Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 42 (23.10.1891)
- Date
- 1891-10-23
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 778 Oestrrreichifchr Wochenschrift. 42 die Strapazen und Entbehrungen der Reise starben sie in großer Zahl dahin". Soweit der Bericht des Fürsten Demidoff. Er liest sich wie die Blätter aus den erschütternden Berichten George Kennans über Sibirien, und dabei waren die Juden doch keine Sträftinge! Die landläufige Klage über Wucher wird den nicht täuschen, der mit den Verhältnissen in Rußland einigermaßen vertraut ist. Das Septenrber-Heft der Preußischen Jahrbücher bringt einen Aufsatz über die wirthschaftlichen Zustände in Rußland, dem wir folgende Schilderung entnehmen: „In vielen Gegenden hat sich eine Art von neuem Leibeigenthumsrecht eingebürgert! als Leibherrn erscheinen nicht mehr die Gutsbesitzer, sondern Krüger, Kulake') und Gemeindefresser; rohe, halb schriftkundigc Räuber, die das Volk nnt erbarmungsloser Consequenz ruiniren. Die Nothwendigkeit, die Steuern zu der wirthschaftlich ungünstigen Zeit zu entrichten, sowie unvermeidliche wirthschaftlich e Bedürfnisse zwingen die bäuerlichen Massen zu einem so nwrderischen Credit zu greifen, wie er den schlimmsten Wucherern des Westens nicht in den Sinn gekommen ist. Es bildeten sich besondere Arten von Handel: der Handel mit Arbeitskraft und der Kauf und Verkauf bäuerlicher „Seelen" (d. h. Seelen- Landantheilen'). „In den Dörfern umherfahrend" — sagt einer der Erforscher unserer Volkswirthschaft — „versehen die Wucherer die Bauern mit Geld gegen die Verpflichtung des Borgers, die Schuld mit Sommer-Arbeit zu tilgen und die auf solche Weise erkaufte Arbeitskraft verkaufen sie zwei-, dreimal theuerer an Solche, die ihrer bedürfen. Diese Erscheinung ist gleichmäßig im Süden wie im Norden verbreitet. Winters wenn den Armen die Execution für unbezahlte Steuern droht, oder Frühjahrs, wann er nichts zu essen hat, kauft der Zehntmann (so nennt man hier die Händler mit Menschen), die Sommermühe der Armen für einen Spottpreis, indem er ihnen einen Spottpreis von 15 bis 30 Rubel auf den Menschen vorausgibt. Im Frühling treiben die Zehentmänner ganze Geuoffenschaften von Arbeiten zu industriellen Waldarbeiten zum Schiffefchleppen und in die Fabriken, nachdem sie dieselben vorher den großen Industriellen für den doppelten Preis verkauft haben. Andere Händler derselben Sorte fahren durch die Dorer umher, ausschließlich zum Einkauf von Kindern. Viele arme Eltern verkaufen um billigen Preis ihre Kinder den Aufkäufern auf mehrere Jahre, in deren Verlauf die Kinder in der Eigenschaft von Lehrlingen bei Handwerkern oder Häuslern sich befinden sollen. Nachdem der Auftäufer auf diese Art ein paar Zehent Kinder erstanden, sendet er sie auf Fuhren nach Petersburg, ähnlich wie Kälber von den dieses Gewerbe Betreibenden zur Stadt gefahren werden. In Petersburg werden die Kinder für doppelten und dreifachen Preis an die Manufacturen und Handelsläden verkauft." Diese schändlichen Kulake sind echte Russen, keine Juden! Die Juden, heißt es, werden bedrückt, im Interesse der arbeitenden Bevölkerung Rußlands. Erstens aber gehört ein bedeutender Theil der Juden selbst ebensosehr zur arbeitenden 1 Kulak, eigentlich die Faust, ist eine in der neuen Zeit entstandene Bezeichnung der Leute, die in der Bauernschaft die Gewalt über andere an sich gerissen haben und sie als Dorftyrannen üben. Sehr nahe verwandt ist der Gemeindesresser. - Das ist der den Bauern zugefallene Antheil am Gcmeinlande. Bevölkerung, wie die russischen Bauern und Arbeiter. Und zweitens, was gewinnt denn die arbeitende Bevölkerung dadurch daß sie ausschließlich den christlichen Ausbeutern preisgegeben wird? — Gar nichts, oder vielmehr, sie verliert sogar dabei wie immer, wenn die Concurrenz zwischen den Ausbeutern abg schwächt wird. Im Folgenden bringen wir einen der vielen Beweise für die — übrigens augenfällige — Richtigkeit jener Behauptung: „Die Lage der Hausindustriellcu (Kustari) in Pawlowa muß uuwillkürlich Aufmerksamkeit auf sich lenken. In der That, die Ueberüllung des Marktes und, als Folge derselben, die äußerst niedrigen Preise der Hausindustrie-Erzeugnisse, der Mangel an einen billigen Credit, — all' dies hat die ökonomische Lage der Pawlower Kustari zu einer — mild gesprochen — äußerst drückenden gemacht. 18—19 Stunden mit Weib und Kind an der Arbeit, verdient der Kustar mit knapper Noch sein tägliches Brod. Seitdem aus Bcrfügung des Gouverneurs die jüdischen Aufkäufer vom Markte ausgeschlossen sind, hat sich die Lage der Kustari noch mehr verschlimmert. D.ie Juden kauften ihnen allwöchentlich für mehrere Taus cnd Rubel Waaren und zwar gegen Baar ab. Jetzt muß sich der Kustar mit seinen Erzeugnissen — deren Werth in die Tausende geht — an den Wucherer wenden, der sich für das vorgeftreckre Gelde zwei und mehr Prozent Zins per Woche bezahlen läßt. Die Dualität der Waren sinkt. Der Kustar ist völlig vom Aufkäufer abhängig." („Russk. Wjedom.", :llr. 60.) Dieselbe Erscheinung wird voit Herrn Korolenko in der „Russkaja Mißl" konstatirt. In seinem Artikel „Skizzen aus Pawlowo" bestätigt er ebenfalls, daß die Ausschließung der jüdischen Aufkäilfer sich sehr ungünstig für die Kustari erwiesen habe. Er erzählt, daß diese ihn freudig ausgenommen hatten, da sie ihn für einen Juden hielten. — Es wurde somit allgemein bekannt, welche Folgen die „antisemitische" Maßnahme des Nischni-Nowgoroder Golwerneurs nach sich gezogen hat. Wir haben aber noch nichts von der Zurücknahme jener Verfügung gehört. Die Kustari tragen den Schaden und murren, die Juden klagen bitterlich über Ungerechtigkeit — was hat aber all' dieses zu sagen? Die rechtgläubigen Wucherer machen blühende Geschäfte — das war auch das Einzige, was unsere Antisemiten haben erreichen wollen! Die Verhältnisse haben . es seit Langem bewirkt, das; gegen die Juden nicht so sehr die Vertreter des industriellen Großkapitals als die Händler und insbesondere die Wucherer der verschiedensten Nationalitäten, Sprachen und E o nf e s s i o n e n zu Felde ziehen. So oft wir diese Thatsache bereits hervorgehoben und gezeichnet haben, wir lnußten sie neuerdings in Erinnerung bringen! Erinnerungen an Meyerbeer. Alerand er Weilt veröffentlicht die nachfolgenden persönlichen Reminisccnzen an Giacomo Meycrbcer: „Meine Freundschaft mit Meyerbeer, welche dreißig Jahre währte und von Tag zu Tag inniger wurde, (wie ich dies in „Briefen über berühmte Männer" vor drei Jahren in deutscher Sprache veröffentlichte) datirt von der ersten Aufführung seines „Robert der Teufel" zu Frankfurt gegen das Ende das Jahres 1835 oder 1836. Zu jener Zeit war ich der alleinige Herausgeber eines kleinen Blattes „Tris" und in meiner Nori; über seine Oper wies ich nach, daß drei der Nummern aus der Synagogenmusik entnonnncn wären. Ich kann sie nicht alle nennen, aber ich kann mich sehrgut erinnern, ihm bewiesen zu haben, daß der Chor der jungen Mädchen an die Königin im zweiten Akte derselbe Gesang war, wie monneda rv'simcda aus dem Semiroth, welches die Juden am Freitag Abend nach dem Essen singen, bevor sie ihr Gebet beginnen. Mcyerbccr besuchte mich in der Judengasse in meinem Zimmer, welches ich sieben Jahre bewohnte und in welchein einst Ludwig Börne das Licht der Welt erblick;