kunst zuvorkommend, wohlwollend und dienstfert g sich erweisen, Armen und Dürftigen zu Hilfe eilen, nicht auf Bezahlung dringen rrnd in ihrer Kunst außerordentlich erfahren sind." Das ist das Zeugniß des Oberhauptes der Christenheit im Mittelalter. (Abgeordneter Dr. Dvorak: Ausnahme! — Abgeordneter Dr. Lueger: Wenn er doch auf die neue Zeit kommen würde, auf die Inserate!) Wenn Sie wünschen, auf die neue Zeit zu kommen, so will ich Ihnen in Bezug auf diese Folgendes erklären. Ich gestehe gerne zu, daß es auch unter den jüdischen Aerzten Elemente gibt, welche im Interesse des Standes ausgeschieden werden sollen. Es bedurfte aber nicht der Mahnung des Herrn Vorredners, die Juden selber dringen darauf- Wenn sie die Wahrheit hören wollen, lesen Sie doch einmal die Berichte der ärztlichen Versammlungen, lesen Sie den Bericht des vierten österreichischen Aerztevereinstages. Wer hat

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.