Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 40 (9.10.1891)
- Date
- 1891-10-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/3020846-3020847-3020888--00760-3024766- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 40 Orsterrrichifchr Wochenschrift. ©eite 735 liches, der ihre Geschichte nicht kennt. Es ist nicht zufällig, daß das Wort Ghetto, das von d?m Quartier in der Nähe dr alten Gießerei, in das die Juden zu Venedig eingepfercht wucd n, hergenommen ist, erst iin Jahre 1516 entstanden sein soll. Das vielgeschmähte Mittelalter hat merkwürdigerweise weder die Sache noch das Wort gekannt. Wohl haben die Juden gleich den Lombarden und Kawertschen, d. i. den aus Cahors stammenden Bankiers gern in den Städten zusammengewohnt und in der Nähe der Nathhäuser sich angebaut, wie etwa ein scheues Kind sich zu seiner rauhen Stiefmutter flüchtet, aber die Abschließung gegen die übrige Bevölkerung, die leibliche sowohl wie die geistige, ist ihne t erst später aufgen'Khigt worden. Sie haben nicht nur unter ihren Herren, sondern mit ihnen gelebt, Einwirkungen erfahren und Einflüsse angenommen, die nur bei wirklichem Verkehr sich herausbilden tonn n. Z u n z hat nachgewiesen, daß sie die Vornamen, die in ihren Ländern heimisch waren uub die man als eine Schwäche der 'Nachäfferei oft an ihnen belächelt, wenn man nicht gar wieinmal ein König in frommer Laune sie ihnen verbieten möchte, in Jahrhunderteil bereits ganz allgem in geführt haben, wo unser Borurtheil uiid unsere Unwissenh it dies einfach als unmöglich erachtet haben ivürde. Alexander uiid Herkules, Esperanza u,id Scholastika hießen Juden uub Jüdinnen vor dem zivölfteil Jahrhundert, von Kunold und Trautlieb, von Gertrud und Richmodis nicht erst zll reden. Sie hatten dieselben Namen und dieselbe Sprache wie ihre Umgebung, wenn mir auch hellte nach so viel Jahrhuliderten gewaltsamer Abschli ßung erstaunt sind, sie bei ihnen anzutteffen. Wie Dornröschen in der Fabel, so ruhen die Sprachllnd Literaturalterthümer der Völker im Dickicht der jüdischen Literatur, harrend des Errveckers. Durch diese ihre Allgegenwart ist sie Un s der schätzbarsten, wenn auch noch ungenügend bekannten Fundgebicte für die Forscher aller Literaturen imd Dialekte, alter Gedankenlind Sagenkreise. Schon die Sprache der Judengasse trug ein Mllseum gleichsam von Allerthümern tut Munde. Ein Kopf wi? Aristoteles galt ihr als Bezeichnung des höchsten Scharfsinns. Wer Jemand peinigte, der machte ihm das Bestemm, eine verklungene Eriilnerung an die Schrecken jenes Gerichtshofes der Bestemmia, d. i. der Blasphemie und Gotteslästerurlg, dessen Kunde die Jllden voil ihren Handelsreiserl nach Venedig nachhause brachten. Die Vorleslmg aus der Gesetzesrolle im Gotteshause, das Leieiren, war lviederunl ein deutsches Sprachalterthum, ein Nachklang der Leie oder Leiche, wie man im Altdeutschen die Lieder lmd Melodieen ilanrlte. Und selbst die Küche hatte ihre Sprachdenknläler, wie jenes Sabbnthgericht des Schalet llach Frankreich weist, irach der alten Form chald für Gewärmtes, das schon nach der Ueberlieferung eines alten Scholiasten des Juvenal die Jllden aalida llannteil. Volleilds aber in dem Schriftthllvi der Juden finden alle Kultursprachen ihre urklllldtiche Bezeugung, ehrwürdige flieste ihrer Vergangenheit. Jkl den Erklärungen der Bibel wie des Talnlud, die der Jugend in der Landessprache erschlösse»! wurden, hat sich ein Sprachmaterial von llnschätzbarein Werthe, wenn auch ilur in glossirenden Worten erhalten. Die hebräische Poesie hat, wie sie Metrum und Reim, Bilder ttnb Wendungeil fremden Literaturen entlehnte, mit fremdsprachlichen Verseil sich geschnmckt llnd verbrämt; schon Jehuda Halewi und Abraham Jbn E s r a haben manches ihrer Gedichte in arabische und romanische Verse ausklingen lassen. Aber iua() das shnagogale Leben urtb der Ritus haben früh der Lalldessprache Elemente entlehnt, die wie Ueberlebsel untergegailgeiler Feiten sich darin erhalten haben. Manches Buch und Kapitel der heiligeil Schrift ist beim Gottesdienste der Gemeillde in Uebersetzungen vorgelesen worden. Daher kommt es, daß z. B. int Neugriechischen die S -nagoge der Sprachforschung die kostbarsten Sprachalterthümer aufbewahrt hat; d'e Uebersetzung des Buches Jona, die am Versöhnungstage in den Gotteshäusern des griechischell Ritus vorgetragen wurde gehört zu den ehrwürdigsten Denkmälern des Neuhellenischen. Ein Erklärer der Gebete aus dem XHI. Jahrhundert in Böhmen zeigt durch seine böhmischen Uebersetzungen schwieriger Worte, das damals bei den Jllden mit der auf Verftändniß rechnen konrlte, der mit ihnen in ihrer Landessprache redete. Die nach Tausenden zählenden französischen Worterklärungen des am 13. Juli 1105 verstorbenen Königs der jüdischen Kommentatoren Salomo B. I s a e aus Troyes, genannt Raschi, haben die französische Regierung veranlaßt, den so stütz verewigten Arssne Dar me st et er auszusenden, um in den Bibliotheken Europas deil gereilligtert und sicheren Text dieser so werthvollen Sprachrefte herzustellen. Aber üllch zusammenhängende Sprachproben in hebräischer Unlschrift belvahrt die jüdische Literatur. Allen Ronlanisten ist ein französisches Klagelied bekannt, das im Jahre 1288 aus die jüdischen Märtyrer von Troyes gedichtet wurde ulld ill einer Handschrift des Vatikans sich erhallen hat. So haben wir auch ganze französisch-jüdische Glossare und stanzösische Sprichwörter in hebräischen Kommentaren überkommen. Ganz dasselbe gilt von allen größeren Sprach- und Literaturkreisen Europas, von dem slavischen nicht minder als vom germanischen. Selbst die Volkslieder haben noch au > dem jüdischen Schristthum reiche Förderung ihrer Geschichte, Archivatiell ihrer Verbreitung zu errvarten. Wie man nach verbreiteten Melodien synagogale Gedichte schuf, so nahm man oft die Lieder selber aus dem Bolksnlunde, um sie in hebräischer Niederschrift fortzupslanzen. Man hat erst jüngst ein ganzes Bündel solcher deutscher zum Theil von andersher unbekannter Volkslieder in einer einzigen jüdischen Haildschrift entdeckt llnd in einer anderen ihre hebräischen Nachbildungen gefunden. t So ist es gekommen, daß zur hundertjährigen Ferer des Anschlusses der Grafschaft Venaissin an Frankreich der Freund des Feliberthums, der greise Don Pedro H. von Brasilien, nur nach der jüdischen Literatur zu langen braucht, um ihr seine Huldigung für das so wunderbar erblühte provengalische Schrifthum zu entnehmen. Dort an den Usern der Durance, wo nach U h l a n d's Lied der Minnesang erstanden ist, nahe dem Küstenlande des südlichen Frankreich, haben nämlich das ganze Mittelalter hindurch bis auf unsere Tage jüdische Gemeinden geblüht, die in der süßen Sprache, in der Ja nicht 0lli, sondern oc hieß, gedichtet und gebetet haben. Dank den ausgezeichneten Bemühungen der in Paris seit dem Jahre 1880 wirkenden Societ > des etudes juives und ihrer Revue sind wir heute über die merkwürdige Geschichte dieser jüdischen Niederlassungen weit mehr im Klaren als etwa über die Geschichte der Juden in dem Ungarn des vorigen Jahrhunderts. Christliche Forscher * wie Gustave Saig e, Leon Bard inet, N. d e M a u l d e im Verein mit jüdischen Historikern wie Isidore L o e b haben ein Licht uns aufgeftcckt, bei dessen Scheine wir in den engen und düstereu Judenquartieren der Grafschaft oder des Comtat Venaissin uns wie am hellen Mittag zurechtsinden köllnen. Von den vier Gemeinden, die hier einst die Vororte der Judenheit gebildet haben, Avignon an der Rhone, Carpentras am Auzon, L'Jsle an der Sorgue und Cavaillon an der Durance, bestehen und blühen heute nur noch die beiden ersten. Aber einst haben sie vereint eine Insel in der Sprache, im Ritus und selbst im Schicksal der französischen Juden gebildet. Neben den Juden im Kirchenstaate haben sie allein, seit die Grafschaft 1373 an die Päpste fiel, unmittelbar unter der Herrschaft der Kirche gestanden. Mehr als ein halbes Jahrtausend, bis die Revolution 1791 auch an oie Pforten dieser Städte pochte, hatten sie das Joch römischer Legaten getragen, das aber vergleichsweise noch ein mildes zu nennen war. Wohl engte man ihnen auch h'er Luft und Licht ein und zwang sie in den Himmel hinein, statt auf der Erde sich anzubauen und Stockwerk auf Stockwerk zu thürmen, wohl war es auch hier die höchste Sorge der Staatsweisheit, daß die Synagogen nicht aus die Sttaße blickten und die Kathredalen nicht überragten, weshalb denn das Fenstervermauern und Dächerabttagen fast gar nicht von der Tagesordnung abgesetzt wurde, aber man war wenigstens so mild, nicht Raubbau am eigenen Acker zu treiben und die Heerde zu zersprengen, die man nutzen und scheeren wollte. Daher gibt es in der comtadiilischen Judenschaft wie sonst nirgends in dem an Juden-