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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-09-25 · 38 (25.9.1891) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
38 (25.9.1891)
Date
1891-09-25
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 698 Oesterreichifchr Wochenschrift. Nr. 38 Zu Ehren der Anwesenheit Meyerbeer's in Wien, fand einst im Salon des Banquiers Eskeles eine Soiree statt, der auch Leopold Edler von Wertheimstein, mer der feinsinnigsten Cavaliere Alt-Wiens beiwohnte. Im Laufe des Abends bat v. W e r t h e i m st e i n den Meister um eine Composition für den Tempel. M. refüsirte jedoch mit dem Bemerken: „Sie besitzen ja in Ihrem Sulz er einen Künstler, der in diesem Fache Unübertreffliches leistet." Herr v. W e rth e i m st ei n, der noch im höchsten Greisenalrer Violoncellunterricht beim Verfasser dieses Artikels nahm, erzählte diese Episode wiederholt im Freundeskreise; sie darf daher wohl den Anspruch auf volle Glaubwürdigkeit erheben. Uebrigens könnte der Vorwurf einer „Ve r o p er u n g" des isr. Tempelgesanges auch Meyerbeer gemacht werden, da eine von diesem Meister herrührende Composition mit hebräischem Texte keinerlei althebräische Merkmale aufweist, sondern vermöge ihres cosmopolitischen Charakters, bei entsprechender Textuntericguug, ohne weiteres den Gottesdiensten aller Consessionen cinverleibt werden könnte. Dies soll jedoch keinen Tadel inbolvireu, im Gegentheile, wir schöpfen daraus die Lehre, daß der althebräische, polnische oder sephardische Charakter keineswegs die Hauptbedingung bei Tempelgesängen bilden soll, deren Composition, wie überhaupt jedes auf Inspiration beruhendes Schaffen durchkeinerleivorherbestimmtcGrenzen beengtwerdeu darf. Haupffache bleibt, daß der gottesdienstliche Gesang ein andächtiger, würde- und schwungvoller sei, der auch dem ästhetischen Gefühle Andersgläubiger, welche bei festlichen Gelegenheiten dkn Tempel besuchen, Rechnung trägt, indem er dem orientalischen Schnörkel rn‘‘ Intcrvallengepräge nur mit weiser Occonomic Verwendung gönnt. Dieses Princip scheint auch Halsvy festgehalten zu haben, als er den echt patriarchalischen Wechselgesang in der „Jüdin" zwischen Eleazar und seinen Hausgenossen schuf. Leider begehen viele Tenoristen den bedauerlichen Mißgriff, dieses in seiner erhabenen Einfachheit tief ergreifende Gebet anstatt mit weihevoller Andacht, näselnd vorzutragen, um, wie sie wähnen, den „Juden" zu charaktcrisiren. Gold mark reducirt gerade in der Tempelscene der „Königin von Saba" die orientalische Farbenpracht, welche diese Oper dermaßen umglüht, daß sie, wie einst H a n s l i ck bemerkte, an S u l z e r's S ch i r Zion erinnert. Auch in dem mit Begeisterung und zielbewußtem Streben geschaffenen Werke Goldmark's macht sich das Bedürfnis nach einer einfachen und würdigen Gestaltung des Gottesdienstes geltend. Es ist demnach anzunehmen, daß Halevy und Goldmark auch beim Schaffen synagogaler Compositionen nicht imstande gewesen wären, ihren ästhetischen Schönheitssinn zum Schweigen zu bringen. Vermuthlich hätte man in diesem Falle beide Meister ebenfalls mit den Vorwurf der „Veroperung" des Gottesdienstes regalirt. Den Verfasser dieses Artikels leitete weder eine polemische Absicht gegen den verehrten Dichter der „Erinnerungen an Meyerbeer", noch das Bedürfniß, die Verdienste des unvergeßlichen Vaters, die ja in dessen nachgelassenen Werken unleugbar zu Tage treten und unzählige Male den Gegenstand begeisterter Anerkennung bildeten, hervorzuhebeu. Der Artikel hat nur den Zweck, es zu verhüten, daß uns durch die irrige Auffassung einiger Bemerkungen Meyerbeer's der Genuß der Früchte eines segenbringcndcn reformatorischen Wirkens nicht getrübt werde. Wien im September 1891. Joseph Sulzer. Baron Hirsch und die rufstschen Juden. Folgenden Ausruf hat Baron H i r s ch an seine Glaubensgenossen in Rußland gerichtet: „An meine Glaubensgenossen in Rußland! Ihr wißt, daß ich mich bemühte, Euer Loos zu verbessern. Es ist deshalb meine 'Pflicht, ossen zu Euch zu sprechen und Euch die erforderlichen Mittheilungen zu machen. Ich kenne die Gründe, welche viele von Euch zur Auswanderung zwingen und ich will gern Alles, was in meiner Macht steht, thun. um Euch in der Stunde der Roth beiznstehen. Ihr müßt mir dies jedoch ermöglichen, (vnre Auswanderung darf nicht einer kopflosen überstürzten Flucht gleichen, bei welcher der Wunsch, der einen Gefahr zu entfliehen, im eigenen Untergang endet. Ihr wißt, daß sorgfältig organisirte Comitees mit Zustimmung und unter der Oberaufsicht der russischen Regierung demnächst in Rußland errichtet werden. Die Pflicht dieser Comitees wird cs sein, die Auswanderung in geschäftsmäßigem Wege zu organisiren. Alle Personen, welche auszuwaildcrn wünschen, werden sich an die Lokalcomitecs zu wenden haben, die allein berechtigt sind, Euch die nothwendigen Erleich: ternngen zu gewähren. Rur die von den Comitees erwählten Personen können auf meine Hilfe und auf die meiner Mitarbeiter rechnen. Jeder der das Land verläßt, ohne im Einverständniß mif den Comitees m stehen, thnt es auf seine eigene Gefahr und darf nicht auf irgendwelche Hilfe von mir rechnen. Es liegt auf der Hand, daß die Zahl der Emigranten zu Anfang keine große sein kann. Es müssen eben nicht allein Zufluchtsstätten für die, welche zuerst abreisen, gefunden, sondern auch die erforderlichen Vorkehrungen für die Nachfolgenden getroffen werden. Späterhin wird die Auswanderung in der Lage sein, größer. Diiiienslonen anzunehmen. Denkt daran, daß ich nichts für Euch ohne die wohlwollende und gnädige Hilfe der russischen Regierung thun kann. Zum Schluß appcllire ich an Euch. Ihr seid die Erben Eurer Väter welche seit Jahrhuitderten so viel gelitten haben. Tragt diese Erbschaft noch eine Weile mir gleicher Ergebung. Habt auch weiter Geduld und macht dadurch denen, welche Euch helfen wollen, ihre Aufgabe möglich Ich sende Euch diese Worte der Warnung und Ausmunterung in meinem eigenen Ramen, wie in dem von Tausenden Eurer Glaubensgenossen Nehmt sie zu Herzen und versteht sie. Möge der gute Gott Euch und mir und den Vielen Helsen, welche mit so viel Ansopieruug mit uns zu teurem Besten arbeiten." In derselben Nummer berichtet die „Times" über" eine Unterredung ihres Pariser Correspondenten mit Herrn Arnold White, dem Emissär des Herrn Baron Hirsch Herr White befand sich am 15. d. aus seiner Rückkehr von Kopenhagen in Paris und hier theilte er dem erwähnten Correspondcnlen über die Ausweisung der Juden aus Rußland eine Reihe betrübender Einzelheiten mit. Herr White erzählte: Die Maßregeln gegen die Juden werden seitens der russischen Regierung andauernd mit rücksichtsloser Strenge durchgesührt. Israeliten aus der ärmsten Classc werden nach wie vor aus ihren Heimatsorten aus dem russischen Reiche sortgeschasst. Ehemänner, Familienväter werden erbarmungslos ihren Weibern und Kindern entrissen. Der grausamsten 'R'oth, den fürchterlichsten Entbehrungen anheimgefallen, verhungern diese Unglücklichen oder gehen an Krankheiten zu Grunde. Tausende andere wandern über die Grenze, von der Hoffnung geleitet, in anderen gastlicheren Ländern ein Asyl zu finden. Mitleidige Menschen, Christen ebenso wie Juden, tragen dazu bei, das Elend der Verbannten zu lindern aber dasselbe ist so groß, die Zahl der Auswanderer häuft sich in solchem Maße, daß private Wohlthätigkeit nichts Ausgiebiges zu richten vermag. Herrn White's Absicht war, nach Kopenhagen zu gehen und dort beim Czar eine Audienz zu erlangen; er dachte nicht daran, die Aushebltng oder eine Aenderung der Ausweisungsmaßregeln zu erbitten, sondern er wollte blos eine Milderung der so grausam zur Durchführung

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