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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-10-09 · 40 (9.10.1891) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
40 (9.10.1891)
Date
1891-10-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Oestrrreichifchr Wochenschrift. Nr. 40 Seite 732 Tempeldienst mit seinen Opfern und friedlichen Gebräuchen bleibt unvergessen. Alles wirkte zusammen, um auf die danralige Zeit nach ihren Vorstellungen und Gewohnheiten den gewaltigsten Eindruck zu machen. Es kamen die traurigen Tage des Exils und das Blut der Märtyrerschmückte das Fest mehr als das Blut der- Opfer unter der Hand des großen Priesters. Fremder Aberglaube vermischte sich dem Feste; wir erinnern an die schauerliche Sage, wo die. Todtcn auferstehen, um an dem Feste theilzunehmen. Aber der Gedanke des Festes bl eb dennoch in seiner Reinheit ungetrübt erhalten. In den letzten Jahrhunderten des Tempeldienste?, als die monotheistische Idee uni er Millionen von Heiden Verbreitung gefunden hatte, da strömten an diesem Tage aus den römischen Colonien und gewiß, auch aus Rom selber die Wallfahrer herbei, um an dem Dienste des unsichtbaren Gottes theilzunehmen. Zehntausende von Heiden stimmten nach der Schilderung eines antiken Berichterstatters in das „Amen" ein, wenn das Gebet des Hohepriesters verhallt war. Zweck und Inhalt des Tempeldienstes aber war: Versöhnung der Menschheit mit Gott, Vereinigung der Menschheit zu Einem Bunde durch den Glauben an Gott, an den unsichtbaren Urheber- und Erhaller. Und als die .Juden Leiden erdulden rnußten, wie kein ander-es Volk, da beteten sie für das Heil der Menschheit, da blieb der Glaube an das höchste Ziel des menschlichen Geschlechtes, an Versöhnung u^G»Früd:n ihnen rein erhalten. Den Bedrückern und Verfolgern galt das Gebet der Versöhnung und des Friedens. Und 'wenn man in Spanien Hunderttausende des Besitzes und der Heimat beraubte, wenn die Henker der Inquisition Tausende mit dem Feucrtode bedrohten, das Gebet des Tages erlitt keine Veränderung; es lautete: „Sie mögen Alle bilden einen Bund, um Deinen Willen zu erfüllen mit ganzem Herzen." Und in der Gegenwart, wo di Wissenschaft ungeahnte Triumphe feiert, wo dem Menschen die Quellen eines r inen Erkcnncns ausgeschlossen sind, ist das Gebet um Versöhnung nicht überflüssig geworden. Man wird cs erklärlich finden, wenn wir in diesen Betrachtungen d e Angriffe, Schmähungen und Ver-solgungen aller Art ignorircn, welche selbst di: Nacht des Mitt lalle.s nicht zu rechts rüg n vermöchte und diese für unsere Zeit tiefbeschimenden Vorgänge nur aus dem Grunde berühren, weil sie zeigen, wie weit wir noch von dem Ideale der Menschheit entfernt sind. Uns aber darf es mit Stolz erfüllen, daß wir vor Jahrtausenden, als der Gedanke d r Einheit des menschlichen Geschlechts auf der ganzen weiten Erde im Geiste selbst der größten Denker nicht ausg, dämmert war, bereits ein Fest hatten, geweiht dem Begriffe einer Menfchl chkeit, der Idee einer- Allverbrüderung. Und auch in der Gegenwart beten wir für Alle, ohne Unterschied der politischen Secte und überlassen es den Gegnern, das Stigma ihrer Selbstveiurtheilung sich selber aus die (Stirne zu brennen. Auch die russischen Juten beten für Alle zur Beschämung Derjenigen, die untcr heuchlerischer Maske den Dämonen d s Hasses und anderer- Leidenschasteit niedriger Art dienen. Jahrtausende hiitdm-ch haben Diejenigen, welche tteu zum Gotte Israels stehen, Einen Tag, an welchem sie mit der Verneinung aller Selbstsucht, auch der naüonalen Cclbsffucht, die Entsagung aller irdischen Genüsse verbinden. Es ist ein großes Schauspiel, daß die Bekenner eincs Glaubens vierundzwanzig Stunden lang auf Spese und Trank unb andere Behaglichkei en verzichten, um sich ganz von der Weihe res Festes erfüllen zu lassen. Wohlgeordnet ist der Dienst d-s Tages, denn es steigt das Gebet uf am Abend und die Beruhigung erfolgt am Morren, bis ivieder am Abend, in den Schlrrßstundcn des Festes dem harrenden Gemüthe die Gewißheit der Erlösung gegeben ist. Einzig bleibt dieser Tag und er ist in seinem weltbürgerlichen Charakter, in s inem Gedanken reiner Menschlichkeit ein unwiderlegliches Zeugniß gegen alle Anschuldigungert, rrelche die Bekenner des Jndenthums ertragen rnußteir. Selbst wemr ein Sohn unserer Zeit gegen jedes positive Dogma sich auflehnt, so würde er noch immer diesen Tag mitfeiern ktiriren, ohrre feinen philosophischen Ueberzeugungen untreu zu werden. So möge denn dieser Tag, wenn er den Haß auch rroch nicht zu entwaffnen verrrrag, doch eine Hoffnung sein für die Zukunft und eine Vereinigung für die Gegenwart. Mögeir Diejenigen, welche auf die e'nre oder andere Art sich von der Gemeinschaft des Glaubens getrennt haben, an dies m Tage sich an die Pflichten erinnert fühlen, welche die Gerechtigkeit gegen die Glanbcnsgerrosserr ihr r Väter ihnen auferlegt. Derrn es ist ein heiliger Kampf irr dem wir stehen; eint Kampf nich nur zum Schutze unseres Rechts unb der Freiheit unseres Glaubens, sondern ein Kampf zum Schutze der hohen unb heiligen Ziele, denen die Menschteit zustreben muß. Wir wissen es nur allzugut, daß wir die Bedeutung des hohen Festes kaum irgendwie erschöpft haben. Wer könntes wagerr, der Dolmetsch dcr Sprache der Jahrtausende zu sein? Uns muß cs genügen, Erinnerungen wach zu rufen, di? tief in den Herzen schlummern unb Keiner wird sich der Wirkung des einzigen Tages entziehen der sie jemals empfunden hat. Dir handwerksmätzigen Lügner und Fälscher der öffentlichen Meinung. Der geschichtlichen Feststellung dcr Ursachen des Antisemitismus, die ruhigeren Zeiten Vorbehalten bleibt, wird die Preisfrage vorausgehen müssen: ob die Schlechtigkeit, die böswillige Absichltichkeit seiner Führer oder die Gedankenlosigkeit und Blödheit der Massen, die ihm zusielcn, größer gewesen? Es ist unglaublich, was jene im Sagen, Verschweigen und Unterstellen wagerr, und was ihr Publikum verträgt ohne aufmerksam zu werden, wie es betrogen wird. Es gibt blöde Menschen, denen aber doch plötzlich ein Licht aufgeht, wenn man ihneir einen Baren aufbinden will, ihr schlummernder Jntellcct reagirt gegcn die Lächerlichkeit; wieder gibt es Blöde, die zu sich kommen von dem Schrecken vor einer bösen Thal, zu der inan sie mißbrauchen will: das antisemitische Gefolge erwacht jedoch niemals ans seiner Blödheit, mögen es seine Führer zum Vesten halten oder hart bis an den Rand des Verbrechens führen. Es ist diese beiderseitige Größe, der Führer im Betrügen und der Verführten im Sich-betrügcn lassen, durch das ganze Register der antisemitischen Leier zu bewundern; am meisten jedoch bei dem Liede von der „verjudcten Presse". Die antisemitischen Organe rufen in einem fort: ,,Sie lügt!" und cs vergeht doch kein Tag, an dem nicht insbesondere das „Deutsche Volksblatt" Berichtigungen bringen muß über Lügen, die es den Tag vorher geschrieben hat. Jeder denkende Mensch wird gewiß über den in einer und derselben Nummer vorkommeuden Ruf: „Sie lügt!" auf die liberale Presse und das vom § 19 erzwungene Bekcnntniß, daß cs selbst gelogen, nur lachen müssen, und mehr muß aber Herr Vergani selbst darüber lachen, einmal über sich, daß er ein solch „verfluchter Kerl" ist, dies zuwege zu bringen, und dann über sein Lesepublikum, das doch die bet: essende Nummer immer vor sich hat, sie auch vom Anfang bis zu Ende buchstabirt und das nicht Ver-

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