Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 41 (16.10.1891)
- Date
- 1891-10-16
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 756 Oesterreichische Wochenschrift. Nr. 41 Zig." — „daß die immer nur gewaltsam zurückgehaltene I revolutionäre Propaganda sich lebhafter als je regt und an der Unzufriedenheit und Verzweiflung der darbenden Bauern die Hebel sindet, an denen sie ansetzt. Der Zeitpunkt scheint sich zu nähern, der die unheilvollen Folgen der russischen Finanzwnthschaft, die im letzten Grunde doch nur durch geschickte Speculationen den Schein der Prosperität erschlich, zu Tage bringen wird. An die von der Adels-Agrarbank veranlagten Zwangsverkäufe verschuldeter Güter schließen sich in erschreckender Zahl gleiche Maßregeln in den Gouvernementsbanken und in d n Bauern - Agrarbanken, und ein Ende läßt sich gar nicht absehen, zumal schon jetzt ein sehr fühlbarer Mangel an V i e b f u t t e r eingetreten ist und die Bauern ihren Bestand an Vieh und Pferden zu unerhörten Schleud rpreisen veräußern. Nun behauptet zwar Wisch»egradsky, er habe die 30 Millionen Rubel, die zur Bestellung der Felder und zur Ernährung der Nothlcidenden bestimmt sind, den Ueberschüssen des r alisirten Rcichsbudgels pro 1890 entnommen; viel Glauben dürste er damit schwerlich finden. Aber selbst angenommen, daß diese Angabe richtig und nicht nur darauf berechnet ist, die Augen der Reflectanten auf die französische Anleihe zu blenden, was wollen 30 Millionen Rubel sagen, wenn es sich darum handelt, 30 Millionen Nothleidender — so hoch berechnet sich die Bevölkerung der vom Mißstand.' betroffenen Gouvernements nach russischer Angabe — den Herbst und Winter hindurch durchzubringen?" Proßnitz. (Eine unerquickliche Affaire — Renegatenthum.) Was diesmal aus unserer Gemeinde zu berichten, ist eine höchst unerquickliche, öffentliche) Aergerniß eitegeiibe Affaire. Der hiesige Kaufmann Jonas Fleischer ist aus dem Judenthume ausgetreten und hat sich consessionslos erklärt. So selten derartiges gottlob vorkommt, so sonderbar sind die Motive, die Fleischer hiebei geleitet haben. Die mit der Ouotirung betrauten gewählten Vertrauensmänner haben nämlich die Cultussieuer des Genannten um den minimalen Betrag von 5 fl. erhöht und fanden sich hiezu durch den Umstand veranlaßt, daß Fleischer jüngst ein großes Hau', auf der Proßnitzer Ringstraße ankaufte, daher der Anschauung waren, derselbe sei in der Lage, und werde als Großbürger der Gemeinde gerne bereit sein, ein Schärflein zur Erhaltung der Eultusinsritutionen beizut.agcn, da ja doch der größte Theil der Cultusmitglieder unbemittelt ist. Man kann sich nun den Eclat vergegenwärtigen, welchen die Eonfessionsloserktärung hervorrief. Was den Aet noch besonders odios macht, sind die denselben begleitenden Details. Jonas Fleischer stammt aus unbemitteltem Hause, dies ist keine Schande und es gereicht demselben nur zum großen Verdienste, daß er es verstanden, durch Fleiß und Sparsamkeit zu Vermögen zu kommen. Seine Eltern, bei denen Schmalhans mehr als einmal Küchenmeister gewesen sein mag, lebten gottergeben und dem Glauben ihrer Väter treu. Sie sparten sich den Bissen vom Munde ab, um das Dekorum zu wahren, ihren Pflichten gegen die Gemeinde in würdiger Weise nachzukommen und ihre Kinder iu Gottesfurcht und den Anforderungen der Jetztzeit entsprechend zu erziehen. Die Pietät gegen seine Ellern hätte daher Fleischer schon bestimmen sollen, diesen odiosen Schritt nicht zu thun, zumal in der Zeit des rüden Anttsemitismus, wo es doch gilt, sich fester an das von allen Seiten bedrohte Judenthum anzuschließen, für dasselbe zu streiten und zu kämpfen. Es war deshalb ein glücklicher Gedanke unseres Rabbiners Dr. Hofs, das actuelle Thema zum Vorwürfe seiner Neujahrspredigt zu lvählen. Dr. Hoff geißelte in trefflicher Weise den überhandnehmenden Jndifferentismus, die Charakterschwäche, die niedrige Denkungsart, den Egoismus und das moderne Renegatenthum, welchen d'e heiligsten Gefühle, die Pietät gegen Eltern, Verwandte und die schuldige Rücksicht gegen die Gemeindegenossen, mit welchen man nn socialen und geschäftlichen Verkehr steht, nicht fünf Gulden werth sind. Wohin ist es mit dem Mannesstolze, mit der Manneswürde gekommen, wenn derartiges auch am grünen Holze zum Vorschein gelangt. Ist das Bewußtsein, seinen Obolus für die Gemeinde, in der man erzogen, groß und reich geworden, beizutragen, thatsächlich nicht fünf Gulden werth! Dr Hoff hat mit seinen würdevollen, zu Herzen sprechenden Ausführungen allgemeine Zustimmung gefunden. 8. B. Pilgram, 8. Oktober. Wir feierten am 24. v. M. das seltene Fest einer Tempeleinweihung, zu welchem alle Vereine und Honorationen eingeladen wurden. Dem Bürgermeister der königl. Stadt Pilgram Herrn Anton R o s o l wurde das Ehrenamt des Anzündens des ewigen Lichtes zugetheilt, was er ber itwilligst annahm und auch der k. k. Bezirkshauptmann Herr G. Toupalik hatte sich sehr für diese Feier interessirt und hatte auch zugesagt, das Portal des Tempels zu öffnen. Wie erstaunt war man, als plötzlich der Bürgermeister am Tage der Feier mit der Bahn wegfuhr, ohne sich überhaupt zu entschuldigen und in letzter Stunde der Herr Bezirkshauptmann durch einen Diener absagen ließ, mit der Motivirung, daß er dienstlich verhindert ist an der Feier theilzuuehinen, beziehungsweise, das Ehrenamt nicht übernimmt und sich durch den k. u. k. Eommissär vertreten läßt. Trotz dieser zwei Zwischenfalle ist die Feier glänzend verlaufen, die Geistlichkeit an der Spitze des hiesigen Dechants Herrn P. O. Peukert betheiligte sich korporativ, der Stadtrath durch einen Deputaten. Nach dem Gottesdienste, bei welchem die Herren Rabbiner Dr. I. Unger aus Jglau und L. Thor sch aus Schlan sungirten, versanuvelten sich die Gäste zu einem Banketts bei welchem vom Culkus-Borstand Herrn I. K. Fleischt ein Toast aus das kaiserliche Haus ausgebracht wurde, welcher mit brausenden Hochrufen von der ganzen Versammlung ausgenommen wurde. Ferner wurde auch des Herrn Architecten Mar Fleischer aus Wien gedacht, der zur Erbauung des Tempels die Pläne lieferte und die Aufsicht des ganzen Baues übernahm. Es bleibt noch zu erwähnen, daß die hiesigen Vereine, trotzdem alle Juden denselben als Mitglieder angehören, ostentativ ausgeblieben sind und ebenso betheiligte sich nicht die Beamtenschaft des hiesigen Bezirksgerichtes. Am Tage der Feier wurden dagegen über 70 christliche Armen reich beschenkt. Ich glaube, daß diese Mittheilungen verdienen in Ihrem geschätzten Blatte veröffentlicht zu werden. Pozega, Slavonien, am 8. October. Gelegentlich einer Jnspizirungsreise durch das Pozegaer Comitat, kam Se. Excellenz der Banns von Croatien-Slavonien vorgestern Abend hier an und besuchte gestern, begleitet vom Sections-Ches für Cultus Herrn Spevec, ferner vom Obergespan und dem Bicegespan unseres Comitats unter anderen öffentlichen Anstal-