Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 38 (25.9.1891)
- Date
- 1891-09-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 696 tanität beruht, fluten, um die Wett wieder in totale Fmsterniß Hütten zu können; die Anderen denken dabei, daß sie dann die Aristokratie des Geistes und die Juden die Parias werden müssen. Die Anklagen Beider gehen dahin, daß sich die Juden aus das ihnen von jeher fremd gewesene Gebiet der Schule geworfen und es ausbeuten wollen. Die Jahrhunderte lang künstlich gezüchtete Verachtung gegen die Juden, die chnen Unwissenheit und Obskurantismus zugeschrieben, hat diesen Angriffen vorgearbeitct, in die selbst sonst gebildete Männer oft einstimmen. Im Kampfe gegen diese Angriffe gilt es daher vor Allem, die nichtjüdischen Kreise zu überzeugen, daß die Schule das ureigenste Gebiet des Judenthumes ist, daß der von der Neuzeit erfaßte und zur Herrschaft gebrachte Schulgedanke nur eine, wenn auch unbewußte Entlehnung vom Judenthume war, das um viertausend Jahre mit dieser Idee dem heutigen Zeitgeiste voraus geeilt: daß wir Juden also mit unserer gegenwärtigen Schulfteundlichkeit und unserer „Studierwuth" keine fremde Errungenschaft annektirt haben, sondern uns damit auf heimischen Boden befinden, und aus von uns gebahnten Wegen wandeln. Der nicht voreingenommene Christ braucht gewiß keine anderen Beweismittel, um diese Ueberzengung zu gewinnen, als die ihm von mehreren Seiten schon zugäitglich gemachte Kenntniß des Judenthums und der jüdischen Geschichte. Das Unterrichts- und Erziehungswesen im Judenthmn muß ja so alt, wie dieses selbst sein. Das Band, das die Juden zu einem Volke machte, war ein Buch, ein Buch, dar, aber nicht wie ein Fetisch in einem Schreine, von Priestern bewacht und von Zeit zu Zeit dem Volke zur Anbetung ausgestellt wurde, sondern ein Buch, das von jedem einzelnen Juden gelernt werden sollte, daher die Torah die Veftvc hieß, was wieder voraussetzt, daß es in zahllosen Abschriften zirkuliren mußte, so daß das ganze Judenthum ein großes Schulhaus war. Das Christenthum sonderte sich vom Judenthmn nicht so sehr wegen der Verschiedenheit der Dogmen, als wegen der Verschiedenheit der Anschauung in der Schulsrage. Gleich im ersten Satze der Bergpredigt liegt das unterscheidende Merkinal: „Selig sind, die geistig Armen", während im Judenthume der Spruch galt: „Selig, der Weisheit gefunden, und der das Erfaßte ausübt." Bis auf die jüngste Zeit feierte man in jeder jüdischen Familie den Unterrichtsbeginn. Gehobener als der Römer, wenn er seinen emancipirten Sohn zum ersten Male in die Toga hüllte, stolzer als der Germane, wenn er dem Knaben den Schleppsübel um gürtete, fühlte sich der jüdische Vater, wenn er dem Kinde das Chumesch und wieder dieGemarah in die Hand drückte und veranstaltete eine Familien-- feier, Chumesch- oder eine Gemarah-Seudah. Allerdings war der einzige Unterrichtsstoff der Juden anfangs die Bibel, zu dem später noch der Talmud hinzutrat; allein der letzte Zweck jedes Unterrichtes ist doch nur der formale — die Weckung der Denkkraft, die Belebung des Geistes und Bildung des Herzens, und dieser Zweck wurde mit dem Bibel- und Talmud-Unterricht vollkommen erreicht. Aber auch die Realien wurden gelehrt, wenn auch nur in Anlehnung an Bibel und Talmud, die ohne einige Kenntniß von Geografie, Astronomie, Mathematik :c. nicht verständlich sind. Und es ist doch heute noch eine offene pädagogische Frage, ob man in der Schule die Realien als besondere Fächer oder nur in Anlehnung an die Lesestücke behandeln soll. Als der Schwerpunkt des Judenthvms in Spanien lag, wurden jedoch in der jüdischen Schule sämmtliche Wissenschaften sogar systematisch gelehrt. Daß dies bei den deutschen Juden nicht der Fall war und ihre Schulen immer auf Bibel und Talmud beschränkt blieben, kann von keinem unparteiisch Denkenden als Argument von dem jüdischen Obskurantismus angeführt werden, denn in den christlichen Schulen Deutschlands war's ja auch nicht anders, selbst nach der Renaiffance und nach der Reformation. In den Stiften und Akademien wurde ewig Bibel gelesen, ausgelegt, gepredigt, gerade wie in den Jesuitenschulen, nur daß die Schüler dieser sich Rhetores, Poetae, PhiiosopM nannten — eine Satyre aus Demosthenes, Horaz Nr. 38 und Platon rvaren. Wenn es in diesen langen Jahrhunderten in Deutschland doch einige große Männer gab, so waren es besondere Genies, die es aus sich selbst heraus, aber nicht aus den Schulen rvurden. Gewiß besaßen aber auch die deutschen Juden ebensoviele Genies, die aber erst ihre Schwingen heben konnten wenn sie die Taufe nahmen. In dem Umfange des Wissensgebietes standen also in Deutschland die Schulen der Juden den Schulen der Christen nicht nach; während aber diese an den Fingern gezählt werden konnten, bestand in jeder Judengemeinde eine Schule. Der Judenverächter mißt jedoch dieser jüdischen Schule im mittelalterlichen Deutschland nur einen negativen Werth bei. Die „Judenschule" gilt als der Inbegriff aller Unordnung und aller körperlichen und geistigen Verkrüppelung. Wie aber, wenn nachgewiesen werden kann, daß die deutschen Juden im Mittelalter schon eine reiche pädagogische Literatur hatten, Lesebücher moralischen Inhalts, Bücher über Erziehungskunst, Anstandslehre, Kinderzucht, Bücher über Methodik, Studierordnung und Schu tte ge tu; daß für das so viel verspottete Cheder Lehrpläne und Stundeueintheilung abgefaßt, sogar Vorschriften über Schulaufgaben und Schulstrafen gegeben wurden, daß somit die „Judenschule" eine förmliche Organisation und Verfassung hatte! Und das Alles beweist thatsächlich das von Dr. Güdemann in Wien dieser Tage erschienene Buch: „O.uellenschriften zur Geschichte des Unterrichts i nd der Erziehung bei den deutschen Juden von den ältesten Zeiten bis auf Mendelssohn." Ein neues Werk von diesem Gelehrten ist immer ein Ereigniß aus dem deutschen Büchermärkte und dieses ist es besonders, weil der Plan seiner Herausgabe bekannt gegeben wurde und man allseitig aus sein Erscheinen gespannt war. Es ist keine Tendenzschrift gegen den Antisemitismus, keine absichtliche Apologie des Judeuthums — die meisterhaft geschriebene, zwei Bogen umfassende Einleitung dürfte sogar einen Widerspruch von übereifriger jüdischer Seite Hervorrufen, — es ist mit jener Objectivität abgefaßt, welche die Vorbedingung ist jedes wirkl chen Geschichtsschreibers, desto eindringlicher ist aber die Wahrheit, die daraus spricht. Die erste Abtheilung deo Buches enthält 51 Mittheilungen aus hebräischen und jüdisch-deutschen Werken vom 11. Jahrhundert angefangen, durchweg) pädagogischen Inhalts. Zum großen Theile Moral- und Sittenlehren. Und welche! Als Stichprobe z. B. aus dem „Rokeach" des R. Elasar 6. Jchuda aus Worms (gest. 1238). „Keine Krone überragt Tcinuth; das beste Opfer ist ein zerknirschtes Herz; die schönste Zierde Schamhaftigkeit,- die edelste Eigenschaft Unrecht verzeihen. Liebe das gute Herz, hasse den Hochmuth. Heil dem, der stets sorgsam seines Schöpfers gedenkt, nach seiner Gnade sehnsüchtig betet, er verachtet die Weltgenüsse, ist bescheidenen Sinnes und beherrscht seine Begierde. In seinem geraden Wandel spricht er sanft mit Jedermann, übt riebe und Recht, ist genügsam und freut sich über Anderer Wohlergehen. Ein solcher leiht dem Dürftigen, gibt Almosen heimlich, thut das Gute rein. Ni? gehe ein Schwur über deine Lippen, nie erhebe dein Sinn sich in Hoffart, verbanne die Hinterlist ans deinem Herzen, die-Frechheit von Blick und Gemnth. Sprich nie leere Worte, streite mit Niemanden, habe nicht Wohlgefallen an Ehrenbezeugungen, strebe nicht nach Auszeichnungen, sei nicht neidisch und geldsüchtig. Ist dein Lebensunterhalt dir knapp bemessen, bedenke, daß du auch für den Athen: deines Mundes ztl danken hast. Ist dir Neichthum verliehen, so erhebe dich nicht über den Armen; Beide seid ihr nackt zur Welt gekommen und Beiden wird das Lager im Staube bereitet. Mit der Demuth unverträglich ist die Nachsucht; wer demüthig ist. rächt sich nicht wegen Beleidigungen, sondern erträgt sie still. Gib dich nicht dem Hasse hin. Erhalte den Frieden in und außer der Stadt, denn Alle, die zum Frieden rathen sind selig. Sei aufrichtig, täusche Niemanden durch Verstellung, glatte Worte und Unwahrheit. Der ewige Gott ist ein Gott der Wahrheit. Sei schweigsam in Gottesfurcht, denn vieles Reden läuft nicht ohne Sünde ab, aber wenn du redest, rede wahr." Oder aus dem „Buche der Frommen" (um 1473): „Hat dir ein Nichtjude etwas auf Treu und Glauben geliehen und er hat es vergessen, hat er dir etwas verkauft und er hat vergessen, daß du ihn noch nicht bezahlt hast, so erinnere ihn und bezahle ihn, übe gegen ihn keinerlei Betrug und Lug, denn das ist eine schwerere Sünde, als Schweinefleisch essen. Dies ist nur einmal verboten, jenes an vielen stellen. Zu geschwrigen, daß man einem Nichtjuden nicht Oesterretchifchr Wochenschrift.