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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-10-23 · 42 (23.10.1891) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
42 (23.10.1891)
Date
1891-10-23
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Nr. 42 Orstrrrrichischr Wochenschrift. Seite 776 lhum nicht berrchtigl ist, auf die christliche Gesetzgebung und die christliche Gesellschaftsordnung einen Einfluß auszuüben, — weil cs dieselbe nicht begreift und sie ihm der Natur nach etwas Entgegengesetztes ist; — »vir verurtheileu auch nicht jenes Streben, daß sich aus vielen christlichen Seiten bemerkbar macht — wonach sich das Ehristenthuin gegen die jüdische Auffassung von der Aufgabe des Menschen zu verwahren hat, weil das Judenthum den Glauben an das künftige Leben nicht besitzt (siche Renan's Werk über den Ecclesiasten Kohcl und die Abhandlung des Dr. Lagucan an der medizinischen Facultät in Paris), während sich die christliche Moral aus diesen Glauben stützt; — aber wir können jene fatschen und lügenhaften Lehren nicht billigen, die geradezu die Verfolgung der Juden verlangen, indem sie behaupten, daß die Gleichberechtigung der Juden den Wohlstand der christlichen Völker untergräbt. Und dennoch glauben heute viele, ja sogar ganze Gesellschaftsklassen an diese Lehren, und wenn man heute die Frage zur allgemeinen Abstimmung brächte, ob es nicht dem allgemeinen Wähle förderlich wäre, die Gleichberechtigung ein wenig den antisemitischen Forderungen gemäß zuzuschneiden? Wir fürchten es würde sich ein Votum ergeben, daß in geringer Harmonie zu den anderen Principien des aussterbenden 19. Jahrhunderts stünde. Jetzt nehmet an, es würde bei solchen Bewandtnissen aus einmal heißen.- die Juden wandern aus Rußland in die neue Welt! Was würde die Volksmaffe in den anderen Ländern dazu sagen? Wer kann die Bewegung bis zu Ende denken, die von da an, in vielen Staaten und Ländern Europas, und vielleicht auch bei uns, entstünde? Wäre diese Bewegung den Juden von Vortheil? Da springt das Blatt wieder von dem Rassenauf den christlich-sozialen Antiscmiti<mus über. Von einem „Kroaten," (es ist ja bekannt welchen Ruf dieses Volk in der Geschichte hat) nimmt sich das Augenverdrehen und das Absprechen der Ideale der Juden recht kölnisch aus. Nun wir wollen es auch diesen Kroaten sagen, daß bei dem ganzen christlich-sozialen Antisemitismus die Schlechtigkeit und Unwissenheit Hand in Hand gehen. Das was man christliche Gesetzgebung und christliche Gesellschaftsordnung nennt, ist jüdische Gesetzgebung und jüdische Gesellschaftsordnung, und daß „das Judenthum den Glauben an das künftige Leben nicht besitze," ist schon deshalb eine Lüge, weil ihn sonst das Christenthum auch nicht hätte, denn das Christenthum hat Alles nur dcnl Judenthume entlehnt, selbst das Dogma der Dreieinigkeit wird aus dem alten Testamente zu begründen gesucht. Die sich Christen nennenden Antisemiten haben jedoch den Glauben an die künftige Welt nicht, denn wenn man vor den Richterstuhl Gottes zu kommen glaubt, kann man keine Menschen systematisch verfolgen; während wir Juden aber gerade in diesem starken Glauben unser achtzehnhundertjähriges Martyrium ertragen hohen. Und in diesem Glauben leben und weben wir auch heute uttb bleiben gleichgiltig gegen das Lächeln oder Grinsen des Einen oder des Anderen, denn auch Euer Lächeln ist Bosheit. Das kroatische Blatt bemerkt schließlich: ..aber wir sind glücklich, daß das Hirsch'sche Unternehmen für Kroatien ein vollständiger und wirklicher Anachronismus ist, d. h. daß dasselbe bei uns keinen Zweck und kein Objekt hat. Wir brauchen keine Judenfrage, damit aber auch jener Grund zum Antisemitismus schwinde, welcher bei uns, wenn auch nur theoretisch, einige für sich gewonnen hat, mögen und sollen alle Juden Kroatiens das Gleiche anstreben, wie einige die sich als kroatische Patrioten auszeichnen, obgleich sie von Geburt und Religion Juden sind". Wenn die „Narodne Novine“ keine Judenfrage wollte, wozu hat sie den ganzen Artikel geschrieben? Anklagen gegen die rufstschenIuden. Von einer Berliner Kaufmannsfirma wurde dieser Tage an ein befteundetes Haus in Wim über die Ursachen der russischen Judenhetzen einen Bericht etstattet, in welchem das Vorgehen der russischen Behörden unter allerlei Vorwänden zn beschönigen gesucht wird. Man verdächtigt den Charakter der russischen Juden und hat nicht übel Lust, die Allsstreuungen über den russischen Judenhaß als „übertrieben" zu vermthcilen. Demgtgenübcr muß an einige bekannte Thatsachen neuerdings erinnert werden. Die „Rowoj' Wremja" hat in Nr. 5440 vorn 3. Mai einen Leitartikel „Die Lösung der Judenfrage" publicirt, in welchem folgende russische Ctilblüthe zu lesen war: „Bor einiger Zeit hielten die Vertreter der jüdischen Haute- Finance Berathungen darüber ab, wo die Inden, welche ans Moskau ansgewiesen werden, nnterznbringen sind. Polen, die südlichen und westlichen Gouvernements Rußlands find von früher her mir Juden bereits dermaßen überfüllt, daß sie den Moskauer Transport, welche», bald andere große Transporte ans allen übrigen Städten Rußland-' folgen werden, unmöglich aufnehme», geschweige die Bedirrgiingeu zu einer auch nur einigermaßen erträglichen Existenz bieten können. Es bleibt den Auswandernden nur das trestlichc Europa und die amerikanische Union, aber auch hier sind und werden Barrieren gegen die Juden errichtet. Das neue amerikanische Eiuwandcrergcsetz bezweckt ausschließlich den Zustrom russischer Juden zu hemmen; obgleich dies im Texte des Gesetzes nicht ausdrücklich gesagt wurde, wird dasselbe nach dem Geständnisse der Amerikaner von den Erccutiv-Orgauen derart gehandhabt werden, daß die Grenzen der Republik für jüdisch-russische Einwanderer thatsächlich verschlossen sind. Ebenso nimmt das westliche Europa unsere Inden sehr ungern auf; die Regierungen Deutschlands, Oesterreichs und Rumäniens schicken sic mit Polizei und Gensdarmerie über die Grenze zurück. In Folge dessen richtet sich der Strom der Auswanderer nach Großbritannien, und derselbe wird verstärkt werden, sobald die Vereinigten Staaten ihre Grenzen den jüdischen Emigranten verschließen werden. Diese Perspective beunruhigt die Engländer. In diesen Tagen sollte im Londoner Ralhhaus ein Meeting ftattsinden, um zu besprechen, auf welche Art das Zuströmen der zu erwartenden Tausenden von Flüchtlingen zu verhindern sei. Unsere Inden haben also keine Zufluchtsstätte, es bleibt ihnen also nichts anderes übrig, als in die Erde zu verschwinden." In diesenl russischen Tone hetzte das Blatt, um dann zu dem Schlüße zu gelangen, daß es die Pflicht der reichen Juden wäre, „den Messias zu spielen und einen großen Exodus zu schaffen"; die Juden mögen ihre Schulden an Private wie an den Staat zahlen „und dann nach allen Richlungen der Windrose ihrer Wege gehen!!" Wie sieht cs in Wahrheit ans mit den russischen Inden? Sind sie „arbeitsscheu" und „wucherisch?" Selbst in Rußland fehlt cs ja nicht an Männern, welche den Charakter des jüdischen Volkes objeetio beurtheilen. Ter gefeierte Erzbischof Nikanor von Odessa hat in einer Rede vom September 1889 den russischen Juden nachstehendes Zeugniß ausgestellt: Was aber die Juden augeht, so hat ihnen das Gesetz niemals besondere Privilegien gewährt. Der Jude und der Deutsche bahnen sich bei uns mit ihrer Arbeit und ihrem Verstände einen Weg zu ihrem Wohlergehen. Heute schiebt maus aus das Glück, morgen aus den Zufall, aber — um Gotteswillen, zu beständigem Erfolg gehört auch einiger Verstand. Den Grund eines so traurigen Zustandes muß man in moralischen Factoren suchen, in den Nationalcharakteren. Inden, ich die Russen mit den Nichtrnssen vergleiche, suche ich den Grund in denjenigen Eigenschaften des rechtgläubigen russischen Volkes, welche meiuer Beobachtung als Geistlicher nahe liegen. Fangen wir mit der Schule an. Da scheu wir denn, daß die Deutschen in einer alten russischen Ansiedlung Land kaufen und eine neue Ansiedlung gründen; sie sind noch nicht so weit, daß sie eine gur eingerichtete Schule hätten eröffnen können, aber sie engagiren sofort selbst ohne fremden Antrieb und Unterstützung einen Lehrer für ihre Kinder. In dem Dorfe errichtet der rechtgläubige Geistliche in seinem eigenen Hanse eine Schule für seine Pfarrkinder und

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