Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 42 (23.10.1891)
- Date
- 1891-10-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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- Hrodna 1× ep/1044655
- Slonim 1× ep/1000502
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Nr. 42 Orsterrrichischr Wochenschrift. Seite 775 der die „Jewish colonisation Association“ in London besprach, und es verräth damit selbst, was es antisemitisch macht, denn welche Actualität hält' diese-Association für die Regierung in Agram, darüber in ihrem Organe Leitartikeln zu lassen, wenn sie nicht eben durch denselben Gegenstand afficirt worden wäre. So schwer ist jedoch in Kroatien da> Terrain in Antisemitismus zu machen, daß das Blatt nur zaghaft daran geht, und es peinlich zuzusehen ist, wie es sich dabei krümmt und windet, um nicht als offener Antisemit ertappt zu werden. Wir glauben daher auch, daß es noch möglich wäre, ihm ins Gewissen zu reden und wollen diesen Versuch wagen, indem wir seinen Ausführungen Satz für Satz mit unseren Bemerkungen folgen. . „Es läßt sich nicht leugnen", sagt die „Narodne Novine“ daß diese Association kein rein speculativcS Institut ist, sondern einigermaßen ein höheres moralisches Gepräge hat; sie ist aber anderseils, auch nicht Humanitär im weiteren Sinne, weil sie sich in ihrer wohlthnenden Wirksamkeit ans den engen Rahmen eines einzigen Stammes beschränkt". Möge uns das Blatt, wenn es so streng über den Humanitären Charakter dieser Association urtheilt, ein humanitäres Institut nennen, das von Kroatien für Deutsche, Magyaren oder Italiener gegründet worden ist. Wir sind nicht so vermessen, z. B. der Akademie in Agram den Humanitären Charakter abzusprechen. Alle Verhälrnisse, Familie, Gemeiitde, Nation, Religion, Staat, bis zur Gesamuktmenschheit legen dem Einzelnen Pflichten auf, und wcnn er sie erfüllt, dient er mittelbar dem Allgemeinen, handelt er human, denn die Menschheit setzt sich aus allen diesen Kreisen zusammen. Es ist nur die Frage, für welches Verhaltniß er mehr opfern muß? Und darauf ist die Antwort: Wo das größere Bedürfniß ist. Wenn die kroatische Station z. B. an einem neuen Aufschwung ihres Lebens arbeitet, ist jeder von ihr verpflicht t, zu ihren Gunsten andere Verhältnisse hintanzusetzen. Ebenso muß der Jude, wenn das Judenthum durch Bedrückungen und Verfolgungen leidet, diesem Verhältnisse die größten Opfer bringen. Die Rettung von Juden ist' aber auch eine Wohlthat unmittelbar an die Menschheit erfüllt, denn der Jude ist der Träger einer Mission für die ganze Menschheit, im Judenthume liegt die reine Gotteslehre geborgen, und aufbewahrt für alle Welt und alle Zeiten. Die „Narodne Novine“ sagt weiter: „Es entsteht die Frage, ob dieses neue Unternehmen zum Heile des über die ganze Welt zerstreuten Semitenstammes fuhren wird? Zwanzig Millionen Gulden sind allerdings ein nettes Sümmchen; aber in Rußland allein gibt es fünf Millionen Juden, von welchen die eine Hälfte gern bereit wäre, ihr heutiges Los niit einem freieren und angenehmeren Leben zu vertauschen. Uebrigens wer über die See ziehen soll, der wird sich wohl dreimal die Frage vorlegen, ob es ihm dort auch wirklich besser gehen wird? Was wird eigentlich den Auswanderern in der neuen Welt in Aussicht gestellt? In erster Linie landwirthschaftliche Unternehmungen- Aber für die Landwirthschaft bekunden die semitischen Stämme nirgends in der Welt, weder intensiven Willen, noch Liebe .... Es ist keine Beleidigung für den jüdischen Stamm, wenn man das constatirt, was sie ja selbst zugeben, nämlich, daß ihnen jede Lebensweise angenehmer ist, als die landwirthschaftliche. Der italienische Schriftsteller Lambrefo sagt in seinem Werke „Der geniale Mensch", daß der semitische Stamm im Verhältnisse zum arischen der Menschheit beinahe ein gleiches Perzent Architekten, Maler, Bildhauer, Juristen, Naturforscher liefert, daß es inehr jüdische Schauspieler, Aerzte, Kaufleute, Musiker und Linguisten gibt, als christliche, dagegen gibt es weniger jüdi'che Reisende und Soldaten der Perzentsaß jüdischer Landwirthe aber verschwindet fast vor jenem der christlichen." Das Blatt leiert hier nur das bekannte Lied aus der Schule des Rassenantisemitismus ab. Wie viele Mal muß es noch wiederholt werden, daß die Juden fünfzehn und ein halbes Jahrhundert innerhalb eines eng begrenzten Binnenlandes wohnten, wo sie nichts als Ackerbau trieben und nicht einmal verstanden, ihre Landesprodukte durch Ausfuhr zu verwerthen. Und auch nachdem sie aus ihrem Lande vertrieben wurden, dauerte es noch Jahrhunderte bis sie durch die Nothwendigkeit ihrer Stellung (nicht eine eiserne Natnrnothwendigkeit), durch ihre Ausschließung vom Grundbesitz, dem Handel anheimfielen. Das ist ein geschichtliches Faktum, so notorisch, daß nur die Böswilligkeit sich davor verschließen kann. Es ist eine bewußte Lüge von der „Narodne Novine“ wenn sie sagt, „die Inden selbst geben es zu, daß ihnen jede Lebensweise angenehmer ist, als die landwirthschaftliche.^ Wo und ivann haben die Juden das zugegeben? Ein uns vorliegendes offizielles Schriftstück der russischen Behörde beweist, wie gern der Jude sich dem Ackerbau hingibt, wenn die Umstände ihm diesen Erwerb ermöglichen, und was er darin leisten kann. Cs ist ein Zeugniß, welches von der Behörde des Distrikts Pozanea dem jüdischen Ackerbauer Jossel Gebzelew Starowolski aus der Gemeinde von Pawlowo, Kreis Slonim, Bezirk Grodno, ausgestellt wurde, weil er darum ersuchte, daß man ihm knscheinigen möge, daß besagte Kolonie Pawlowo seit 1850 bestehe; zu jener Zeit ließen sich, auf höheren Befehl des Kaisers Nicolaus Pawlowitsch, aus Grundstücken, welche zum Krön gut gehörten, 400 Israeliten beiderlei Geschlechts, aus verschiedenen Kreisen des Bezirks Grodno stamniend, nieder. Diese Israeliten, Männer und Frauen, haben sich bis heutigen Tages mit Ackerbau beschäftigt; der Getreidebau war ihre einzige Beschäftigung; sie haben den ihnen zngewiesenen Boden sorgfältig bebaut und gedüngt und find die besten Ackerbauer des Districts geworden. Mit ebensoviel Erfolg betreiben sie auch die Viehzucht, zahlen regelmäßig ihre Steuern an Geld und Naturalien und leben aus gutem Fuße mit den benachbarten Bauern. Die Localbehörden sind mit ihnen zufrieden, und sogar die Centralregierung hat ihnen ihre Befriedigung ausgesprochen wegen der erzielten Erfolge, wegen ihres Lebenswandels :c. infolge der Berichte, welche ihr von den Specialcommissarien, die mit der Jnspicirung der Colonien betraut sind, gemacht wurden. Besagte jüdische Ackerbauer beschäftigen sich während der freien Zeit, die ihnen die Feldarbeit gewährt, als Schneider, Schmiede, Tischler, Kesselschmiede, Schuster, Dachdecker. Dieses Schriftstück, vollgiltig unterschrieben und mit dem kaiserlichen Siegel versehen, ist dem Vorsitzenden des Gemeinderathes übergeben worden. Gedeiht nicht auch das seit ein paar Jahren in Palästina bestehende Dutzend jüdischer Kolonien auf's Vortrefflichste? Und wenn die „Narodne Novine“ nicht absichtlich ihre Augen verschließt, muß sie ja sehen, wie die Juden auf den Dörfern Kroatiens alle landwirthschaftlichen Arbeiten verrichten, gerade so wie die Bauern. Die „Narodne Novine“ üöermannt Rührung und Herzweh über das Schicksal der Juden in ganz Europa, falls die russischen Juden nach Amerika geführt werden. Sie sagt: „Wem ist nicht bekannt, wie viel heute besonders im Eentrunt Europas gegen die Juden geschrieben und gehetzt wird? Wir meinen hier nicht die wissenschaftliche Benrtheilung des Judenthums von Seite vieler christlicher Schriftsteller und Politiker, die da behaupten, daß das Juden-