Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 41 (16.10.1891)
- Date
- 1891-10-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 41 gänglichkeit, ewiges Leben, oder ewiger Tod?! Wenn ich einst in die dunkle Erde gelegt werde, wird mein Los nur Verwesung sein, oder werde ich dem Saatkorn gleichen, um nach scheinbarer Vermoderung in frischem Leben zum Sonnenlichte aufzusprossen? Nicht nur an Individuen tritt diese schwerwiegende Frage heran, bei ganzen Völkern, wie sie bald emporsteigen, bald wieder niedersinken, stellt sich die Dunkelheit ihres Zukunftsloscs ein: Gibt es ein Wiederaufleben oder nicht? Haben wir Juden, wie manche behaupten wollen, als übriggebliebenen Schmunserer Stammväter nur erzählenswerthe Erinnerungen aus der Vergangenheit und keine keimenden Hoffnungen für die Zukunft, oder wird sich an uns das ewige Gesetz der wiedereuvachenden Natur bewähren, um uns in kommenden Zeiten wieder einen anbaufähigen, fruchttragenden Raum in der Geschichte anzuweisen? Die letzten Tage dieses Festes dürften uns reichlich Klarheit über die angeregten Fragen verschaffen. Wir kehren zurück aus der schwach und vergänglich ausgerichtcten Wohnung in das festgebaute Haus; gefeiert wurde die Erinnerung an jenen Zug durch die Wüste, bis erreicht war das verheißene, glückliche Land, um einen festen Gottcstempel zu errichten. So sind aber zugleich die sieben Succothtage ein Abbild des irdischen Daseins und der achte Schlußtag ist ein Hinweis auf Heimkehr und Rückkunft zur sicheren Wohnung für unsere Seele. In allen Tempeln erhebt sich das Gebet zum Himmel: „Du läßt die Stürme sausen und spendest Regen, belebst die Todten in Barmherzigkeit." Wie der Regen zur Auferweckrrng schlummernder Kräfte dient, so das Wort und der Geist Gottes; so läßt er wehen seinen belebenden Hauch, der Körper schwindet und aus der Vergänglichkeit erhebt sich ewiges Dasein. Die unausg setzten Versuche, Gewißheit darüber zu erlangen, ob es eine ewige Fortdauer gäbe oder nicht, sind ein hinlänglicher Beweis, wie sehr die Gesammtmenschheit das unabweisliche Bedürfniß fühle, einem weiteren Lebenskreise anzugehören, als die engen Grenzen des Erdgebietes gewähren können. Mögen die tiefsinnigen Untersuchungen immerhin ihren Gang nehmen, die Seele selbst wird sich nicht geduldig herbeilassen, mit ihrem Daseinsrechte auf das Resultat zu warten. Ohne Rücksicht auf der Systeme Streitigkeiten behauptet sie ihren in der Geschichte eingenommenen Platz im stillen Bewußtsein des unwidersprechlichen Ursprunges auä unsterblichem Duell- Jeder wechselnde Zeitgeist züchtet sich eine gefügige Zeitseele und wie jener ein Erzeugnis; ist von- Stimmungen tmd Strebungen, so ist auch diese ein unwillkürliches Product der eingeschlagenen Richtung. — Unbekümmert um den Zank und Hader der Mitwelt tvird das Judenthum im echten und rechten Sinne seine Bahnen ziehen und seinen ursprünglichen Charakterzug nicht hin und wieder zerren lassen vom Geschmacke und tvohlfeiler Mode einerseits, von der rohen Faust und dem gefühllosen Lästerreden verblendeter Stiefbrüder anderseits, weil es weiß, daß aus den Winterstürnien lebendiger, kräftiger Frühling ersteht, unter dem kalten Schnee ircues Leben sich emporringt aus dem bergenden Schoße der Erde, daß durch den Anhauch der Göttlichkeit schlummernde Geisteskraft erweckt, todtes Seelen- und Herzenswirken zu beglückendem Schaffen genöthigt iverden. Schon im Btlche Kohelet, das wir r.n diesem Feste gelesen, finden wir die Zusammenstellung verschiedenster Lcbenserscheinungen und Geschichtsauffassungen „Alles ist eitel." Die Seite 753 landläufige Ansicht: „Was dem Menschen begegnet und dem Vieh zustößt, einerlei ist es für beide, wie der Tod dieses, so der Lod jener und einerlei ist der Geist in Allen; der Vorzug des Menschen vor dem Thi re ist Nichts, denn Alles ist nichtig." Diesem entgegengesetzt, cndgilüg abschließend stehen aber die Worte: „Zurück kehrt der Staub zur Erde, wie er aus dieser geworden und zurückkehrt der Geist zu (''ott, der ihn gegeben." Sowie der weise Sammler tiefüberzeugt d e letzten Worte ausspricht, so sind wir fern ton Furcht und Angst vordem unvermeidlichen Ende, denn der Geist bestelu. Fn unserer Sprache heißt „Seele" „Ehre uub Edelmuth" So wenig als die wahrhaftig? Ehre sich schmälern, reiner Edelmuth sich stören läßt in feinem unsterblichen Wirken, eben- >oiucnig kann dem Judenlbume sein selbstbewußtes Sweben genommen werden — allerdings nur insosern, als es, ans itnvevba'enein. nicht angekränkelten Lebenskern entkeimendes S lbstl eioußtsein sein eigen nennt. Wenn eine fromme Sitte in den letzten Tagen unserer Jahresfefie eine Seelenfeier eingesührt hat und Millionen Thränen in den Te.i p.ln fließen, dann ist es nicht abgethan mit der augenblicklich n, wenn auch noch so tiefen Rührung und wenn jede Herzensfascr beben sollte. Vielmehr bezweckt die schöne Sitte, das Seelische als den Adel im Leben hinznstellen. Der merkwürdige Ruf „Moses ist gestorben, wer stirbt nicht" soll nicht eine Tröstung allein sein; „wer hat wie Moses gelebt?" so lautet die Gegenfrage. Vor Scheintod hat jedermann entsetzliche Angst; wie furchtbar, atbmend im Grabe zu liegen! Warum hat man keinen Schreck vor Scheinleben: Ist doch die Seele lebendig im Leibe begraben und hat dieselben Dualen zu bestehen! Wer leben will muß Lebendig sein, muß Grundsätze, Glaubensansichten Weltanschauung besitzen. Und wenn sich diese auch, abhängig von Meinung und Bedürfniß, stets verändern und dem Wechsel unte worfen sind, so muß man sich wenigstens über geschichtliche Entstehung der Schwankungen Rechenschaft geben. Die rastlose Pendelschwingung stammt nicht aus innersten Lebensguellen, die Ursache der Beweglichkeit muß in äußerlichen Verhältnissen gesucht werden. Die Beobachtung über solchen Schein und Wandel wird der ernstere Seelenforscher von sicherer Uferstelle neben der Strömung machen, unbeirrt von Ebbe und Flut; und er siebt gar manches. Der Anatom lernt viel ani Leichnam; von der fluchenden Seele tlnd ihrer Wirksamkeit findet er auf dem Secirtisch wenig. Schwer wird es unter dein Messer vom starren Tode auf frisches Leben zu schließen. Wer mit Leben experimentirt, ins frische Fleisch der bewegt n Gesellschaft einschneidet, der findet entgegenwehenden Leichengeruch und nichts bleibt ihm in der Hand, wenn er keine zusammenhaltende Seele, dauenrden Geist entdeckt. Eine häufige Einwendung gegen die Existenz einer Seele wird von der Einwirknng des Leibes auf den Geist genommen. Hat man aber unbestreitbar gründlich das Verhältniß untersucht? best hl eine unbezweiselbare Erfahrung? Wenn ein Instrument verstinunt ist, die Sailen abgerissen sind, wer hat Schuld am Verstummen und an den Mißtönen, des Künstlers Finger oder die Krankheit, Mangelhaftigkeit der verdorbenen Harfe? ivenn die taube Flöre nicht mehr dem Hauche des Bläsers gehorcht, wer ist anzuklagen? Der Leib ist das Werkzeug der Seele; die steife Hand und der lahme Fuß können dem Befehl der Seele nicht gehorchen und ebensowenig das kranke Gehirn dem Willen der gesunden Seele. Durch bewunderte Willenskraft, wenn in unbegreiflicher Oestrrreichischr Wochenschrift,