Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 38 (25.9.1891)
- Date
- 1891-09-25
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 702 Oesterrrichifchr Wochenschrift. Nr. 33 heiligen Pflichten gegen Thron und Vaterland ungestört erfüllen zu können. Geruhen Ew. Majestät den schwachen Ausdruck unseres ewigen unverlöschlichen Dankes, unseres, des Winkes Ew. Majestät stets harrenden hingebungsvollsten Treue und allerunterthänigsten Huldigung allergnädigst entgegenzunehmen und das lebenspendende Licht Ihrer königlichen und väterlichen Huld auch in Zukunft über uns strahlen zn lassen. Lange lebe hochbeglückt Se. Majestät, unser ehrfurchtsvollst-geliebter erhabener Herr und König!" Der König antwortete: „Ich nehme mit Dank ihre guten Wünsche und den Ausdruck unverbrüchlicher Treue entgegen und versichere Sie auch bei dieser Gelegenheit Meiner Gnade und Meines Schutzes." Proßrntz. Unter dem Schlachtrufe „Svuj k svemu“ wurde hier vor Jahresfrist eine Anzahl czechischer Geschäfte errichtet, die nur zu dem Zwecke ins Leben gerufen wurden, um dm Deutschen, hauptsächlich aber den Juden Concurrenz zu bereiten. Der Lederhändler Stanislaus Sadelitz, der hier gleichfalls unter dieser Devise ein Ledergeschäft eingerichtet hatte, hat nun seine Zahlungen eingestellt. Die Proßnitzer „vlastenci“ beredete ihn, daselbst eine Lederhandlung zu eröffnen und hatten ihm vorgespiegelt, wie dieselbe floriren würde, wenn er den Deutschen und Juden Concurrenz mache. Die Rechnung klappte jedoch nicht. Die erwarteten nationalen Kundschaften blieben aus, und als es schief ging, war einer der vlasteuei der erste, der dm Armen auspfänden ließ. Die übrigen Gläubiger aber haben das Nachsehen. Wir sind neugierig, unter welchem Titel unsere Tschechmblätter diese Art von obchody (Geschäfte) ihren Lesern mittheileu werden. Wir werden wohl in kurzer Frist von Nachfolgern des ehrenwerchen Lederhändlers zu erzählen haben. Berlm, 14. September. Als Kuriosum sei folgende Notiz autffemitischer Zeitungen hier wiedergegeben: Gegen den Baron Gerso n v. Bleichröder ist, wie die „Deutsch-socialen Blätter" vernehmen, aus Grund der Ahlwardt'schen Broschüre „Der Eid eines Judm" von einigen Leipziger Bürgern bei der hiesigen Staatsanwalffchaft Straf-Anzeige wegen wissentlichen Meineides erstattet wordm. Man hat sich zu diesem Schritte, verpflichtet gefühlt, weil am 29. November dieses Jahres für das Verbrechen, deffen der p. p. Bleichröder beschuldigt wird die Verjährung eintreten soll. Sonst wohlunterrichtete Personen wollen die Audienz, die Baron Bleichröder am Donnerstag, 27. August, beim Reichskanzler v. Caprivi hatte und wahrscheinlich einer neuen Anleihe galt, auch mit dieser Anzeige in Verbindung setzen;" Also — erst verleumdet ein Anttsemit, dann kommt der Zweite und denunzirt auf Grund dieser Verleumdung, und der Dritte lügt dem Publicum vor, daß dieser Denunciaüon Glauben geschenkt worden sei. Eingeweihte wissen allerdings, daß bereits der Erste von den drei sauberen Genossen der Staatsanwalffchaft verfallen ist. Berlin. Die „Kreuzzeitung", die, wie alle antisemittschen Blätter, an der Manie leidet, hinter jedem Ding, das chr nicht gefallt, den schuldigen „Juden" zu suchen hatte auch den allfälligen Beschluß des Juristentages über das Trunksuchtsgesetz zum Theil auf den Einfluß jüdischer Redner zurückgeführt. Im Anschluß an dieses Manöver oer „Krmzzeitung" empfängt die „National-Zeitung" aus Mainz folgende Zuschrift: Von sämmtlichen Rednern, die gegen die Bestrafung sprachen gehören nur zwei der israelitischen Consession an; hingegen ist der Unterzeichnete, welcher sowohl das Gutachten zu Gunsten der Strafbestimmung erstattet, als auch iu der Versammlung wiederholt das Wort ergriffen hat, israelitischer Eonfession. Das; es unter den der Geburt nach dem Judenthum angehorigen Personen gerade die entschiedensten Befürworter einer strafrechtlichen Verfolgung der Trunkenheit gibt, zeigt vor allem die Thatsache, daß der Geheime Sanitätsrath Bär in Berlin, dessen Buch über den Alkoholismus den Anlaß zu der ganzen Bewegung gegeben hat, meines Wissens ebenfalls Jude ist. Dr. Fuld, Rechtsanwalt. Es wäre nicht übel gewesen, wenn Herr Dr. Fuld die „Kreuzzeitung" noch daran erinnert hätte, daß einst der Antisemitenhäuptling Dr. Henrici, den Juden vorgeworfen hat, daß sie — zu wenig tränken. Berlin. Durch die in der Lindenstraße neuerbaute Synagoge ist die Zahl der ständigen jüdischen Gotteshäuser in Berlin auf acht gestiegen. Es sind jetzt ungefähr zweihundert Jahre, als die ersten Anfänge zu einer eigenen Synagoge in Berlin gemacht wurden. Als die Juden iin Jahre 1671 wieder in Preußen und Berlin ausgenommen worden waren, wurde^ ihnen der Bau eines eigenen Gotteshauses nicht gestattet; sie mußten in ihren Wohnungen ihre Andachten verrichten. Erst im Jahre 1697 erwirkte der Schutzjude Rieß bei dem Kurfürst Friedrich III., dem nachmaligen ersten Preußenkönig, für seine Glaubensgenossen die Erlaubniß, gegen Erlegung einer größeren Summe Geldes, eine öffentliche Synagoge „ad pias causas“ — wie es in dem kurfürstlichen Decret heißt — bauen zu dürfen. Grund und Boden und das Gebäude selbst schenkte der sogenannte Hofjude Liepman seinen Glaubensgenossen. Aber schon drei Jahre später mußte an eine Vergrößerung des Gotteshauses gedacht werden und die Juden bekamen die Erlaubniß, auf dem ihnen gehörigen Terrain in der Heidereutergasse eine neue und größere Synagoge bauen zu dürfen. Der königliche Baudirector I. G. Kemmeter führte den Bau des neuen Gotteshauses aus, das im Jahre 1714 feierlich eingeweiht wurde und noch heute die älteste Synagoge in Berlin ist. Später kamen dann hinzu die Synagogen in der Kaisersttaße, am Schöneberger Ufer, in der Gipsstraße, dann vor Allem der in den Jahren 1859—1866 von Knoblauch ausgeiührte Prachtbau in der Oranienburger Straße, das Gotteshaus der jüdischen Reformgemeinde in der Johannisstraße und die Synagoge für die Luisenstadt in der Prinzenstraße. Dresden. (Ein antisemitischer Seelsorger.) In Par ey a. d. Elbe herrscht berechtigte Aufregung. Dort hatte seit langen Jahren der Pastor Löwe als Geistlicher gewirkt und sich durch anttsemitische Parteithätigkeit bemerkbar gemacht. Am Sonntag vor acht Tagen verstarb derselbe plötzlich im Alter von 66 Jahren, nachdem er am Vormittag noch eine Predigt gehalten, bei welcher er das Bibelwort: „Wahrlich, so wahr der Herr lebt, — es ist nur ein Schritt zwischen mir und dem Tode", zum Text gewählt hatte. Unter allseitiger Betheiligung wurde Pastor Löwe zur Ruhe bestattet und die auf Montag angesetzte Revision der Kirchenbücher verschoben. Nach der Beerdigung stellte sich ein Tischlermeister bei den Hinterbliebenen ein, um Dokumente, gegen welche er dem Pastor 4000 Mark geliehen, in Enrpfang zu nehmen. Pastor" Löwe hatte seiner Zeit die Dokumente in ein Couvert gelegt, das er mit dem Kirchensiegel verschlossen und im Kirchenschrank