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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-10-23 · 42 (23.10.1891) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
42 (23.10.1891)
Date
1891-10-23
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr 42 Oestrrreichifche Wochenschrift. Seite 781 ledig würden. Dem edlen deutschen Volke steht es besser an, Gerechtigkeit zu üben in Anerkennung dessen, daß ein so tüchtiger Kern auch in der deutschen Judenschaft als uraltes Kuiturerbtheil übrig geblieben ist, vor allem der innige Familiensinn, die echt brüderliche Treue, welche die Inden unter einander durch die That zu bezeugen pflegen. Wir sollen durch unsere Erziehungsanstalten dafür sorgen, daß von solchem Golde des jüdischen Wesens die keineswegs von Haus aus ihm anhaftenden Schlacken wcggewaschen werden. Und dankbar sollen wir vor allem anerkennen, was wir unseren Juden in den eigenen Nationalschatz entnommen haben an unsterblichen Leistungen jüdischer Genies für Wissenschaft und Kunst, an Steigerung des Aufschwunges unseres Handels, unserer Industrie, unseres Geldumsatzes, kurz unserer Wohlfahrt auf dem weiten Doppclgebiet geistigen und materiellen Lebens überhaupt. Die deutschen Juden haben sogut wie die nichtjüdischen Deutschen mit ihrem Gtlt und Blut das neudeutsche Mich, die feste Burg der neudcu>scheu Nation erkämpfen Helsen. Sie nicht zu dieser Nation zu zählen, wäre also einerseits schnödester Undank, andererseits ein Beweis von Unklarheit über den Begriff „Nation". Nicht Bluteinheit macht die Nation, sondern geographisch und geschichtlich bedingte Interessengemeinschaft unterhalb eines gemeinsamen Vaterlandes. Wer die deutsche Nation wahrhaft liebt, mache und erhalte sie dirrch Einheit stark, aber er zerfleische sie nicht in thöricht blindem Eifer aus Rassen- oder gar aus Glaubenshaß!" Amsterdam, 8. Octobcr. Gestern feierte hier der katholische Pfarrer Burgmeyer an der Pfarrkirche des h. Antonius v. Padua sein 50jähriges Priesterjubiläum. Diese schone Kirche wird gewöhnlich die Moses- und Arons-Kirche genannt, weil dieselbe im Innern und an der Außenseite mit Bildsäulen dieser Führer des israelitischen Volkes geschmückt ist. Die Kirche steht ganz inmitt n des jüdischen Viertels und haben die I u'd e n zur Zeit, als selbige erbaut wurde, reichlich ihre Gaben dazu gespendet. Wie nun bekannt wurde, daß der würdige Pfarrer sein Jubiläum feiern würde, bildete sich unter den Israeliten ein Eomite, um sich an der Feier zu betheiligen. Gelder und Adressen wurden gesammelt, und gestern Morgen brachte eine Deputation dem würdigen Greise Namens der Israeliten den Glückwunsch nebst einem prachtvoll gearbeiteten Fauteuil dar. Auch das Hochamt, welches an dem Tage celebrirt wurde, war stark von Israeliten besucht, die sich alle geziemend benahmen- Abends fand sogar ein von den Juden veranstaltetes großartiges Vokal- und Jusirumental-Concert vor der Kirche statt, in Anerkennung des gemeinnützigen Wirkens des beliebten Pfarrers in der langen Reihe von Jahren. Antwerpen, 7. Oktober. Einen ergreifenden Beitrag zu dem Kapitel von dem Jammer und Elend, welchem so viele Auswanderer verfallen, liefert der folgende Zwischenfall, der dem „Berl. Tgbl." berichtet wird: In den ersten Tagen des September reiste von hier eine russisch-jüdische Frau Namens Gitel Fosp e in Begleitung zweier Kinder von 4 und 6 Jahren auf dem Dampfer „Rhynland" nach Newnork. Sie hatie etwa die Hälfte der Reise zurückgelegt, da wurde das jüngste Kind mit einem Male krank und starb trotz der sorgfältigsten Pflege der Mutter. Diese war außer sich vor Schmerz; Tag und Nacht weinte und januncrte sie an der Leiche ihres Lieblings, als dann aber die Schiffsleute zu ihr kamen, ihr die Leiche Wegnahmen und dieselbe, der gesetzlichen Vorschrift gemäß, in das Meer versenkten, da wurde die unglückliche Mutter wahnsinnig. So kam sie mit dem ihr übriggebliebenem Kinde, dessen der Kapitän des , Rhynland" sich angenommen hatte, nach Newyork, wo die Behörden sie zuerst nach einem Krankenhause brachten, dann aber auf den „Rhynland" wieder zurückschickten. Gestern nun traf die arme Frau, die fortwährend in herzzerreißender Weise nach ihrem gestorbenem Kinde ruft, in Begleitung des noch lebenden Söhnchens Hierselbst wieder ein. Hier sorgte die Polizü dafür, daß die Mutter in dem St. Elisabeth-Hospital Aufnahme fand, während des Kindes die Armenve.waltung sich annahm, und wahrscheinlich werden Beide noch lange hier bleiben müssen, da weder von der Wahnsinnigen noch von dem Kinde eine hinreichende Auskunft über den Heimatsort derselben zu erhalten ist. Wenn man von einer solchen erschütternden Auswanderergeschichte hört, so fragt man sich unwillkürlich, was für Szenen erst in Brasilien Vorkommen mögen, wo laut dem amtlichen Berichte des belgischen Ministers des Auswärtigen hunderte von Kindern europäischer Einwanderer in Folge der Entbehrungen und Anstrengungen in der letzteren Zeit dahingestorben sind. London. Die erste Generalversammlung der von Baron .vS i r sch gegründeten jüdischen Colonisationsgesellschaft fand vergangenen Mittwoch unter Vorsitz des Sir Julian Goldsmid Brt. M. P. statt. Die Sitzung hatte lediglich einen formellen Charakter, da nur die Wahl einiger Vorstandsmitglieder erfolgte und d'e Eompletirung des Vorstandes für die Zeit Vorbehalten wurde, bis Baron Hirsch wieder nach England kommen werde. Baron Hirsch wurde zum ersten Präsidenten ernannt. Es wurde ferner die Geschäftsordnung, in welcher die Rechte und Pflichten des Vorstandes und der Directoren bestimmt werden, genehmigt. M. Jules Dietz, ein hervorragender französischer Anwalt, war als Vertreter des Baron Hirsch in dieser Versammlung erschienen und machte derselben Mittheilung über die vorbereiteten Schritte, welche zum Ankäufe von Ländereien zur Ansiedlung von Eolonisten unternommen wurden. London. Der Austus des Eomites für den zu Gunsten der russischen Juden zu bildenden Hilfsfond hat in Verbindung mit der von dem Oberrabbincr Dr. Adler in fämmtlichen Synagogen eingeleiteten Artion seine Wirkung nicht verfehlt. Die eben veröffentlichte erste Lifte von Spenden weift eine rotalsumme von 39823 1 17 s 6 d. London. Englands Poeta laureatus über d ie russischen Judenverfolgungen. Lord Tennvson hat an ein Mitglied des ruffischjüdischen Eomites den folgenden Brief gerichtet: Mein Herr! Ich habe gelesen, was über die russischen Verfolgungen von Ihrer Zeitung sVarLest Russia) und von der Presse im Allgemeinen berichtet wird, und kann, wenn dies wahr ist, nur sagen, das Rußland seine Kirche und sein Volk geschändet hat. Ich bin einmal mit dem Kaiser von Rußland zusammen gewesen. Er schien mir ein freundlicher gutmüthiger Mann zu sein. Ich kann kaum glauben, daß er von den Barbare'en die scheinbar mit seiner Zustimmung verübt werden, vollkommen j unterrichtet ist.

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