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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-10-16 · 41 (16.10.1891) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
41 (16.10.1891)
Date
1891-10-16
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 752 Orstrrrrichischr Wochrnfchrifi. Nr. 41 Es ist nicht egal, Herr Dr. Lueger, ob einer an Gott glaubt oder nicht, denn die Religion, der klaube an ein höheres Sein hat den Menschen erst zum Menschen gemacht und es ist auch keineswegs gleichgiltig, Ms welchem Wege man dazu gelangt, das Verhaltmß zwischen Wissen und Glauben festzuftellen. Der unabhängige Denker bleibt schon dadurch in Berührung mit einer idealen Welt, weil ihm die Wahrheit als das Höchste erscheint und weil er der Wahrheit jedes Opfer bringt. Wie sicht es aber in der Welt ohne Gott aus, die man beim „weißen Kreuz" proclamirt. Da wird gesagt, wenn man nur dem Vorurtheile huldigt, dem blutigen Hasse sein Sinnen geweiht, und das Erwerbsleben vom engherzigsten Standpunkte aus beurtheilt, dann ist es egal, ob man an Gott glaubt oder nicht. Das ist eine Welt ohne Gott, aber auch ohne Humanität, ohne Ideal, ohne irgend ein moralisches Element. Vergeblich sucht man nach einem positiven Punkt in dieser Leere und man entdeckt nur eine Art von Solidarität erzeugt durch den Judenhaß, sonst aber nur die Möglichkeit eines brutalen rücksichtslosen Egoismus. Will man aus diesem Sumpfe ein Fundament für die Zukunft schaffen? Soll aus diesem Boden der Patriotismus emporwachsen und der Sinn für die Wohlfahrt der Gesammtheit? Sie irren sich gründlich, Hen- Dr. Lueger', wenn Sie dafür, daß die Juden den langen Tag halten, ein künstliches Motiv suchen, als fei es nur darauf abgesehen, die Einigkeit der Bekenner des Judenthums nach Außen zu demonstriren. Die Juden feiern das Versöhnungsfest, weil sie die Macht des Glaubens innerlich empfinden, weil der erhabene Gedanke des Tages auf sie seine ganze Macht äußert. Es gehört einige Opferwilligkeit dazu, vierundzwanzig Stunden lang denr Hunger und dem Durste Trotz zu bieten, die strengste Kasteiung im Feftgewande zu üben. Man denke sich nur hinein in dieses Entsagen, in dieses Bekämpfen der sinnlichen Genüsse und marr wird weniger frivol über den langen Tag sprechen. Die religiösen Empfindungen tonnen nicht erlöschen, so lange dieser Tag besteht und der- Familienvater, der den Seinigen durch die Feier des Tages ein Beispiel gibt, trägt viel dazu bei, daß die Religion nicht aus dem häuslichen Kreise verschwinde. Die geübte Kraft der- Entsagung hat aber ihre moralischen Wirkungen. Selbstbeherrschung und Selbstüberwindung werden dann auch bei anderen Gelegenheiten wieder sich finden lassen. Man weiß wenigstens wie weh der Hunger thut, man wird ein Herz haben für die Hungernden und w.'rd von jener grausamen Härte sich frei halten, welche das Mitleid tödtet. Wer einmal im Jahre des Hungers Qual voll und ganz gekostet, der vermag nie unwillig einem Armen die Gabe zu weigecn. Ehristlich-sozial sein wollen, ohne an <>$ott zu glauben, das ist allerdings ein Widerspruch in sich und doch war Lueger instinktiv gezwungen bei seiner These als einer letzten Eonsequenz anzulangen. Der Glaube an die Einheit Gottes wohnte zuerst in dm Zelten der Semiten und Dr. Lueger kann ja wtmöglich deu historischen Zusammenhang des Christenthums mit Juden negiren. Sagt man sich von Gott los, dann ist man aller Fesseln ledig, dann kann Niemand mehr auf das Evangelium sich berufm, um an die Lehren der Liebe zu erinnern. Egal ist es nicht, Herr Dr. Lueger, wenn man dem Christenthum in der erstm beftm Wähleroersainmlung den Herrgott wegnehmen will; vielmehr ist es schwer, die letzten Conscquenzen eines solchen Jndifferentismus in ihrer ganzen Unverhülltheit darznstellen. Versuchen Sie es doch Herr Dr. Lueger und denken Sie sich in den Gegensatz hinein. Die Juden feierten den Versöhnungslag und legten Zeugniß ab für das Erhebende und Heiligende des Gottesglaubens; Sie aber proklamirten die These von der Möglichkeit eines atheistischen Antisemitismus, Sie gleichen den Bileam im alten Testament, der zum Fluchen geladen war und der segnen mußte. Auch Sie haben, ohne es zu wollen, das Judenthum verherrlicht und den geistigen Kern, den cs in sich schließt. Prinz Liechtenstein aber hatte keine Bemerkung gegenüber seinem Bileam und gegenüber der These vom Antisemitismus ohne Gott, gegenüber der neuesten Errungenschaft der Christlich-Socialen. Wenn die Saat aufgeht, die jetzt gesaet wird, dann werden die Steine nicht mehr fliegen gegen den Tempel in Fünfhaus, sondern es wird ein Kampf Aller gegen Alle entstehen, ein Kamps der Brutalität gegen alle Errungenschaften der Civilisation. Eine Anarchie würde einreißen, welche nur durch die Gewalt zu bändigen wäre; denn es würde der Glaube an das ordnende Prinzip fehlen, ohne deu die Gesellschaft nicht bestehen kann. Sie haben ein großes Wort ausgesprochen, Herr Dr. Lueger, ein Wort, das in seinen Consequenzen weiter reicht, als Ihnen selber im ersten Augenblicke bewußt sein mag; damit haben Sie den großen Wurf gethan, der würdig ist des Philosophen von Margarethen. Schlutzfest. Bon Dr. D. Feuchtwang. Als der erste Mensch, Adam, zum erstenmale wahrnahm, wie allmälig der Tag kurzer wurde, die Nächte sich verlängerten, da soll, wie die Sage erzählt, grauenvolles Entsetzen sein erschrockenes Gcmüth erfaßt haben. Jnnner finsterer und schwärzer, ewige dunkle Nacht wird mich zttletzt umhüllen, kein Tageslicht werde ich dann mehr erblicken, „ja die Finsterniß wird mich umfahen" wehe! das ist der Tod, den ich als meiner Sünde Sttafe erleiden muß; in diesem grauenhaften Dunkel wird die Schlange mich umzüngeln, mich rettungslos mit ihrem Giftbisse vernichten. Erst als allmälig die Tage wi der zu wechseln begannen und die kahlen BNnue mit schwellenden Knospen sich neu bedeckten, da beruhigte sich Adam's geängstigtes Herz, er sah, wie Leben aus dem Tode, Licht aus Finsterniß sich fort und fort neu erzeugt, und nun fetirtc er frohe Feste des Wiedererwachens und lebendiger Verjüngung. Für uns hat der Wechsel der Jahreszeiten nichts Schreckhaftes. Wenn die Nacht früher eintritt, wissen wir, daß Verlängerung des Tages regelmäßig iviederkehrt; wenn welke Blätter fallen, sinkt die Hoffnung nicht, daß in neues Grün sich die Natur nach ihrer Gewohnheit kleiden werde. Dennoch aber gibt es gar viele, deren Gemüth trübe gestimmt wird, ivenn die düsteren Nebel beginnender Winterszeit wie Trauerschleicr über Berg und Thal sich senken und über das raschelnde, abgefallene Laub der Wanderer fröstelnd dahinschreitet. Allerlei Fragen tauchen auf in der Seele. Helle Blüthcn werden wieder im Garten duften; wird auch mein Auge noch offen sein, lebend, den heiteren Schimmer zu sehen? — Welchem Sterblichen käme nicht bei Betrachtung des Naturganges der Gedanke, wie sein; Dasein in Zukunft sich gestalten ivcrde, ob Fortdauer oder Ver-

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