Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 41 (16.10.1891)
- Date
- 1891-10-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 754 Orstrrrrichischr Wochenschrift. Nr. 41 Weise bei starkem Geiste trotz Schmerz und Qual sich Denken und Fühlen klar und rein erhalten, gelangt unbedingt die Seele zum Siege. Geist. Seele, Wesen des Judenthumes waren in allm Zeiten gleich; ohne Abänderung Erkenntniß des Wahren, Ausübung des Rechten, Streben nach Eint acht, Anerkennung menschlicher Würde. Und dieser Geist, diese Seele ist unantastbar; das Gesäß ist durchlöchert und manche Bubenhand schlägt frech darauf, zu hörm, ob die Seel wieder klingt; manches unvorsichtige Messer sticht' operirend in den Leib Israels, sucht das kranke innere Organ zu schneiden und verletzt die edelsten Tb eile seines Organismus. Jeder Kurpfuscher hält sich für einen Seelenarzt und verschreibt Rezepte, wo nur allertiefste Weisheit und Erkenntniß helfen können; Alles, was Jude beißt, hält sich berufen, Traktätlein zu lesen über Verbesserung; können Kinder philosophische Probleme lösen!? können Unmündige der Weltgeschichte Bahnen zeichnen? Lasset den tiefgründenden Geist des echten Judenthumes unangetastet; er war derselbe zur Zeit der Blüthe, zur Zeit des Tempels, in Verfall und Zerstreuung. Sein Losungswort war allzeit und für alle Völker: Gott wird Herr sein des ganzen Erdenrundes; seine Hoffnung Md Verheißung, daß alle Völker sich einen in Verkündigung des Friedens für alle Erdbewohner. Unsere Freude und unser Trost ist die Hoffnung auf jene Zukunft, wo vereint alle Menschenherzen in ErkennMg der Wahrheit zusammenschlagen; alle Brüder, Friedenspalmcn in den Händen schwingend den Altar der Menschenliebe mnkreisen und mit Loblied und Gesang in die wiederar.fgcbauten Hallen der reinen Menschlichkeit ihren feierlichen Einzug halten. Allerlei aus Ungarn. Budapest, 13. Oktober 1891. Noch sind keine zwei Jahre verstrichen, seitdem die Pester isr. Religionsgemeinde ein vielbewundertes, monumentales uud der Hauptstadt zur Zierde gereichendes Spital mit einem Kostenaustvaude von 300.000 st. errichtete, und schon wieder wurde in den letzten Tagen ein prächtiger Neubau der Eultusgemeinde in aller Stille seiner Bestimmung übergeben. Es ist dies das im halborientalischen Rohziegelbau Schl aufgeführt-, zweistöckige Gemeinde-Adininistrationsgebäude, welches sich hinter dem großen Tempel (Tabakgaffe) erhebt und diesen! riesigen Gebäudecemplex, zu welchem auch die isr. Knabenschule gehört, einen würdigen und harmonischen Abschluß verleiht. Der ca. 80000 fl. kostende Bau bildet ein mit seinem rückwärtigen Trakt sich an das Schulgebäude anlehnendes Viereck, in welchem sämmtliche Gemeindeämter, als da sind: Sekretariat, Zcntralkanzlei, Ma*rikelamt, Schulinspectoriat, Wohlthätigkeitsbureau u. s. w. nach rationeller systematischer Eintheilung vortheilhaft unrergebracht sind. Außerdem befindet sich im zweiten Stock ein für General- und Ausschußversammlungen bestimmter Prunksaal. Die von den Gemeindeämtern bisher innegehabren Localitäten im Vorderbau des Cultustempels werden am 1. November vom Chewra-Kadischa-Amt bezogen werden, wodurch die zwei mit einander im engen Contact stehenden Schwesterinstitutionen auch räumlich näher rücken, was den gegenseitige» Verkehr erleichtern und befördern wird. So geht ein in der Gemeindeleitung schon lange gehegter Wunsch in G:füllung und dieser erfreuliche Umstand dürfre die Ausführung auch eines anderen Projectes beschleunigen, das im Präsidium schon seit Jahren besteht und dem Gemeindeschulwesen eine bedeutende extensive Ausbildung geben soll. Wir meinen die beabsichtigte Errichtung einer isr. Bürgerschule, wozu die Gemeinde von einer munificenten Dame ohnehin bereits 70000 Gulden und von der hauptstädtischen Commune im vornehmen 5. Bezirke einen werthvollen Eckgrund einhellig geschenkt erhielt. Die Pester isr. Rkliqiousgemeinde hat ihr Schulwesen immer gehegt und gepflegt, ja sie stellt für dasselbe gegenwärtig jährlich ca. 30000 Gulden ins Budget, wovon sie eine Knaben- und Mädchen - Volksschule mit 18, von über 1000 Schülern besuchten Klassen erhält: Es steht daher zu erwarten, daß sie nach dem Muster großer ausländischen jüdischen Gemeinden wie z. B. Frankfurt und Hamburg auch den höheren Volks- und Mittelschulunterricht in den Rahnien ihrer confessionellen Culturausgaben aufnehmen wird. Daß dem Gemeindepräsidium auch die intensive Förderung ihres Unterrichtswesens am Herzen liegt, beweist die Cr.irung des Gemeinde - Schulinspectorates, an dessen Spitze zur Zeit der junge Gelehrte Dr. Munkacsy steht, welcher während seiner einjährigen Wirksamkeit schon ein in den Religionsunterricht der Gemeinde rcgenerirend eingreifendes Werk schuf. Unterstützt von einigen Religionslehrcrn arbeitet er einen Gesammtlehrplan des Religionsunterrichtes der Pester isr. Religions- Gemeinde und eine Jugcndgottesdienst-Verordnung au«. Beide Entwürfe wurden in den verscl iedenen Sectioncn der Religionslehrer durchberathen und vom Unterrichtsausschuffe der Gemeinde angenommen. Aus Grund dieses Elaborates werden nächstens auch die Religionslehrbücher für sämmtliche hauptstädtische Volks-, Bürger- und Mittelschulen herausgegeben. So wird endlich die Zerfahrenheit und Willkür auf den! Gebiete des Religionsunterrichtes einen zielbewußren planmäßigen und einheitlichen Vorgehen weichen müssen. Dieses mit der Zeit gewiß allen jüdischen Gemeinden als Muster des öffentlichen Religionsunterrichtes^ dienende Weit wird wohl auch in diesen Blättern eingehender besprochen werden. Ad vocem Schulwesen sei hier auch ein auf dem Gebiete des ung. jüdischen Schulwesens viel Staub aufwirbelnder Fall erwähnt. Bekanntlich blieb die jüdische Schule — trotz der sich immer mehr und mehr erweiternden Kluft zwischen der hierzulande seit dem Congreß unseligen Andenkens gesetzlich bestehenden Neologen- und Orthodoxenparteien — bisher eine ein h itliche und in die zarten Geiuüther unserer Jugend wurde noch nicht der verderbliche Keim der Zwietracht gesäet. Wie in den antebabelischen Zeiten einerlei Sprache und einerlei Redensart herrschte, so waren auch bis nun, Dank dein gesunden und einheitlich-pädagogischen Sinn der jüdischen Lehrer in den Schulen der -Geologen und Orthodoxen einerlei Schulbücher gebraucht. Mit der Herausgabe dieser Schulbücher befaßte sich der jüdische Landes-Lehrerverein, der den hieraus entsprießenden Gewinn unter arme Lehre witwen uud Waisen vertheilte. Leider aber schlich sich in den letzten Wochen auch schon in Lehrerkreisen der böse Geist separatistischer Bestrebungen ein. Vor Kurzem erschienen nämlich ungarische Lesebücher für orthodoxe Schulen, welche von einem Consortium herausgegeben wurden, deren Inspirator ein — man höre und staune! — Präsidiummitglied des Lehrervereines war und der sich erst dann offenbare und — zurückzog, nachdem er sein Honorar eingesteckt. Indes; zum Tröste dient es dem humanen Lehrerverein, daß diese Sonderbestrcbungen nur ephemere Erscheinungen sein dürsten, da jene orthodoxen Rabbiner (Preßburg, Budapest, Großwardein), die den Lesebüchern Geleitscheine für orthodoxe Schulen gaben, ihre „Haskmuaus" bereits widerrufen haben. Wahrlich unsere Antisemiten sind viel klügere Politiker als ihre cisleithanischen Brüder. Sie stürmen nicht mehr auf die Juden ein, wohl wissend, daß das Judenthum, wenn es von äußeren Feinden nicht angegriffen wird, durch innere Befehdung schon selbst seinen eigenen Ruin besorgt. Die 25jährige Jubi.'äums-Feier des Israel. Lehrcrvereines, die während des Sukkoth-Halbfeiertage hätte statlsinden soll n, wurde aus mehrfachen Gründen auf das Frübjahr verschoben. Indessen werden die, behufs Errichtung eines isr. Landeslehrer- Waisenhauses eingeleiteten Sammlungen fortgesetzt. Bis jetzt sind über 6000 Gulden eingefiossen.