Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 39 (2.10.1891)
- Date
- 1891-10-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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TM?-.-»• ■■ II ir* Orsterrrichischr Wochenschrift. Sette 71t Nr. 39 am Wenigsten fruchtbare Institution, die übrig bleiben wird, wenn die Schlammwelle der traurigen Verirrung unserer Feinde sich langst verlaufeil haben dürfte, ist das Logenwesen, das Erkaltete erwärint, Entfremdete zurückbringt und um Männer aller Stände unb Berufsarten das schmückende und zusammenhaltende Band des mit bewußtem Stolze getragenen Iudenthums zu schlingen erfolgreich bemüht ist. So ist die Zeit, die das Schwerste uns anzudrohen schien, Abfall und Auflösung, eine Zeit des Erweckens und der Aussaat geworden, die uns zurückgiebt, die wir nie besessen haben, und Bewußtsein weckt, wo es nur ein hindämmerndes Vergessen, die Dumpfheit der Zersetzung gab. Die Selbstbesinnung, das Bewußtsein unseres Besitzthums und unsere Vereinigung wird uns aber auch vor Etwas bewahren, was für eine Gemeinschaft gefährlich ist wie die Wasserpest, vorder Verbitterung und unfruchtbaren Sclbstquälerei. So schmerz^ Haft es auch war, am geträumten Mittag unserer Entwickelung diesen Ueberfall und Verrath, diese Erschütterung alles Glaubens an Gesittung, Gesetzlichkeit und Vaterland zu erleben, von bem Phantom Fortschritt nicht erst zu reden, so dürfen wir doch nicht über die heilsamen Wirkungen hinwegsehen, die diese Frucht des Geistes, der stets das Böse will und stets das Gute schafft, in ihrem Gefolge geführt hat. Wer sich erinnert, wie wir im Glauben an unsere herrlichen Errungenschaften ängstlich nach dem alten Fluchivort auf das Rascheln jedes verwehten Blattes lauschten, daß es nicht ein Unwetter über uns herabbeschwöre und das gläserne Dach, unter dem wir wohnten, prasselnd zusammenbrechen lasse, der muß staunend wahrnehmen, wie viel wir wieder schadlos zu hören und zu ertragen gelernt haben, ohne gleich zu fürchten, daß jeder Strohwisch einen Weltbrand erzeugen, und jedes Bellen eines übermüthigen oder hungrigen Köters den Boden unter unseren Füßen erschüttern werde. Es mag traurig sein, eine verderbliche Krankheit endemisch werden zu sehen, aber im Vergleiche zu den trostlosen Verheerungen, die sie angerichtet hat, als sie noch als Epidemie plötzlich über die Länder dahinzog, ist ihre Ansiedlung und ständige Einnistung eine erträgliche Wendung. Trösten auch wir uns mit dem Gedanken, daß diese pestartige Jnsectionskrankheit des Glaubenhasses, der gegen uns sich noch mit dem Gift des Rassenhasses und dem Aussatz des C l assenh a ss es verschwistert, durch unsere Feinde, diese blinden Boten der Vorsehung, ihres epidemischen und so lange für uns so gefährlichen Charakters entkleidet wird, und daß sie selber die Rolle des impfenden Arztes übernehmen, indem sie um die Verbreitung dieses Virus sich bemühen um auf Judenhaß zu impfen und so seine verderblichsten Aus' brüche von uns abzuwehren. Mag aber auch dieser Gedanke nur ein Bild sein, wir haben es nicht nöthig, wachend und träumend nur das niemals ausgesungene Lied unserer Anfeindung zu wiederholen und von unserem Judenthum nichts anderes zu erzählen, als daß es angekläfft und bedroht wird. Wer lange auf eine besonnte weiße Mauer sieht, aus der ein schwarzer Kreis sich zeigt, dem verwandelt sich bald sein Anblick in eine schwarze Fläche, auf der vereinzelt ein Heller Kreis erscheint. So haben auch wir zu lange die sonnenhelle Erscheinung unserer Errungenschaften angestarrt und die bedrohliche Gefahr nur wie einen dunklen Flecken angesehen, bis unser Auge in den verkehrten Fehler verfiel, Alles nur schwär; zu schauen und alles Lichte und Verheißungsvolle wie einen unsteten hüpfenden Punkt zu übersehen. Heißt es nicht aber, in den Vorhäfen der Erscheinungen verweilen, bei den Spielmarken gleichsam unserer Leiden sich aufhalten, wo es so herzzerreißenden Jammer, so unausschöpsbares Wehe zu betrachten gilt, wie es in dem Loose unserer russischen Brüder sich darstellr? Zunächst muß der geschichtskundige Blick auch angesichts dieses schicksalsvollsten Ereignisses gehoben sich zum Himmel richten, wenn er vergleichend in die Vergangenheit schweift und die Verfolgungen und Schlächtereien unter Bogdan Chmielnitzky in den Unglücksjahren 1648 und 1656 mit dem zusammenhält, was heute uns das Herz zusammenschnürt. Wir haben allen Grund, dankbar die Gnadenhand zu preisen, die in all' den Prüfungen im Norden sichtbarlich hervortritt und bisher die Drachensaat des Glaubenshasses von den Massen abgehalten und so das nackte Leben wenigstens den schutzlos Verfolgten gerettet hat. Es ist ein schauerlicher, aber ein weltgeschichtlicher Anblick der in den Leiden des russischen Iudenthums sich uns eröffnet, bei allen Schmerzen eine Wiedergeburt, in allem Elend eine Auferstehung. Auch die Weltgeschichte hat wie die Natur ihre Frühlingsstürme. Wenn es warm werden soll, nachdem Frost unb Eis allein geherrscht haben, dann muß der Lustkrcis durcheinandergerüttelt werden und ein Brausen und Tosen durch den Himmel gehen. Dem, der draußen rou d.m wilden Treiben erfaßt und gezaust wird, mag es wehe sein, aber vielleicht wird es ihm selbst noch lohnen, wenn er die lauen Lüf:e spüren und das Erwachen der Lieder vernehmen wird. So werden wir, die wir heute nur den Jammer und die thränenvolle Zerstörung sehen, dereinst das Werk des Segens erkennen, das hier vorbereitet ward, und die allwaltende Güte und den Finger Gottes preisen, wo heute nur die strafende Allmacht und der Zorn des himmlischen Gerichtes uns schreckt. Wenn das große Liebeswerk der Verpflanzung unserer unglücklichen Brüder nach fernen Ländern geglückt sein wird, dann wird ein wunderbarer Umschwung in den Verhältnissen das Iudenthums aus der Erde sich vollzogen, gleichsam das Gleichgewicht sich hergestellt und das hinsiechende jüdische Leben der neuen W.-lt wie aus geheimen Duellen sich erneuert und erkräftigt haben. Einmal schon hat das schwindende jüdische Wissen unserer Länder sich gestärkt und befruchtet, als die kosakische Verfolgung die Gelehrsamkeit Polens ins Rollen brachte und mit deren Ueberflusse den Hungernden den Tisch bereitete. Eine traurige Umwälzung, aber eine Wiedergeburt. Und wie einst vor dem Türken die Weisheit der Griechen, d.r Schatz von Brzanz das Abendland überschwemmte und bereichere, so wird jüdisches Wissen und der Segen unserer Ueberlieferungen in dem neuen Sturme, der unsere Brüder aus ihrer nordische» Heimat hinwegefegt, in Gegenden getragen werden, die bisher einer wasserlosen Wüste glichen. Aber auch die Zurückbleibenden werden wie ein geläuterten Kern in geschlossener Einheit aus dem Feuerosen dieser Prüfung hervorg hen. Es wird dann nicht mehr, wie es bislang zu geschehen pflegte, wer nur am Quell der Wissenschaften zu nippen Gelegenheit hatte, seiner Gemeinschaft entfremdet und kalt gegenüberstehen und die gefährliche Kluft sich schließen, die bisher das Alter und die Jugend, Vergangenheit und Zukunft, Ueberlieferung und Fortschritt auseinanderriß. Die glänzenden Namen, die aus der Mitte dieser gedrückten, aber wissensfrohen Bevölkerung am Himmel der Wissenschaften und der Künste herauftauchen, werden dann nicht für ihre Gemeinschaft verlor«