Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 40 (9.10.1891)
- Date
- 1891-10-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3020846-3020847-3020888--00759-3024765- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 734 Oestrrreichischr Wochenschrift. Nr. 40 Wuchers überwiesen worden, und man braucht nur die Namen eures Verh ov ay, eines Tr. F ö r st e r, eines Schneider, eines Böckel, eines Stöcker, eines P i ck e n b a ch zu nennen, wn von den Vorkämpfern des arischen Jdealisnrus den richtigen Begriff zu bekonnnen. Mer weiter! Wir haben in Wien ein antisemitisches Tagesjournal, deffen Spalten gewiß von idealen Anschauungen, von Patriotismus, Kaisertreue und Menschenliebe triefen, welches nie ein Wort der Lüge enthalt, welches in keiner Weise dem rohen Jnstincte der Masse schmeichelt, welches Gerechtigkeit walten läßt in Allem und gegen Jedermann. Wissen wir doch, daß Ernst Vergani ein Ehrenmann ist, der nie seine Ueberzeugung geändert, nie einen Genossen v rrathen, nie um Geld oder Geldeswerth die Wahrheit in ihr Gegentheil verkehrt, nie die frecheitlichen Ideen verleugnet und sich zun: feilen Handlanger der Reaction erniedrigt hat. So hoch steht dieser Mann und steht sein Blatt an sittlichem Werthe, daß cr erst jüngst höhnend ausrusen durfte, der Mitarbeiter eines „Judenblattcs" der „Neuen Freien Presse" habe auf dem Socialistencongresse zu Brüssel einen Verweis bekommen, und die „Neue Freie Presse" verschweige diese Thatsache, um ihren Lesern Sand in die Augen zu streu n. Der arische Idealismus feint im „Deutschen Volksblatt" gegenüber dem semitischen Materialismus wiederum einmal glanzende Triumpfe und die Wahrheitsliebe Ernst Vergani's strahlt wie l uchtend.s Gold. Ab r ein Lügner und Heuchler ' sollte vor Allem ein gutes Gcdächtniß haben, sonst fängt er sich in seinen eig-nen Schlingen. *' Das „Deutsche Volksblattch dient dreien Herren zugleich: dem Judenhasse, dem Vaterlandsverrathe und der Reaction, und es kann nicht ausbleiben, daß es unter solchen Umstanden mit sich selbst in Collision geräth und seine verschiedenen Pflichten mit einandcr verwechselt. Einem der beliebtesten Schlagworte der modernen Judenhetze folgend, erhebt es gegen die ^zuden so oft als möglich den niederschmetternden Vorwurf des Unpatriottsmus und beschuldigt die „Judenblätter" der Fälschung, Entstellung oder Verschweigung von T Hatsachen. In Prag aber hat Kaiser Franz Josef, unser Kaiser (Sie begreifen doch, Herr Vergani, warum wir diese-o Wort hervorheben), den unerschütterlichen Patriotismus der Juden gerühmt und in huldvollen Worten ihre dynastische Treue airerkannt. Kein österreichisches Blatt hat es gewagt, diese^ bedeutungsvollen Kaiserworte zu unterdrücken, nur das „deutsche Volksblatt" hat sie escamotirt, das Organ des arischen Idealismus hat sie einfach unterschlagen. Auf eine Unterschlagung mehr oder weniger kommt es ja nicht an, wo es sich um d:e Juden handelt, zumal ja das „Deutsche Volksblatt" überhaupt nicht auf Vollständigkeit Ansruch macht, wenn es über dre erhabene Person des Kaisers von Oesterreich zu berichten hat. Wir erinnern daran, daß es bei dem ersten Besuche des Kaisers Wilhelm in Wien beharrlich die Bezeichnung „der Kaiser" wählte, wenn vom deutschen Herrscher die Rede war. Wir erinnern daran, daß es die Vorbereitungen für den festlichen Empfang des aus Böhmen rückkehrenden Kaiser Franz Josef einen ganzen Tag lang seinen Lesern verschwieg und zuletzt nur in sorgsam versteckten Notizen davon Act nahm, während die sogenannten „Judcnblätter" die Hingebung des Kaisers an seine Herrscherpflichren in begeisterten Artikeln feierten. Man beachte wohl, wie schlau Herr Vergani seinen arisch-idealen Pstichten gerecht zu werden sucht, wie er in sich die reinste Wahrheitsliebe, den aufopferndsten Patriotismus, die hingebendste Kaisertreue und die tadelloseste Ehrlichkeit vorbrüstel! Er unterschlägt ein Kaiserwort, weil es den Juden günstig ist, er geht über eine großartige Ovation flüchtig hinweg, weil sie dem Kaiser von — Oesterreich gilt. Das „Deutsche Volksblatt" kriecht vor den Deutschnationalen, welche offen den Vaterlandsverrach predigen; es kriecht vor der schwarzen Reaction, die allerdings specifisch österreichisch ist, aber cs ist tapfer, wenn es auf einen Juden losschlagen kann. Das ist arischer Idealismus, das ist arische Rechtlichkeit und arische Paterlandsliebe. Kaiser Don Pedro II. D'Alrankare von Brastlien als Pfleger der hebräischen und provcn^alischen Literatur. Von Prof. Tr. David Kaufmann. Die Sage ist eine Bücherfeindin. Ihre Menschen haben die Welt ohne Bücher angettoffen und müssen auch ohne solche sich zu beschäftigen wissen. So gibt sie selbst dem ewigen Juden kein Buch in die Hand; von dem, was er auf seinen Wanderungen gelesen, weiß sie nichts zu melden. Aber der ewige Jude der Geschichte ist nicht ohne Bücher ausgekommen, vielmehr ist er zu allen Völkern in die Lehre gegangen, in alle Gedankenkreise eingedrungen, aller Sprachen Meister geworden. Wie in dem Wasser eines Sttomes alle Ufer sich spiegeln, cm denen er vorbeifließt, so hat das jüdische Schriftthum die Bilder aller- Literaturen in sich aufgcnommen, mit denen es iir Berührung gekommen ist. Keine große geistige Erscheinung ist an ihm ohne Eindruck und Wirkung vorübergegangen, jeder weltgeschichtliche Culturmittelpunkt hat in ihm sein Denkmal, jed? Blüthe einer Literatur in ihm ihren Nachsommer. Die großen griechischen Tragiker und Philosophen haben unter den Juden Alexandrias ihre empfänglichsten Schüler und Nachahmer gefunden; durfte man doch übertreibend davon sprechen, daß der Jude Philo mit dem ganz göttlichen Plato um die Palme griechischer Sprachkunst ringe. So hat Horazens Poesie in Rom jüdische Freunde und Bewunderer gefunden, und Marc Aurel, dem Philosophen auf dem Throne, hat es an Rabbinern nicht gefehlt, mit denen er philofophiren konnte. Gar mancher großer Perserkönig hat an d n Gesprächen eines babylonischen Rabbi sich erfteut; von den Einflüssen der Religion und Literatur der Perser zeugt heute noch manch jüdischer Brauch, m hr als eine tiefe Spur im Geistesschatze der Inden auf dem Erdenrund. Als Arabien zur Blüthe gelangte, feierte die Sprache Zions ihre Auferstehung, das Schriftthum der Juden seine Wiedergeburt. Philosophen und Poeten wuchsen empor, die ihre Lehrer in den Scharten stellten; jede geistige Bewegung ttug ihre Wcllenringe in die jüdischen Kreise; nach jedem Gewitter im Gedankenleben ihrer Beherrscher wetterleuchtete es ain jüdischen Horizont. Die Erhebung der romanischen Literaturen begleiteten die Juden mitthätig, und mit aufgeschlossenem Sinn. Es hat jüdische Troubadours gegeben, die Rügelicder imd weiberfeindlichen Schwänke des Mittelalt rs haben hebräische Nachbildungen gefunden. Die keusche Muse der heiligen Sprache fand selbst Veranlassung, sich die Augen gu verhüllen, nur daß Niemand damals die kecken Herausforderer darob Realisten nannte. Dante hatte einen mitstrebenden jüdischen Freund in M a n o e l l o und in Mose R i e t i einen glücklichen Nachahmer. Selbst die Literatur der Kirchenväter ging an d.n Inden nicht eindruckslos vorüber. Sic kannten den englischen, wie den seraphischen Doctor und hatten dafür der Kirche auch einen Doctor anzubieten, den Doctor perplexorum, des Mose Maim u n i denkgcwaltigen Führer den Schwankenden, wie sie ihr schon vorher Salomon Jbn G a b i r o l zu leihen hatten, der lange ungekannt als Avic bron wie ein Gespenst durch die Eorridore der heiligen Väter huschte. So las man Thomas von Aquino hebräisch und tändelte in heiliger Spache mit Boccaccio um die Wette. Alle großen Acrzte des Mittelalters fanden in hebräischer Uebertragung ihren Weg zu den Zetten Juda's di: Kunde von d.n großen Ereignissen der Völkergeschichte, von den Entdeckungen der Spanier und Portugiesen drang hebräisch zu den Juden. Sie hatten Minnesänger unter den Deutschen und Ohr und Herz für alle Sagenkreise ihrer Umgebungen. So ist der Gedanke der Weltliteratur hier verwirklicht gewesen, lange ehe Herder und Goethe seine Paladine wurden, und das jüdische Schriftthum ein Bildersaal der Well, ein Pantheon g worden, in dem M i l t o n und Shakespeare, Schiller und Goethe ausgestellt sind, aber selbst Eugen S u e und Adam M i c k i e w i c z nicht fehlen. Diese Theilnahme der Juden an allen geistigen Vorgängen inmitten ihrer Umgebung n hat nur für Den etwas Unbegreif-