Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 39 (2.10.1891)
- Date
- 1891-10-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 714 Orsterrrichische Wochrnschrist. Nr. 39 sein, sondern ihr Judenthum mittragen zu ihrer Höhe und es beglänzen mit ihrem Scheine, ein schwacher Dank für das Licht, das es ihnen gezündet hat, ein Zoll der Liebe zu ihrer Abstammung, deren Segen an sich erfährt, wer nicht verhärtet nnb gehässig gegen die Wahrheit sich verschließt. In Leiden gestählt, durch Feinde erzogen, durch Opfer frei und geadelt, wird der große Kern unserer Gemeinschaft gereinigt und geläutert ein Segen des Landes sein, das heute rvie Schlacken uns ausstoßen möchte und in verblendetem Wüthen gegen das eigene Fleisch die treuesten Glieder sich vom Leibe reißt. Wir treten an unserem Feste über die Schwelle des Jahres, in dem vier Jahrhunderte sich schließen werden, seitdem Amerika entdeckt und die Juden aus Spanien vertrieben wurden. Wer hätte es wohl Vorhersagen mögen, daß hundert Jahre nach der angeblichen Geburt der Freiheit in der Welt dieselben Martersceuen sich wiederholen werden und wie damals nach dem spanischen Greuel das Kreuzen auf allen Meeren, die Wanderung von Hafen zu Hafen in unserer Geschichte -von Neuem angehen wird! Aber nicht um die ins Herz schneidende Erneuerung unseres Wehgeschickes ins Gedächtniß zu rusen, sondern um Trost und Aufrichtung aus der Vergangenheit zu schöpfen, sei rückwärts unser Blick gerichtet! Damals war die Rarhlosigkeit allgemein. Es war ein Sturz aus einer durch Jahrhunderte festgehaltenen Höhe, ein plötzlich herauftauchender Wübel, der die Unglückliche» ins Perderben riß, eine Finsterniß, die aus dem Himmel zu stürzen schien und keinen Morgcnstrahl von Hoffnung dämmern ließ. Und doch hat selbst dieses bitterste Berhängniß der jüdischen Geschichte eine Saat glücklicher Wirkungen und Folgen auszuweisen. Der neue Morgen, den Niemand zu hoffen wagte, ist bald herangebrochen, neues Leben crotühte, wo Tod und Untergang allein zu lauem schienen, und weltgeschichtliche dauerkrästige Neubildungen erhoben sich aus der Auslösung und der gewaltsamen Zerrüttung. Ein Kranz jüdischer Ansiedelungen schlang sich aus einmal um das Mittelmeer, die Sonne, die im Westen Europas für die Juden untergegangcn war, ging jetzt im Osten, in der gastfreien Türkei für sie wieder aus, die italienischen Gerneiuden erstarkten wie durch neue Blutzusuhr, von den P.onieren des Welthandels gehoben und gesördert. Mehr aber noch als für den Süden und Listen bedeutete die neue Wendung der Dinge für den Norden Europas. Brau kann kühn behaupten, daß die Eröffnung Hollands und vollends die Wiedererschließung Englands die, w.e wir heute mit Sicherheit wissen, einzig und allein den Marrauen verdankt wird, mehr Segen für die Zukunft des Judemhums begründet hat, als der Vnlust Spaniens Fluch und Unheil gewesen ist. Für den aber, der in der Geschichte der Menschen mehr erblickt als die Auszählung augenblicklicher Leiden und vorübergehender Geschehnisse und ein Auge hat für die daraus hervortrclenden Lehren und die in ihr sich abtlärenden Gedanken und Erfahrungen, für den ist die durch die Vertreibung der Juden aus Spanien hervorgerufene Bewegung das stolzeste Blatt unserer Annalen, ein Ruhmestitel, den wir nicht misten möchten. Denn nie hat der Glaube an unsere Unzerstörbarkeit sinnensälligere Beweise, nie die in uns flammende oder glimmende Ueberzeugung hinreißendere Triumphe erlebt als in der Geschichte der Marranen, die noch dereinst ein Geschichtsschreiber mit einem Auge voll Licht und einem Heizen voll Liebe wird zu erzählen haben. Die Treue, die niemals etwas Anderes gekannt hat und am Alten hängt, rveil alles Nene ihr fremd geblieben ist, sie ist achtungswerth. aber ihr fehlt der Glanz des Erhabenen und Unbegreiflichen. Jene Treue jedoch, die wie eine geheimnißvolle Stimme des Blutes im Herzen sich ankündigt und Menschen aus ihrem Glücke, aus der stolzesten Lebensstellung und Umgebung herausreißt und sie zwingt, dem Unglück sich in die Arme zu werfen und die Brüder aufzusuchen bei ihren Leiden und in ihrem Drucke, den Verachteten sich anzuschließen und den Ausgestoßenen sich zu verbünden, deren Gesellschaft Fluch und deren Nähe Unheil bringt vor den Augen der Welt, sie ist von der Aureole des Heldenthums umleuchtet, ein Juwel im Ehrenschrein der Menschheit von seltenstem Scheine, von himmlischem Feuer. Das aber war die Treue der Marranen, die, al' Christen geboren, von den Höhen der spanischen Gesellschaft hcrabstiegen, um, ein Jeder ein neuer Mose ihre Brüder aufzusuchen bei ihren Lastarbeiten und an seinem Theile mitzuarbeiten, um sie herauszuführen aus dem neuen Egypten, aus dem Hause der Sklaverei. Wie viele sind wie, um nur Einen zu nennen, Don Diego di Aguilar, der Freund Kaiser Karl VI., der zum Heile der Juden Oesterteichs gleich einem Meteor mit mildem und segensreichem Scheine im vorigen Jahrhundert in Wien erschien, wie Viele haben ihre Güter, ihre Stellungen am Hofe verlassen, um in Verbannung und Drangsal hinauszuziehen, wenn sie nur das Panier des Judenthums schwingen konnten und sich wieder laut und frei zum Gott der Väter bekennen durften, von dem eine Stunde der Gefahr sie zu trennen, aber nicht loszureißen vermochte. Das war die neue Diaspora, die alle Greuel ihres Vaterlandes dadurch allein rächte, daß es seine Sprache hinaustrug in alle Lande, die Kinder darin erzog, die auf fremden Boden geboren waren, und so den Laut der Muttersprache zum Andenken an die Mutter festhielten, die ne verstoßen hatte. Und so haben jene Flüchtlinge, die Spanien ins Unglück gejagt hat, seine Größe nicht nur überlebt, sondern an ihrem Theile festgehalten, sie allein die Zeugen untergegangener Herrlichkeit, sie allein noch die Bewahrer der Ueberlieferung von dem Reiche, in dem die Sonne nicht untergeht, da sie Spaniens Sprache reden, pflegen und erhalteil ans beiden Hemisphären rund um den Erdball. Aber noch ist, dem Himmel sei Dank, dieser Schatz kostbarer und stärkender Erinnerungen nicht berufen, ein Gleichniß — zu bilden. Hüten wir uns, in geängsteter Phantasie vom Anfang des Endes zu reden, wo, vielleicht uns selber noch unbekannt der Beginn einer Umkehr zum Guten sich vorbereitet hat. Vielleicht ist inmitten all der Schrecken gleichsam nur das Ventil geöffnet worden, um eine furchtbare Spannung abzuleiten und eine Katastrophe zu verhüten, die leicht hätte hereinbrechen können, schrecklicher und verheerender, als je eine in unserer so leidensreichen Geschichte sich ereignet hat. Vergessen wir aber auch nicht, daß die Unglücklichen für uns alle gelitten haben, daß in den Greueln, die begangen wurden, die Augen gleichsam von ganz Europa sich geöffnet haben, um zu erkennen, wohin es endlich aus der abschüssigen Bahn kommen muß, die man unter der stillschweigenden, aber schwer zu verantwortenden Duldung der Regierungen munter und ungescheut betreten zu dürfen vermeint hat. Es war nöthig, einmal die Folgen der fast gehätschelten unseligen Verirrung in der Beuriheilung der Juden in der aller Menschlichkeit Hohn sprechenden rücksichtslosen Durchführung vor Augen zu bekommen, um die