Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 42 (23.10.1891)
- Date
- 1891-10-23
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 764 Oesterrrichischr Wochenschrift. Äir. 42 liches „Friede sei mit Euch" klang in deil Wagen hinein. Endlich stand der Wagen still vor einem Hause, welches, wenn man es nicht gerade mit der Synagoge vergleichen wollte, das vornehmste der Gasse war. Aus den Fenstern strahlte heller Lichterglan;; die Hausthür war wei^ geöffnet, Diener und Dienerinnen erleuchteten mit Fackeln den Hausflur, der sorgsam mir weißem Sande und grünen Reisern bestreut war. Ein junger Mann war aus dem Wagen gesprungen und hob eine anmuthige Frauengestalt heraus. „Gott zum Gruße, theure Hanna, und nun sei mir tausendmal willkommen in meinem, nein, in unserem trauten Heim!" Er hatte die junge Frau einen Augenblick an sich gepreßt, dann nahm er ne bei der Hand und führte sie in das hellerlenchtete Haus. Nachden: er der Dienerschaft mit freundlichen Worten die Herrin vorgestellt hatte, wandte er sich an die älteste der Dienerinnen und, indem er ihr vie runzlige Wange streichelte, sagte er: „Liebe Sarah, Dir vertrau ich meine gute Hanna an. Du wirst ihr treu dienen, so treu," und seine Stimme bebte „wie Du einst meiner Mutter gedient hast. Geh', führe sie hinauf, zeige ihr unser Haus, bis ich die nöthigsten Geschäfte im Eomptoir erledigt habe. Ist Pater Antonio zum Abendessen eingeladen worden," wandte er sich hieraus an einen alten Diener. Die junge Frau foimtc die Antwort nicht mehr hören, denn Sarah war schon rüstig die!rcppe hinaufgestiegen und hatte die Herrin gebeten, ihr zu folgen. Eine Süinde später saßen die beiden Gatten traulich am Kamin zusammen. „Also es gefällt Dir in meinem Daterhause, liebste Hanna?" „Wie sollte es nicht!" erwiderte die junge Frau. „Du hast Alles so neu, so schön Herrichten lassen und besonders mein Boudoir, genau wie mein Mädchenstübchen dahcün! Nein, wie gut Du bist! Die niedlichen Roccocoscssel, der kleine Divan, selbst die Farbe der Seide, alles wie dort!" „Ei, das freut mich, dann hat der Tapezierer seine Arbeit gut gemacht, denn nicht wahr, liebe Hanna, von Deinem Low hast Du so große Geschicklichkeit und ein so gutes Gedächtnis? nicht erwartet." „Aber Dir wäre auch eine Ungeschicklichkeit, wie sie dem Tapezier zugestoßen ist, nicht begegnet," sagte die junge Frau mit schelmischem Lächeln. „Ich habe es der guten Sarah gar nicht sagen mögen, die liebe Seele hätte sich darüber bettübt. Aber komm nur, ich brauche es Dir mir;u zeigen und Du wirft cs so häßlich finden, wie ich." — „Und werde es so rasch ändern lassen, als es nur zu ändern geht," rief Löw, indem er aussprang und seiner Frau durch mehrere Zimmer folgte. Die junge Frau blieb an der Schwelle eines geräumigen Gemaches stehen, das von einer prächtigen hängenden Lampe beleuchtet war. Der sanfte Glanz der den ganzen Raum erfüllte, goß auch einen verklärenden Schein ans die beiden Bilder an der gegenüber liegenden Wand. Löw's Blick hing an diesen Bildern; seine Hände falteten sich, seine Augen wurden feucht. „Meine Eltern!" sagte er leise und innig. Die junge Frau neigte ihr Haupt. „Und hier, hier in diesem Zimmer ist ettvas nicht nach Deinem Geschmack?" fragte Löw, indem er seine Blicke von einem Gegenstand zilm Andern wandern ließ. „Ach, es war gewiß recht häßlich und undankbar von mir, an dieser Zimmereinrichtung ettvas zu tadeln. Sarah bemerkte es nicht, Du siehst es nicht: da wird cs wohl blos in meiner Ginbildung sein." Löw hob lächelnd das gesenkte Köpfchen in die Höhe und sagte gütig: „Du sollst immer wahr und ehrlich gegen mich sein, eyt die Probe: Was verletzt Deinen Geschmack in diesem Zimmer?" Da hob sie leise die Hand auf und deutete nach der Kette an der die Lampe hing. „Sieh," ries sie, „in allen andern Zimmern sind die Ketten prächtig vergoldet oder schön verziert; und hier in unserem Ahnensaale, in dem durch die Bilder Deiner Eltern geweihten Raum, hat man diese wunderschöne Lampe an diese schwarze, rostige, gewöhnliche Eisenkettc gehängt. Nicht wahr, Du scherztest nur, als Du nichts Unschönes in diesem Zimmer fandest?" Er legte feierlich seinen Arm um sie, zog sie inniger an sich und sagte: „Diese Kette mußt Du nicht schelten; sic ist das kostbarste Erbtheil, das gerade mir mein Bater gelassen hat, — mir so werth, wie dem Ritter sein Wappen!" „Aber," unterbrach ihn die junge Frau, „das sieht ja aus wie eine Gcsängnißkette!" „Und wenn es eine solche wäre?" „Unmöglich! ries Hanna, „Du wirst mich nie glauben machen, daß Du oder Dein braver Bater . . ." „Und wenn dem doch \o wäre?" fragte Löw noch ernster. Die junge Frau konnte ein Mißbehagen nicht unterdrücken. Sanft befreite sie sich aus den Armen ihres Mannes und trat zu den Bildern der Eltern. „Ei, sieh doch," sagte sie, offenbar beinüht, das Gespräch auf etwas Anderes zu lenken," hier ist noch ein Miniaturbild. Wüßte ich nicht, daß ich in das frömmste Haus in der Judengemeindc von Pullitz eingeführt worden bin, so würde ich es für das Bild eines Priesters halten." „Es ist Pater Antonio." „Pater Antonio? Fragtest Du nicht nach Pater Antonio, als wir in's Haus traten?" Die junge Frau schien erstaunt und befremdet. „Er war stets der treueste Freund unseres Hauses. „Wie ein Priester, ein Katholik? Ich habe wohl schon von solcher Freundschaft gehört, aber ich weiß, was man sich davon versprechen kann. Ich werde auf meiner Hut sein! Bitte mein lieber Löw, kein Wort mehr darüber! Pater Antonio wird niemals mein Freund werden!" „Und was hat er Ihnen gethan, daß Sie, eh' Sie ihn kennen, ihn Ihrer Freundschaft für unwerth erklären?" Die junge Frau fuhr zusammen, und als sie sich nach dem Sprecher umwandte, stand ein Greis in schlichtem Priestergewand vor ihr dessen klare, jugendlich leuchtenden Augen nichts von dem Schnee zu wissen schienen, der sein Haupt bedeckte. „Pater Antonio!" rief Löw und drückte die Hände des Greises „Komm', liebe Hanna, heiße auch Du unseren Freund willkommen, und dann zum Theetisch!" Die Bereitung des Thee's hals der jungen Frau über die erste Verlegenheit hinweg, aber behaglich war ihr die Gegenwart des katholischen Priesters nicht. Ihr Gatte bemerkte nichts von ihrem Unbehagen, er hatte sich wieder dem Gaste zugewendet. „Lieber Pater," sagte er, „das wußte ich, daß Sic uns heute freiwillig nicht fehlen würden." „Gewiß nicht, junger Freund, doch heute hing eS nicht von mir ab." „Nicht von Ihnen?" „Nein. Ich komme vom Siechbette der (Gräfin Berchthold; ja, noch mehr, ich komme auf Ihren Wunsch." Löw hatte die letzten Worte des Paters überhört, so sehr schienen ihn die ersten zu überraschen, „Bon der Gräfin Berchthold?" rief er, „Sie haben sich also mit ihr versöhnt?" „Es bedurfte keiner Versöhnung," sagte milde der Greis," sic hat in mir den Menschen nie beleidigt und den Priester, den Vertreter der Kirche, kann man nicht beleidigen." „Hat sic nach Ihnen verlangt?" „Die arme Frau hat eine seltsame Wandlung durchgemacht: ans der Fanatikerin wurde eine Ketzerin!" — Hanna, die aufmerksam zugehört hatte, rief lebhaft: „Was nennt Ihr c>ne Ketzerin?" Der Pater wandte sich ihr zu und erwiderte: „Es gab eine Zeit, wo die Gräfin glaubte, ein auserwähltes Werkzeug Gottes zu sein, und dieser Glaube machte sie zur Fanatikerin. Als sie mich jetzt zu sich rufen ließ, reichte sie mir ein Blatt. Es waren die „Horen", die jüngst von zwei namhaften Dichtern des Auslandes herausgegcben waren. Und indem sie mit den Finger aus eine Stelle deutete, sagte sie: Priester, so denke ich heute. „Und diese Stelle?" fragte Hanna gespauut. „Wer nie sein Brot mit rhränen aß, Wer nie die kummervollen Nächte Auf seinem Bette weinend saß, Der kennt euch nicht ihr himmlischen Machte! Ihr führt in's Leben uns hinein, Ihr laßt den Armen schuldig werden, Dann überlaßt ihr ihn der Pein, Denn alle Schuld rächt sich auf Erden." „Herrlich, herrlich!" rief Hanna. Da bemerkte sie das seine Lächeln des Priesters, und herausfordernd sagte sic: D, ich begreife ja, daß ein Priester dem ersten Verse widersprechen muß. Er glaubt ja die furchtbaren Schicksalsmächte zu kennen, ohne das tiefste Weh im eigenen Herzen empfunden zu haben. Aber,der zweite Vers ist durchaus wahr und sicher unbestreitbar, oder glauben Sie nicht, daß wir schuldig werden können, auch ohne unsere Schuld?" „Ich glaube es nicht." „Also, wenn ein Mann im Gefäugniß gesessen, Gesäugnißkettcn getragen hat, so muß er schuldig sein?" Der heftige Ton, mit dem Hanna diese Worte hervorgestoßen hatte, die glühende Röthe, die plötzlich ihre zarten Wangen bedeckte verrieth den beiden Männern, was in ihrer Seele vorging. Löw blickte sie betroffen an; der Pater sah nach dem Zeiger der Uhr, der schon auf neun wies und sagte dann mit gewohnter Gelassenheit: „Die Verlockung ist groß Ihnen, werthe Frau, aus die Frage zu anttvortcn, denn die Aittwort berührt ein Stück der Geschichte dieses Hauses, zu dem Sie jetzt selbst gehören. Aber der Abend ist vorgerückt und ich habe mich noch meines Aufttages zu entledigen. Ich sagte Ihnen schon, lieber Freund, wandte er sich an Löw, daß ich heut' ans besonderen Wunsch der Gräfin Berchthold zu Ihnen gekommen bin; Sie errathen schon um was es sich Handel.-