Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 40 (9.10.1891)
- Date
- 1891-10-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 40 O ey err^ichische Wochenschrift. «Leite 733 gleichungsvcrmögcn besitzt, das Bedenkliche an diesen beiden Nebeneinandcrstellungen hcrauszusinden, — über sein liebes Publikum, das so blöd ist, sich beim Lesen nicht an die Stirn zu schlagen und zu fragen: „Wie kann denn der Mensch den Judenblättern vorwersen, daß sie lügen, wenn er selbst Lügen über Lügen schreibt." Die antisemitischen Organe werfen der „verjudeten Presse" „Vertuschung", der den Juden unangenehmen Vorkommnisse vor. Wer betreibt jedoch die Vertuschung systematischer und offenkundiger als die antisemitischen Organe selbst? Vergeht doch keine Woche, wo nicht Antisemiten, zuineist Agitatoren oder Führer, wegen Verbrechen vernrthcilt werden. Alle Welt sprich« von dem sensationellen Proccsse, auch die Antisemiten unter sich sprechen davon, als von einem Familieucrcigniß; aber kein antisemitisches Organ bringt ein Wort darüber. An dem Tage, an welchen im Gerichtssaale der liberalen Blätter über das Schlemastik eines solchen Antisemiten berichtet wird, steht nn Gerichtssaal der antisemitischen Blatter statt dessen irgend ein geringfügiger Gerichtsfall, in dem ein Jude vorkommt, sei es auch nur ein armer Jude, der wegen Bettelei angeklagt war, den der Gcrichtssaal-Neporter dieser Blätter erst aus einem ausländischen Blatte hervorstöbern oder seine Phantasie zur Erfindung desselben anstrengen mußte. In jener selben Nummer ihrer Blätter dürften aber die Antisemiten den Vorwurf über die Vertuschungen der „verjudeten Presse" lesen, ohne sich an den Vcrtuschungskünsten ihrer e-gencn Blätter zu stoßen. „Die verjudete Presse" verschweigt die dem Judenthum mißliebigen Kundgebungen von maßgebenden Factoren", lautet das antisemitische Lied weiter. Wenn sie dies wirklich thäte, würden wir die ersten sein, die sich darüber aushieltcn, denn im Kriege muß man die Zahl der Feinde und ihre Waffen genau kennen, um sich ihrer vorsehen zu können. Allein das Verschweigen betreiben nur die antisemitischen Blätter. Das „Deutsche Volksblatt" hatte die Frechheit. alle Antworten des Kaisers an jüdische Deputationen auf seinen Reisen im Sommer und auf seiner letzten Reise nach Böhmen zu unterschlagen weil in allen diesen Antworten der Kaiser die jüdische Loyalität und den jüdischen Patriotismus anerkannt und den Juden seinen Schutz und seine Gnade verheißt, was natürlich den Antisemitenführern gegen den Strich ist. Wollen sie doch das Volk glauben machen, daß der Antisemitismus eine von oben ansgcgebene Parole sei. An dem Kaiserworte heißt es, soll nicht getüstelt und gedeutelt, noch weniger darf es aber unterschlagen werden. Wer dies thut, will ihm trotzen, gegen dasselbe handeln. Dem „Deutschen Vclksblatt" wäre auch wirklich nichts daran gelegen den Antisemitismus durch die Revoluüon und Anarchie aus die Beine zu helfen. Hen Bergani geht ja in seinem Verschweigen ncch weiter, er thut ja schier, als bekäme er bei jeder patriotischen Kundgebung des Volkes einen Stich wie Mephistopheles beim Anblick des Pentagrammes. Alle Blätter Wiens leitartikelten Freitag den 2. Oktober' in der Morgenausgabe über den spontan in der Bevölkerung der Residenz entstandet en Gedanken, den geliebten Kaiser' bei seiner Rückkehr aus Böhnren festlich zu begrüßen, die Häuser zu illuminiren und zu beflaggen, und in der politischen Uebersicht der Abendausgaben der Blätter desselben Tages nahmen die freudigen Vorbereitungen der Bevölkerung für den Empfang des Kaisers, die Fester stimmrmg, die in der ganzen Stadt herrschte, die Spannung, die Erwartung auf die kommenden Stunden, die erste Stelle ein; selbst die ausländischen Blätter desselben Tages brachten große Telegramme über dieses Ereigniß und besprachen das arch jeden Fremden erhebende Gefühl der Liebe der Wiener "zu ihrem Kaiser, nur das „Deutsche Volksblatt" brachte weder in seiner Morgen-, noch in seiner Abendausgabe ein Wort der Bemerkung darüber, als sckmerzte Herrn Vergant diese Liebe und Anhänglichkeit des äua'j zum Kaiser, als litte seine große antisemitische Seele beim Anblicke dieses patriotischen Geistes, der alle seine anarchischen Hoffnungen zunichte macht, als wollte ec mit seinem Schweigen seinen Getrerren andeuten: Seid nicht wie die Andern! Für Euch hat die Heimkehr des Kaisers kein Fest zu sein! Demonstrirt gegen diese. Und in derselben Nummer, in der N u m m e r vom 2. Oktober, in welcher das „Deutsche Volksblatt" durch sein an H ochv err a t h g r en z e n d e sV erschweigen sich hervorthut, hat es die unfaßbare Frechheit, der „verjudeten Presse" „gewerbsmäßige" Täuschung und Irreführung durch Verschweigen vorzuwerfen, weil angeblich ein Eorrespondent der ,/Neuen Freien Presse" aus Berlin, der der sozialdemokratischen Partei angehört, eine Rüge von seinen Parteigenossen erhalten bat, und die „Neue Freien Presse" dieses große weltbewegende Ereigniß ihren Lesern verschwieg. Schließlich noch ein Beispiel was die antisemitische Presse im U n t e r st e l l e n leistet. An der Budapester Universität wurde Heuer eine besondere Lehrkanzel für ungarische Versassungs- und Rechtsgeschichte eröffnet. Der hiesür berufene Professor, ein gewisser Dr. T i m o n, hielt seine Antrittsrede über das heimische Recht, in der er die Nothwendigkeit der Pflege der nationalen Rechtswissenschaft betonte, und obwohl in der ganzen Rede kein Wort von Juden vorkommt, wird sie von den antisemitischen Blättern als eine Kampsrede gegen die Verjudung der Gesetze und das jüdische Juristenthum ausgegeben. Nun hat derjunge Erzherzog Joses August, der jetzt seine juristischen Studien macht, den genannten Professor zu seiner Antrittsrede telegravhisch beglückwünscht. Flugs erklären die antisemitischen Blätter den jungen Erzherzog als einen der chrigen, der sich durch die zur Zeit so beliebte Rücksichtnahme auf das glaubenslose und^he.dnische Judenthum und auf den verjudeten Liberalismus nicht beirren ließ, und kuüpfen daran Hoffnungen, als ob niit diesem Erzherzog schon das antisemitische Reich käme. So suchen sie durch diese Unterstellung Gegensätze in der allerhöchsten Dynastie zu erfindet,, um die dynastischen Gefühle des Volkes zu verminen. Das ganze Geschrei üb r die „verjudete Presse" ist also nichts weiter als der Witz des verfolgten Diebes, der mitschreit: „Halt's ihn, auf!" Die antisemitische Presse ist es, die gewerbsniaßig die öffentliche Meinung fälscht, durch Vertuschung, Verschweigen und Unter-stellen täuscht und irreführt, und das Volk um seinen Glauben, um seilte Treue, um seine Heiligthümer und Ideale bringen will. Die Frage ist akut geworden, was dringender ist, die Verführten aufzuklären cder den Verführern gewaltsam das Handwerk zu legen? Von anderer Seite wird uns darüber geschrieben: Die sogenannten „wissenschaftlichen" Antisemiten, die Dühring und Genossen, lieben es davon zu sprechen, daß in dem Arier'thum rmd in dem Semitenthum zwei verschiedene Welten und Weltanschauungen mit einander in Kampf getreten sind. Man ist uns zwar bis auf den heutigen Tag eine genaue Desinitioir der einen und der andern Weltanschauung schuldig geblieben, aber im Allgemeinerr sagt man, daß die Semiten den Malerialismus, die Arier den Idealismus rnpräsentiren. Zwar sollte man meinen, daß die Geschichte des Judenlhums wie keine andere reich ist an den idealsten Zügen an Gottvertrauen, Vaterlandsliebe, Familiensinn und Opfermuth — allein wir wollen die Theorie der wissenschaftlichen Antisemiten hier nicht bestreiten und uns rielmehr voll urb ganz aus ihren Standpunkt stellen. Wir wollen sageil: Wenn das Arierlhum die Race des Idealismus ist, dann müssen die Antiscmiten geradezu die Blürhe des Jdeälismtls seilt, daltn müssen ihre Häupter alle Tugenden in i. sich vereinen, welche die göttliche und die weltliche Ordnung als 1 solche anerkennt: Liebe zu Gott, zu Fürst und Vaterland, Ehr- _ ' lichkeit, Wahrhaftigkeit, Menschlichkeit u. s. w. und ihre Publicationen müssen ein Spiegel all' dieser Tugenden sein. « In Wirklichkeit steht nun die Sache freilich anders. Es '•. gibt kaum noch einen Antisemitenführer, dem nicht die heuchlerische Maske vcm Gesichte gerissen werden wäre, der sich nicht als i/v. ein Lump in Folio entpuppt hätte. Fast alle, alle sind sie ' r irgend eil es gen einen Berlrechevs, des Diebstahls, des Betruges, - der Vnuvlrcturg, brr Urkm densälschung, des Meineides, des ■