Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 41 (16.10.1891)
- Date
- 1891-10-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 41. Wie«, 16. Oktober 1891. VIII. Jahr,«»,. Centralorgan für die gesammten Intereffen des Iudenthums. * L. ft. -ofisPsrrsgenkMll Vlrardrgverftrtzr Nr. 810.976. NrLsrUon «. Admtnistrstton: Wir« 1. Aothrnthurmstrsste 39. Eigenihinner: Keichsralhs-Abgeordneter Dr. Kloch. Erscheint jeden Freilag. Msn abvnnirt bri sllrn PoffanfLilfxn dr» In- und Auslandes. Bezugspreis: Halbjährig 4 st.. Einzelexemplare 25 kn Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 12 kr. -W Inhalt: Leitartikel: Ser Philosoph von Margarethen. — Unserem Unterrichlsminister;ur geneigten Beachlnng. - Schlüssen. - -Allerlei ans Ungarn. — (Korrespondenten: Wien, Propnitz, Pilgram, Po^ega, Kolomea, Berlin, Leippg, Antwerpen, Stockholm. Petersburg, Warschau, Jassy. — Vermischtes: Wien, Ibbs, Kimpolnng, Prag, r arnopol, Bcsnercn' Berlin, Hamburg, Posen, Paris, Padua, Brüssel, London, St. Petersburg, Oreve. Bukarest, New-Perl, Milvicke, )teu Braunschweig, Ben Seeland, Argentinien. Iouilleton- Ser Hohepriester. — Briefkasten. — Wochenkalender. — Inserate. Der Philosoph von Margarethen. Unterschätzt ihn nicht, verachtet ihn nicht, ihr antisemitischen Führer, ihr gewaltigen Redner von der Tribüne, unterschätzt ihn nicht, verachtet ihn nicht den Unbekannten, dem zweimal der große Wurf in den israelitischen Tempel in Fünfhaus gelungen ist. Den Eckel, den dieser Bubenstreich hervorruft, möchte man am liebsten durch Vergessen bezwingen. Allein Zeit und Umstände wollen ailch bei der Beurtheilung solcher Vorgänge beachtet sein. Der Steinwurf in Fünfhaus hat culturhistorisch denselben Werth wie der Antisemitismus im Allgemeinen. Es wird bewiesen, daß es in der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft, mag sie auch dem Höhepunkte der Eivilisation nahe stehen, Rückfälle gibt in die Uncultur, in Roheit und Barbarei, Rückbildungsprozesse betrübender Natur, aber auch höchst lehneich und der Beweis dafür wird durch den Steinwurf in Rudolfsheim eben so unwiderleglich hergestellt wie durch die gesummte antisemitische Agitation. Der Unbekannte von Fünfhaus ist somit;in würdiger Genosse der ganzen Sippschaft und Titel und Rang können keinen Unterschied machen. Auch sonst trägt er seinen Befähigungsnachweis bei sich; gleich den Häuptern des Antisemitismus ist er gepanzert gegen die Einwirkungen des Verstandes und des Gefühls. Er fürchtet die Nachforschungen der Polizei, das ist Alles; das Verächtliche seiner Handlungsweise vermag er aber nicht zu erkennen. Es hat sich der Rückbildungsprozeß an ihm vollzogen, auf den die Führer hinarbeiten. Eine mondbeglänzte Zaubernacht, um einen Ausdruck Lenaus zu wiederholen, eine Nacht voll Herrlichkeit und Milde dazu geschaffen, den Auftuhr der Leidenschaften zu beschwichtigen. Ein hellerleuchtetes Gotteshaus, wo Alles Andacht athmet und Hingebung an das Göttliche. Ein Gottesdienst, der auch in seinen äußeren Formen den Anforderungen der neueren Gesellschaft entspricht. Waren einige klirrende Fensterscheiben wirklich der ganze Erfolg, den eine ftevelnde Hand erstrebte? War nur ein Einzelnnder Sklave seiner rohen Instinkte oder geschah es auf Verabredung unter mehreren Gesinnungsgenossen, daß man die 'Andacht zu stören suchte? Man weiß, daß oft aus geringfügigen Ursachen eine Panique entstand und welches Unheil zuweilen ein blinder Schrecken anzurichten vermochte? In der Verwirrung hätte sich dann noch Gelegenheit zur Verübung mancher Bubenstreiche gefunden. Was auch die Absicht gewesen sein mag, so fehlen selbst jene Milderungsgründe, die dem Fanatismus des Glaubens zur Seite stehen. Nicht der Glaube ist es, der in seiner Beschränktheit kein Verständniß für das Erhabene einer andern Religion hat, der in seiner Eifersucht einen fremden Eultus nicht zu achten vermag; vielmehr waren hier nur Rohheit und Brutalität sichtbar und man vollbringt, das Gesicht zu einem boshaften Grinsen verzerrt, einen Akt der Entweihung, weil man selber für jedes bessere Gefühl die Empfänglichkeit verloren hat. Der Antisemitismus ohne Gott, der Haß ohne religiöse Motivirung, das ist das neue eulturgeschichtliche Moment, das jetzt an der Oberfläche erscheint. Beim „weißen Kreuz" in Döbling, gelegentlich des Rechenschaftsberichtes des Prinzen Liechtenstein sagte Dr. Lueger: „Die Christen sollen vor Allem einig sein und sich diesbezüglich die Juden als Beispiel nehmen. Viele Juden essen Schweinefleisch und glauben an nichts, aber heute am „langen Lag" zeigen sie nach Außen hin, daß sie Zusammenhalten. Die Christen sollen es auch so machen; ob nun Einer an einen Herrgott glaubt oder nicht, das ist egal, nur nach Außen hin muß vollste Einigkeit unter den Christen herrschen." So berichtet das „Vaterland" vom 13. d. M., und es meldet auch, daß der Ausspruch des Dr. Lueger von stürmischem Beifall der Versammlung begleitet war. Rach der „Neuen Freien Presse" sagte Dr. Lueger: „Seien wir einig, gleichgiltig ob wir an einen Gott glauben oder nicht." Es wäre leicht, über die Christlich-Sozialen ohne Gott und somit ohne Christenthum, über dieses Unding, diesen Widerspruch in sich Witze zu machen; allein die Erscheinung ist eine ernste und will ernsthast behandelt sein.