Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 42 (23.10.1891)
- Date
- 1891-10-23
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 42 Oesterreichischr Wochenschrift Seite 785 Löw nickte ernst. . „Sie haben Nachrichten von dem ungeu Grafen?" fragte der [ Priester zögernd. Löw bejahte schweigend. „Und sie werden lelbjt zur Gräfin hinnberkoinmen und sie ihr bringen? „Wenn ich muß, ja." — Wenige Augenblicke sahen sich die beiden Männer Ang' in Auge, sie halten sich voll verstanden. Der Greis seufzte leise, dann drückte er schweigend beiden Gatten die Hände und ging. Hanna hatte sich die ersten rage in ihrem neuen Heim anders gedacht, als sie verliefen. Schon in der Frühe des uächneu Morgens verabschiedete sich l'öm von ihr, um das dem Priester gegebene Wort zu erfüllen und zu der Gutsherrin, der Gräfin Berchthold, hinüberzusahren. Der Diener sagte ihm, daß die Gräfin ihn bereits erwarte und führte ihn in ihr Gemach. Die alte Dame ruhte ans einem Sessel, die Hände lagen müde in ihrem Schoße. Glicht die Zeit allein hatte das rittst so schöne lind lebensfrohe Gesicht der Matrone so tief gefurcht. Gs lag ein tieftrauriger Zug um Mund und Augen. Low blieb belvegt an der Thür stehen, denn ehe die schmalen, blaßen Rippen sich öffneten, schienen dE angstvollen Augen der Frau eine Frage zu thnn, eine Frage, der Löw so gern ansgewichen wäre. „Ich bitte, tretet näher," sagte sie endlich, „nehmet Plast und verzeiht der sorgenvollen Mutter, wenn sie nicht zilerst von buch und Eurem Glücke, sondern von sich selbst und ihrem Leide spricht. Ihr habt Erkundigungen über das Schicksal meines Sohnes eingezogen, wie, Ihr habt es doch gethan?-Ihr schweigt, — mein Mutterherz hat also recht geahnt: er ist nicht mehr unter den Lebenden? Löw neigte stumm das Haupt. „Darauf war ich gefaßt", fuhr die Greisin nach einer langen Pause fort, „aber habt Ihr auch erfahren, wie sein Leben geendet hat?" „Gr theiltc das Schicksal Eamille Desmoulin's", sagte Löw dumpf. Plöstlich richtete sich die Kranke in ihrem Sessel auf, prüfte mit hartem, mißtrauischem Blick den vor ihr Sitzenden und flüsterte: „Ha! wenn ich glauben tonnte, daß du jetzt Rache nimmst, Jude, daß du heut mein Her; zertreten willst, wie ich einst — —" „Gräfin", schrie Löw auf, „Gott sei mein Zeuge, daß in meiner Seele in diesem Augenblicke nur unendliches Mitleid für die unglückliche Mutter ist". Die Gräfin sank in ihren Sessel zurück. Die thränenmüden Augen hilfesuchend emporgerichtel' murmelte sie: „Er theilte Desmoulin's Schicksal. Mein Sohn ein Ehrvergessener! Er verleugnete seine Geburt und stellte sich auf die Seite der Königsmörder! Er verleugnete sein Vaterland und wurde von unfern Feinden erschossen, weil er nicht siegreich war gegen seine Brüder. D, furchtbar, furchtbar! Womit ward das verschuldet, oder glauben Sie auch, lieber löw, daß es eine Gotteslästerung sei zu sagen „Jede Schuld rächt sich auf Erden?" Löw schwieg. „Gehen Sie, lieber Löw", sagte die Greisin, „lassen Sie mich allein". Doch als der junge Mann bis zur Thür gegangen war, ries sic ihn noch einmal zurück. „Ich bin noch nicht zu Ende", sagte sie, „che ich sterbe, müssen , noch meine Angelegenheiten geordnet werden; ich weiß, Sie können mir dabei helfen, wenn Sie wollen. Wollen Sie?" Sie hatte ihm die schmale, welke Hand hingereicht, er preßte sie stumm an die Lippen. „Sie werden also wiederkommen, Löw? Aber bald, aber oft!" Ties erschüttert verließ Löw das Gemach. 'Neben den eigenen Geschäften erforderten die Angelegenheiten der Gräfin Berchthold viel Umsicht und Arbeit. Löw unterzog sich mit Pflichttreue diesen neuen Anforderungen und konnte nur wenig Zeit für seine junge Frau finden. Von seiner Thätigkeit allzuviel in Anspruch genommen, merkte er gar nicht, wie vereinsamt sich Hanna fühlte. Die junge Frau klagte gar uicht, aber sie wurde immer stiller und gestand sich im geheimen, daß sie sich sehr unglücklich fühle. Die anderen Frauen in der Judengemeinde zeigten den größten Respect und hohe Verehrung für das Haus ihres Gatten; aber Hanna schien es, als ob Jedermann es absichtlich vermied, mit ihr über die Vergangenheit dieses Hauses zu reden. Gerade diese Rücksicht bestärkte sie in der Annahme, daß cs wirklich einen wunden, dunklen Punkt darin gebe und da ihrZartgefühl sich sträubte, ihren Gatten danach zu fragen, so stieg allmälig immer mehr die Gestalt des Pater Antonio in ihrer Seele auf, als des Einzigen, der Licht in dieses Dunkel bringen könnte. Aber der Pater verweilte fast den ganzen Tag im Schlosse der Gräfin, deren Lebenstage gezählt waren. Ja, als sie ihn einmal bei seiner Rückkehr nach dem Kloster angesprochen und versucht hatte, den Faden des ersten Gespräches wieder aufzunehmen/ da hatte er ihr liebkosend die kleinen Löckchen aus der Stirn gestrichen und sie wie ein Kind mit den Worten vertröstet: „Noch ein Weilchen Geduld. Sie sollen Alles erfahren, aber nicht heut', nicht morgen, später." Sie warrete. Der Winter ging langsam vorüber und die ersten Frühlingsblumen sproßten aus dem Grab der Gräfin Berchthold. Um den letzten Willen der Tobten zu erfüllen, sah sich Löw genöthigt, nach Schlesien zu reisen und sein junges Weib aus einige Wochen zu verlassen. „Jetzt wird es besser werden," hatte er beim Abschied gesagt, indem er sie zärtlich küßte. „Ich habe mich Dir wenig widmen können; aber mix diesem letzten Dienste habe ich meine Pflicht als Jude gethan und ich denke, auch Du wirst mit mir zufrieden sein." Das waren schöne Worte, doch Hannas Her; wurde dabei nicht froh. Um ihre Thränen vor den Dienstboten zu verbergen, schlich sie sich heimlich aus dem Hause huschte die Judenstraße entlang und stieg, als sie sich überzeugt hatte' daß sie allein war, den kleinen Hügel hinan, der zum Gottesacker führte. Es war ein köstlicher Frühlingshimmel, der sich über ihr wölbte, die Erde badete sich in der l.letzten Gluth der untergehenden Sonne; aber Hanna's Herz war traurig und auch die Ramr konnte sie nicht trösten. Sie trat in ben Friedhof ein und ging langsam an den wenig gepflegten hie und da ganz eingefallenen Gräbern vorüber. Hier wurde ihr allmälig wohl, an diesem traurigen Drt fand sic ein Echo für ihr betrübtes Gemmh. Sie brach in heiße Ihränen aus. (Fortsetzung folgt.) Literatur. Dktober. Mate Aharon.. Freie Uebersetznng der Reden „bezehm elohim“ des Dr. Ad. Jellinek von Dr. I. Gelbhaus, Rabbiner und Prediger der Tempelgemeinde in Prag. Krakau 1891. 34 S. 9". Zn beziehen durch die Buchhandlung Eh. D. Lippe in 'Wien II., Praterstraße 13. Der als Prediger wie als hebräischer Stylist rühmlichst bekannte Herr Dr. Gelbhaus liefert hier die hebräische Bearbeitung des zweiten Theils der Reden Dr. Jellineks: „lieber Gott, Welt und Mensch", die atlch unter den Titeln „Schema Israel“ und „bezelem elohim“ erschienen sind. Er befolgt in seiner hebräischen Bearbeitung die Methode des seligen Professors Pinsker, der in der hebräischen Wochenschrift „HamMiz“ die Rede über den „halben Schekel" in hebräischer llebertragung veröffentlichte. Sie besteht darin, das Driginal nicht wortgetreu wiederzngebeu, sondern frei und dem Genius der hebräischen Sprache entsprechend zu bearbeiten. Dadurch liest sich die hebräische Uebertragung und macht denselben Eindruck, als wenn die Rede ursprünglich hebräisch gewesen wäre. Herr Dr. Gelbhaus, selbst ein tüchtiger und geschmackvoller Prediger und sehr gewandter Hebraist, mißbraucht nicht die Freiheit seiner Bearbeittlng, sondern versteht es, den Geist und die Gewandung des Originals mit künstlerischer Fertigkeit wiederzugeben. In dem Vorworte macht der hebräische Bearbeiter auf die Wichtigkeit der drei von Dr. Jellinek aufgestellten Ikarim oder Grundprincipien des Judenthums aufmerksam und besonders auf die vierte Rede über „die Menschheit", welche die These vertheidigt, daß das göttliche Ebenbild in der ganzen menschlichen Gattung und nicht in menschlichen Individuen realisirt wird. Im Jahre 1882 hat Herr Dr. Gelbhaus unter dem Titel „Iiure Schefer“ die freie hebräische Uebersetznng der Schema-Israel- Reden von Dr. Jellinek veröffentlicht. Wochenkalender. Wochen- October 1891 Tischri 5652 Kalender Freitag 23 21 Haschano rabo .... Samstag 24 22 Schemini Azeres . . . Sonntag 25 23 Simchas Thora .... Montag 26 24 Dienstag 27 25 Mittwoch 28 26 Donnerstag 29 27 Freitag 30 28 i '