Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 42 (23.10.1891)
- Date
- 1891-10-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3020847-3020890--00800-3024808- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
dir. 42 Oesterreichifche Wochrnschrist, Seite 777 fordert dieselben auf, die Kinder in die Schule zu schicken. Die Eingepfarrten schicken keine einzige Seele. Ich höre, die Deutschen seien besorgt, daß nicht eines ihrer Kinder ungeschutt bleibe. Ich höre, daß auch bei den Juden alle Kinder ohne Ausnahme geschult werden. Ich höre, ein armer jüdischer Taglöhuer hat einen ganz unbedeutenden Verdienst, aber er und seine Familie verleben davon nur einen unbedeutenden Theil, für das Uebrige unterhält er einen Sohn ans der Universität, einen anderen ans dein Gmnnasitun u. s. w. Sehet, rechtgläubige Russen, die Juden gehen au ihrem Sabbath ohne Ausnahme in ihre Sunagogeu und beten dorr zu Gott. LrZohin aber gehen die Russen? Sie gehen auf die Märkte, auch wenn sie dort nichts zu thun haben, lungern sie aus den Straßen herum und füllen die Schankstelleu. Sehet es an und denket darüber nach! Am jüdischen Sabbath, wenn die Inden feiern und nicht reisen, pflegen die (5'iscnbahnzüge leer zu sein rrnd die Dainpsschissahrts-Aerbindiing zwischen unseren Städten ist sogar ganz unterbrochen. Ich bin von Kindheit au gewohnt, zu sehen, daß in vveftrußlaiid in den Städten und Dertern jeder Handel stockt, wenn die Juden feiern, und selbst Glmveriiementsstädte nehmen ein feiertägliches Aussehen an. "Nicht mit Hilfe der Gewalt, sondern mit moralischen Machtmitteln, durch die Achtung vor ihrem Gesetze und vor den Geboten der Väter bringen die Inden an ihren Feiertagen das allgemein-russische Leben zum Stillstand. Die Unserigcn aber achten ihr göttliches Gesetz nicht, nicht ihre altrussischen Gebräuche 'und treten den russischen Namen in den Koth. . . Gehen wir nun zur Vvlkssirtiichkeit über. Die Kinder schlagen die Eltern und diese wieder ihre Eltern n. s. f. Das fällt in die Augen, ist allgemein verbreitet und lief betrübend. Fahre ich aus Odessa aus die Brywaja-Balka, so sehe ich fast an jedem Hanse ein Schild mit der Aufschrift: „Restaurant mit Getränken und Tabak", immer ein und dasselbe zehnmal und ohne Zweifel hundertmal. Da fing ich denn an. die Russen in den nächsten Dörfern, durch die ich fuhr, auszusragen: ..Sagt mir doch, Ihr lieben Leute, hat von Euch jemals Einer einen betrunkenen Inden gesehen?" Die Russen schweigen oder antworten: „'klein, niemals." Ich bestätige dies: „In meiner Kindheit habe ich viele Juden beim Vergnügen gesehen, gewöhnlich zum vergnüglichen Haman. Habt Ihr aber einen Juden gesehen, der sich betrunken ans der Straße wälztJ" — „'klein, niemals." Ich bekräftige auch, ich hätte noch keinen betrunkenen Inden gesehen, „denn für ihn ist cs eine Schande, sich betrunken aus der Straße zu wälzen, für den Russen aber ist es keine Schande" . . . „Sagt mal, betritt ein Jude jemals eine Schänke." Antwort: „Er Handel! darin." — „Ja sie halten sich darin ans, um zu handeln." — „Gehen sic aber auch dahin, um dort vergnügt zu sein, um so recht zu schwnchten. Sic niuworteu mit Schweigen. So sprach ein russischer Erzbischof über die Tugenden der jüdischen Rasse und er hat freimüthig der Arbeitsfreudigkeit und Nüchternheit der russischen Juden ein Zcugniß ausgestellt, welchem die Berliner vertraulichen Freunde der russischen Regierllug detl autoratären Eharakter nicht abstreiten wird. Daß die Ackerbauversuche ben Juden in Rußland nicht wegen der Untauglichkeit der jüdischen Rasse zur Bodenarbeit scheiterten, dafür haben wir ein classisches Zeugniß in dem Berichte des Fürsten Deuridosf San Donato welchen derselbe über die Judenfrage in Rußland, im Jahre 1883 auf Grund authentischer Doeumente erstattete. Wir geben denselben hieinit nach dem Auszuge, welcher in dern von uns bereits angezeigten Buche „Des lluiks äe Kassie" erschienen ist: „Die Regierung unterließ es nicht, daran zu denken, die Juden zum Ackerbau zu ermuthigen. Im Jahre 1804 wies dieselbe in Gemäßheit des Reglements vom selben Jahre 30.000 Dessiatinen Landes (1 Dessiatine - 109 25 Ar) zu diesem Zwecke in Neu-Rußland an, und im Jahre 1810 wurden mehr als 3640 Personen beiderlei Geschlechtes aus ihr eigenes Verlangen in b’:efe Ländereien im Gouvernement K h e r s o n transportirt. Neueste Transporte jüdischer Eolonisten in diese Gegenden fanden im Jahre 1833 und die folgenden Jahre bis zum Jahre 1860 statt. Versuche gleicher Art wurden in S ib i r i e n gemacht. Im Jahre 1836 wies man daselbst den Juden 15154 Dessiatinen Landes im Gouvernement Tomsk und in der Provinz von Omsk an und brachte 1317 Personen dahin. Im folgenden Jahre bestimmte die Regierung überdies noch 13.363 Dessiatinen Landes in der Provinz Omsk für die Juden, welche sich freiwillig dahin begeben wollten; aber als die Eolonisten bereits unterwegs waren, kam plötzlich die Ordre, Alles z u s u s p e n d i r e n, sie umkehren zu heißen und in die Colonieu des Gouvernement von Kherson zu transportiren, da die Niederlassung von Juden in Sibirien von nun ab vollständig verboten wurde. Diese Colonisativnsversuche sind nicht geglückt und unter den Bedingungen, unter denen sie erfolgten, war ihr Gelingen unmöglich. Statt die Juden vor Allem auf Ländereien anzusiedeln, welche nahe bei ihrem Domicile lagen, transportirte man sie sehr weit in Provinzen, deren Klima ein anderes war und wo Krankheiten sie decimirten. Den ärmsten Elasten angehörig und durch ihre und ihrer Vorfahren Leiden mit körperlichem Elend behaftet, geschwächt durch die langwierige Reise, wo ihnen weder Entbehrungen noch schlechte Behandlung gefehlt hatte, unbekannt mit den einfachsten Handgriffen des Ackerbaues, kamen dieselben in wüste Gegenden aus einen noch unbebauten Boden schlechtester Dualität, welchen nur geübte Hände urbar machen konnten. Das Klima dieser Gegend war äußerst rauh, und in der ersten Zeit hatten sie weder Häuser noch Wirthschaftsutensilien noch Ackergeräthe. Die Sterblichkeit unter ihnen war sehr groß, di: Ernten schlecht. Die Verantwortung für den Mißerfolg fällt auch zum größten Theile auf die Beamten, welche mir der Leitung betraut waren. Die Regierung sicherte den Eolonisten 175 Rubel für die Familie zu. Ein Reglement bestimmte jedoch, daß sie nur 30 Rubel aus die Hand bekommen sollten und daß die Administration ihnen für den Rest Häuser erbauen und Ackergeräthe kaufen werde. „Aber die Häuser und die beigestellten Utensilien waren nichts wert)". Im Lause des Jahres 1846 wollte man im Gouvernement von Jekatarinoölaw 185 jüdische Familien aus Witebsk ansiedeln, aber am 18. December war kein einziges Gebäude, welches die Eolonisten bewohnen sollten, sertiggestellt und das war am 18. Februar 1847 noch nicht der Fall. Die Wohnungen, welche man ihnen schließlich gab, waren zu klein, zu niedrig, ein Mann mittlerer Größe konnte nicht einmal aufrecht darin stehen. Da dieselben mitten im Winter bei einer Kälte von 32 Grad in feuchtem und niederem Grunde, ohne Fundament erbaut waren, so mußten sie bei der ersten Hitze zu Ruinen zusammenfallen und bei dem geringsten Winde einstürzen. „Die Eolonisten litten unter großen Uebelständen, welche durch Kälte und Feuchtigkeit verursacht waren; der Skorbut tauchte unter ihnen auf. Bald waren 83 Häuser nichts mehr als Lattengerüste und stürzten in einem Zeitraum von 29 Tagen zusammen; in 18 anderen Hausern sielen die Rauchfänge ein, in 4 brachen die Balken; in 3 sielen die Dächer und Plafonds in Trümmer und Wind und Schnee hatten freien Zutritt". Die jüdischen Eolonisten, welche sich entschlosserl hatten, nach Sibirien zu gehen, wurden von den Beamten, die beauftragt waren, sie zu escortiren, grausam maltraitirt und erhielten bei ihrer Ankunft an ihrem Bestimmungsorte weder Getreide noch Arbeitsvieh, das ihnen versprochen wurde. Erschöpft durch