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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-10-09 · 40 (9.10.1891) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
40 (9.10.1891)
Date
1891-10-09
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 736 OrsterrrichMe Wochenschrift. Nr. 40 austreibungen so überfruchtbaren Frankreich eine fast ununterbrochene Ueberlieferung, eine erbgesessene Kultur und einen Zusammenhang mit Land und Leuten, der die schönsten Denkmäler erhalten hat. Etwas von dem Liederreichthum der ProvenZalen ist hier auf die Juden übergegangen, ihre Gebete weisen unter allen Riten der Synagoge Perlen von hellstem Scheine auf. Denn sie haben für ihren Gottesdienst sich ihre Eigmthümlichkeiten bewahrt und einen besonderen Ritus ausge&übet, der zwischen dem spanischen und dem deutschen die Mitte hält. Die Liebe zu ihrer südsranzösischen Muttersprache hat dieser den Zutritt zum Kultus eröffnet, in dem Vorlesungen aus der Bibel und Uebersetzungen mancher Gebetstücke von altersher in proven^alischer Sprache zu Hause waren. Im 52. Paragraphen der 1556 redigirten, aber in viel älteren Zeiten hinaufreichmden Statuten der jüdischen Gemeinde von Avignon, deren milden, weisen uud Humanitären Gehalt Leon Bardinet nicht hoch genug zu preisen weiß, findet sich eine ausdrückliche Bestimmung darüber, daß der Parlador, der Sprecher, wir würden Rabbiner sagen, die Prophetenlektionen und die synagogalen Gesänge provengalisch vortrage, oder, wie es dort heißt, vulgarisire und romancire. Soeben ist Paul Meyer damit beschäftigt, eine provengalische Bearbeitung der Estherrolle die der jüdische Arzt aus Avignon Israel b. Josef, genannt Crescas Kaslari, der Uebersetzer der Diätetik Arnald's de Villauova, um 1327 versaßt hat, für die romanische Sprachforschung nutzbar zu machen. Wie man jungen Wein auf alte Krüge zieht, so wurden alte proven9alische Weisen neuen synagogalen Liedern unterlegt; nach der Melodie der Alles de Tarascon sang man beim Gottesdienst der Gemeinden in der Grafschaft Venaissin hebräische Piutim, d. i. synagogale Lieder. Aber man that mehr. Mitten in die hebräischen Verse drangen, wie ein Zeugniß unaufhaltsamer Liebe zu den trauten Tönen der Muttersprache, proventzalische Zeilen und Strophen; wie der Ritus seine örtliche Bestimmtheit, so hatte der Gottesdienst seine Lokalfarbe. Vollends bei den religitzsm Festen der Familie war der Bund zwischen der Sprache Zions und der Langue d’oe eine vollkommene Durchdringung und Verschwistemng. Mit jener im besten Sinne konservativen Zähigkeit, die das Judenthum so vielfach bewährt, haben diese Trümmer einer, wie es einst schien, dem Untergange geweihten Sprache in den Gebeten der comtadinischen Juden sich fortgeerbt, bis diese Sprache von neuern erwacht, und erblüht ist und heute wirrer einmal vom Ufer der Durance ihren Siegeszug drrrch Frankreich und die ganze gebildete Welt angetreten hat. So ist eine der sinnvollsten Huldigungen, die der Weise auf dem Throne, der gelehrte Kaiser Dorn Pedro H. von Bra- Men für die von chm verehrt'« und gepflegten Erweck::- der neuen provencalischen Poes:-, Allen voran den großen Mistral, sich ersehen hat, daß er im Garten der hebräischer: synagogaleu conttadinischen Poesien die Blüthen gepflückt hat, mit denen er die Meister dieser neuen Literatur, die Helden dieser sprachlicher: Wiedergeburt zu schmücken gedachte. Vier Gedichte sind es, die das schmucke Bändchen der Poesies hebraico-proveneales vereinigt, welches der erlauchte Freund beider Literaturen beider: zur Ehre von Avignon hat ausgehen lassen. Drei sind eine Verwebung hebräischer und provenZalischer Verse, die wie Kette und Einschlag sich wagen und ergänze«:, Eines eine prover:9alische Uebersetzung des allen Liedes, das beim Passahmahle den Beschluß bildet, vom Zicklein, vom Zicklein, das der Vater gekauft,, des so kindlichen und so tieffinniges Liedes von der ausgleichenden Gerechtigkeit und strafenden Vergellung Gottes auf Erden, die der hochsinnige Verfasser eine Quelle der Kraft und des Muthes für den Stamm der Unterdrückten nennt. Wie dieses Lied der Familie angehört, so werden auch die übrigen in: Fanülienkreise in der Nacht, die der Ausnahme jüdischer Knaben in den Bund Abraham's vorangeht, vor den: feftüch geschmückten Bette der Wöchnerin gesungen. Dom Pedro hat die hebräischen Verse ebenso sinngetreu als geschmackvoll französisch in derden: Texte gegenüberstehenden Uebersetzung wieder-gegeben und die provencalischen aus ihrer verdunkelnden hebräischen Umschrift philologisch herausgeschält. Es fchll ihm in dieser gelehrten Arbeit nicht ganz an Vorgängern. Neben Sabatier, der seinem Beirath und Lehrer in den orientalischen Sprache:, Dr. C. F. Sen bol d erst nach dem Drucke bekannt, aber auch dann nicht zugänglich geworden ist, haben auch andere Fsrschec diesen versteckten Blüthen im Dichterwalde der synagogalen Poesie ihre Aufmerksamkeit zugewendet. Leopold Zunz, der bereits 1838 den Ritus von Avignon in erschöpfender und ewig mustergiltigec Weise beschrieben, hat 1874 in Moriz Stei nsch n e i d er's hebräischer Bibliographie achtzehn hebräische Hymnen nach provencalischen Melodien nachgewiesen. 1844 und 1845 haben A.-Asher, der zuerst die Schätze der synagogalen Literatur des Comitat Venaissin Zunz übergeben und so für die Wissenschaft erschlossen hat, und Adolf Jellin ek, heute in Wien, in Fürst's Orient sich zum Theil an denselben Gedichten versucht, die jetzt in der wissenschaftlichen erschöp enden Bearbeitung Dom Ped ro's vo.liegen. Die Kenntniß des Provencalischen ist seither mächtig gewachsen und hat sich in dem neuesten Pfleger mit einer Hingebung und Liebe zur hebräischen Literatur verbündet, die nur edle Früchte zeitigen kann. Nach der Wiedergabe der hebräischen Texte in dieser neuen Bearbeitung lassen sich leicht die Gesetze ableiten, nach denen die provencalischen Laute in hebräische Buchstabe«: umgeschriebe«: wurden. Möge der erhabe«:e Bearbeiter, der ei«: Wort Jesaja's an der verlasse«:en jüdische«: Literatur wahr zu nmchen angefangen hat, daß Könige ihre Pfleger sein werden weitere Blüthen aus dem hebräisch-provencalischen Schristthunu seiner Aufmerksamkeit würdige«:. Es hat etwa« Stärkendes und Aufrichtendes, einer geistigen Auferstehung anzuwohnen u«:d die Wunder einer Erweckung zu erleben, die Nie«na«:d für möglich gehalten habe«: würde. Als am 24. Mai d. I. Avignon zur hundertjährigen Feier seines Anschlusses an Frankreich in Jubel ausbrach, schloß Josef Roumanille, der Nest.:r der Feliber, wie sich die Wiedererwecke:- der provencalischen Literatur und Sprache nennen, für iunner in seinen Mauern die Augen. Er dürfte in dein Bewußtsein ir: die Ewigkeit Hinübergehen, daß ein großes Werk in treuen Händen ruht. Mehr al) ein Viertelhundert Poeten waren wie Sterne aus der Nacht neben ihn: heraufgetaucht, einzelne Sterne ersten Ranges, zugleich am Himmel der Weltliteratur. Möge etlvas von dieser Wiedergeburt der g.eise Kaiser, der die hebräische Literatur der Provence huldige«:d in diesen Kreis führt, an sich erlebe«:, zu neuen Werken seines weisen Geistes und seines liebreiche«: Herzens. Die russischen Juden in Amerika. Bekanntlich ist in letzter Zeit in New-Aork seitens der Einwanderungsbehörde wiederholt die Landung russischer Juden verhindert worden. Gegen diese Härte ist bereits mehrfach Widerspruch erhoben worden. Niemand aber hat diesen: Widerspruch einen so ergreifenden Ausdruck gegeben, wie Herr- John F. Dillon, der bekannte Führer der irischen Nationalisten, in folgendem Briefe an Herrn Jesse Selig:::an, den Vorsitzenden des New-Norker Unterstützungs-Cornites, den dieser einem hier wohnenden Herrn übermittelte. Das interessante Schreiben ist aus Saratoga 11. September datirt und lautet in deutscher Uebersetzung: „Geehrter Herr! Heute mit dein Zuge von New-Pork hier angekommen, sah ich in der „Evening Post" eine Notiz, daß „hervorragende Juden in allen Theilen der Vereinigten Starten von den Trustes des Baron Hirsch-Fonds eingeladen worden sind, am Mittwoch den 23. September in dein Gebäude des Hebrew Educational Alliance. East Broadway und Jefferson Street, zusainmenzukominen, zum Zwecke des Zusammenwirkens bei der Bildung eines amerikanischen HilfscomitSs, um die bestinöglichste Verfügung über die auscewiesenen russischen Juden, die tu dieses Land koinmen, zu treffen." — Die Verfolgung Ihres Volkes, unter welchen dasselbe ohne jede Ursache plötzlich und in Masse — mit den zahlreichen und namenlosen Härten und Leiden, welche einen solchen Ausgang uothwendigerweife begleiten müssen

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