Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 42 (23.10.1891)
- Date
- 1891-10-23
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 780 Oestrrrrichifchr Wocheufchrist. Nr. 42 Chef-Redacteur der „National - Ztg.", unter der Überschrift „Kleinasiatische Streiszüge" in dem genannten Blatte veröffentlicht, einen diesem Thema geltenden Passus hier wiederzugeben. In dem aus Eskischeher, 23. September datirten Schreiben heißt es: „Es war gerade Markttag in Eskischeher und das Comptoir d:s H'.rn Cohn wurde nicht leer von B such er n, würdigen Turbanträgern, die ihre Geschäfte mit einer feierlichen Grandezza abmachten. Die ganze Stadt wimmelte von Besuchern, auf ztvei weitläufigen Plätzen wurde Viehmarkt gehalten, und nur mit Mühe hatten unsere Pferde durch die im Bazar sich drängende Mänge sich Platz machen können. Herr Cohn führte uns auf die Plattform seines stattlichen Wohnhauses. Es liegt in der oberen, der Türkenstadt. Man übersieht von dock die Stadt, die sich den Berg hinab nach dem Purfek zieht und hinter demselben, der Bahnstation zu, wieder ansetzt. Schon erglänzten die Berge, welche die große Ebene rings umragen, im Abendlichte, das seine lichtesten Töne gerade da aufsetzt, wo es an allem und jeden Bauinschlag fehlt. Ich frug nach Gegenwart und Zukunft Eskischeher s. „Sehen Sie hier unten die Häuser sich ziehen," sagte nun Herr Cohn. „Früher sprach man von zwei Stadttheilen. Hier, die alte, die Türkenstadt, dort über dem langen Damm drüben die Marktftadt, der Bazar. Es ist noch gar nicht lange, daß die dritte Stadt dazu gekommen ist, links vom Purfek. Die Stadt der Eisenbahn und der Kolonisten, diese Stadt ist es, die wächst und der die Zukunft gehört. Cafes und Kneipen aller Art, für die Bevölkerung, die uns der Bahnbau zugeführt hat, aber auch eine Menge solider Elem nte, die auf dauernde Ansiedlung sich eingerichtet haben. Stundenweit haben wir hier fruchtbaren, des Anbaues durchaus würdigen Boden. Er wartet nur noch der Hände, die ihn rultiviren sollen. Und diese finden sich schon ein. Vor allem sind es die Tartarcn aus der Dobrutscha, die hierher kommen. Arme, zerlumpte Leute, wenn sie ankommen, aber fleißig und betriebsam. Es dauert nicht lange, so haben sie sich ihren Hof eingerichtet, wenn auch nur aus Luststeiner gebart und dürftig bedeckt. Unausgesetzt wird daran gebaut und ausgebessert, und sie alle kommen sichtlich zum Wohlstand. Immer auf's neue langt ein Trupp an und macht dieselbe günstige Stufenfolge durch. Ein griechisches und ein armenisches Viertel wachst sich heraus. So ist die Bevölkerung stark im Zunehmen. Aber wie viele Menschen könnte dies Land noch ernähren!" Ich frug nach ben Grundstücksprcisen. Die Speculation ist natürlich nicht ausgeblieben. 'Nächst dem Zukunftsbahnhofe ist bereits alles in festen Händen, und die Arschien kostet soviel Piaster, als vor Kurzem noch zehn Parastücke. Selbst der Sultan, heißt es, bekanntlich ein finanziell sehr unternehmender Herr, hat ein großes Terrain nächst der Station erworben, auf dem er ein weitläufiges Magazin zur Aufstapelung von Getreide und anderen Landesproducten errichten will. Ich brachte die Sprache auf die in Europa verbreitete Zeitungsnotiz von der Absicht, die unglücklichen aus Rußland flüchtenden Israeliten in Anatolien anzusiedeln. „Ich habe nie etwas von einem solchen Plane gehört", meinte Herr Cohn, „aber ich begreife nicht, warum er nicht ausgeführt wird. So gut wie in Australien und Argentinien würden eö di? Leute sicher hier haben, und es ist näher. Das Klima ist gesund, Fieber haben wir hier nicht, das Land ist wohlfeil, Wasser ist vorhanden oder überall zu finden, so ist auch ein Theil des Landes zu bewässern; er steht allerdings etwas höher im Preise Ich weiß ja", fuhr er fort, „was man in Konstantinopel sagt, Räubergeschichten und kein Ende. Das ist alles Unsinn, fragen Sic nur meine Schwester, die aus Konstantinopel bei uns zu Besuch ist. Wir haben noch in ben letzten Tagen einen vier Stunden weiten Ausflug zu Fuß in de Berge gemacht, ohne jede weitere Begleitung und mit dem Gefühl der Sicherheit, als gingen wir an den süßen Wassern Konstantinopels spazieren." Die junge Dame bestätigte das. Sie hatte nicht daran gedacht, sich zu fürchten. „Das schlimmste Element," fuhr Herr Cohn fort, „das wir haben, sind die Tscheckefsen, aber auch mit ihnen läßt sich leben." Das ist die Meinung Herrn Coh n's, für die ich noch manches Bestätigende hörte. Ein Reisender wie ich, der nur flüchtig das Land durcheilt, kann dem U.theil einer s olchen Autorität nichts zn- oder abthun. Aber der Augenschein lehrt, daß die Kolonisation hier gelingen kann; es ist eine Freude, durch das tartarische Quartier zn reiten, mit den weitläufigen Hofra'then und der behaglichen, freundlichen Bevölkerung. Die Schätze, die in Anatolien zu haben sind, liegen offen vor allen Augen. Sie bestehen in dem fruchtbaren Boden und den fast noch gänzlich unbenutzten Strömen, dem herrlichen Sakarin und dem Purfek, beide zur Bewässerung und als treibende Kraft hervorragend geeignet. Das Land gehört der Landwirthschaft und den landwirthschaftiiä en Nebeirbetrieben. Ich kann nicht vermelden, was an mineralischen Schätzen sich in der Erde verbirgt; Untersuckningen sind sicher vielfach gemacht worden und werden sich jedenfalls noch wiederholen; ich wünsche ihnen den besten Erfolg, wenn sie auch anscheinend noch nichts über allen Zweifel Erhabenes an den Tag gefördert haben. Gerade neben dem Hotel, in dem ich hier wohne, liegt eine Mühle. Ein Grieche hat sich die Wasserkraft für ein geringes Geld gekauft und mahlt seit vorigem Winter unausgesetzt mit acht Steinen. Der Lärm, den es drüben im Mühlhofe setzt, ist für die Hotelgäste manchmal störend, aber d'r Besitzer wird zweifellos bald zum reichen Mann werden. Roch unendlich günstiger aber liegen in dieser Richtung die Dinge am mittleren und unteren Sakarin ...." Halle, 9. Oktober. Herr Professor Dr. Alfred Kirchhofs an der hiesigen Universität, von Herrn Carl Ed. Klopfer in München uni seine Meinung über die Judenfrage angegangen, äußerte sich darüber wie folgt: „Dem jüdischen Volk verdanken wir im alten Testament ein unvergleichliches Kleinod, welches seit Jahrhunderten untrennbar v.r knüpft ist mit der Erziehung unseres eigenen Volkes. Den unter uns zerstreut lebenden Juden ist während der finsteren Zeiten des Mittelalters mancher üble Charakterzug ausgeprägt worden, was deren Nachkommen heute mehr schädigt als unsere ganzen barbarischen Ruchlosigkeiten gegen ihre Vorfahren. Wir Deutsche sollen die sittlichen Schwächen, welche wir hier und da an unseren Juden bemerken, nicht nachahmen, aber auch nicht pharisäisch letztere verdammen, wenn sich bei ihnen Rückwirkungen jenes eigensüchtigen Ausbeutungsbetriebes und Schachersinnes zeigen, wie er jener mittelalterlichen Aera durch unser eigenes Verschulden erwuchs, da wir die Juden vom freien Grunderwerb und Handwerk ausschlossen, nur Handel und Geldleihcn auf Zins ihnen vergönnten, um (wie es gelegentlich, ja nur zn oft geschehen) die jüdischen Gläubiger hinzuopfern, die Brandfackel in's Judenviertel zu schleudern, auf daß wir des Zinses für die geliehenen Gold- und Silberschätze