Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 38 (25.9.1891)
- Date
- 1891-09-25
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 38 Orstrrrrichifche Wochenschrift. Seite 695 preußischen Volksschullchrer 1067 Mark, das der Unterbeamten, wozu Bahnwärter, Polizeidieuer, Nachtwächter gehören, 1000 Mark. Die Lehrer waren also den letzteren um 67 Mark, d. h. 19 Pfennig pro Tag, überlegen. Diese Differenz schien an maßgebender Stelle wohl zu groß zu sein, und für eine annähernde Nivellirung der Lehrer und Nachtwächter sorgte der Nachtrags-Etat von 1890. Nach diesem erhielten die Unterbeamten .eine Gehaltserhöhung vou 13 Prozent, gleich 125 bis 130 Mark, die Lehrer hingegen eine solche von 4 Prozent, gleich 43 Mark. Das Durchschnittsgehalt der Unterbeamten stieg also auf 1125 Mark, das der Lehrer auf 1110 Mark. So beträgt denn der Gehaltsunterschied zwischen beiden Beamtenkategorien 15 Mark und zwar zu Ungunsten der Lehrer. Mittleren Beamtenkategorien ist durch den Nachtrags- Etat eine Gehaltserhöhung von 150 bis 600 Mark zu Theil geworden. Wenn die Einbringung des Nachtrags-Etats durch die herrschenden Theucrunzsverhältniste bedingt worden ist — und daran ist wohl kaum zu zweifeln — so ist für die Lehrer trotz der Durchschnittserhöhung von 43 Mark eine Verschlechterung ihrer Gehaltsverhältnisse eingetreten; denn mit 1110 Mark reicht man bei den gegenwärtigen Theuerungsverhältnissen nicht so weit, wie vordem mit 1067 Mark." In der katholischen „Koblenzer Volkszeitung" 'Nr. 31 von diesem Jahre heißt es am Schluffe eines Leitartikels: „Der Schulmeister von Sadowa wird immer gefräßiger, und es ist im höchsten Grade nothwendig, daß man ihm endlich den moralischen Brodkorb etwas höher hängt." Und nun vergleiche man damit die Einkünfte der chnchstlichgermanischen Geistesarbeiter in der Industrie oder im Bankfach. Von den geradezu Wahnsinnigen Gehältern der Leiter großer Banken ist oft die Rede gewesen. Noch bedeutender sind aber die Tantiemen, welche ihnen jährlich zusticßen. So hat die DiskoutogeseUschaft vier Directoren; jeder erhält beiläufig 553.000 Mark; Berliner Handelsgesellschaft hat drei Directoren, jeder erhält ungefähr 235.000 Ma.k, Dresdener Bank hat vier Directoren, jeder erhält 193.000 Mark; Internationale Bank zu Berlin hat zwei Directoren, jeder erhält beiläufig 175.000 Mark; 'Nationalbank für Deutschland hat zwei Directoren, jeder erhält 160.000 Mark; Bank für Handel und Industrie hat acht Directoren, jeder erhält 93.000 Mark; Deutsche Bank hat dreizehn Directoren, jede - erhält 60.000 Mark; die deutsche Genossenschafts-Bank hat fünf Directoren, jeder erhält beiläufig 40 000 Mark Tantiemen. Das sind keine Juden. Der Lehrer, zumal wen« er Familie hat, kann mit seinem Jammerlohn nicht leben. Da bleibt ihm nichts weiter übrig, als zu betteln. Er muß bei seinen Behörden um ein Almosen anklopfen. Ja, das will man ja gnade! Wer auf Almosen rechnen muß, darf sich natürlich nicht als freier Mann fühlen, sondern muß steis bereit sein, die „milde" Hand zu küssen, die ihm mit.Verachtung das als einen Gnadenbrocken zuwirft, was ihm von Rechtswegen zukäme. Als einmal eine Vorgesetzte Behöroe einen Lehrer unterstützen wollte, schrieb dessen Pastor: „Der Lehrcr B. in H. braucht keine Unterstützung. Derselbe hat diesen Herbst 1000 Stück Steckrüben geerntet!" 1000 Stück Steckrüben, man denke! Und da will dieser Mensch noch Unterstützung? Ja, ja, es stimmt schon: „Der Schulmeister von Sadowa wird immer gefräßiger!" Eine preußische Lehrerswitwe erhält an jährlicher Pension die Summe von 250 Mark und für jedes Kind 50 Mark jährlich. Das macht pro Monat für die Lehrerswitwe ein Einkommen von 20,83 Mark. Eine Lehrerswitwe mit 6 Kindern erhält pro Jahr 550 Mark, oder pro Tag und Kopf 21*/, Pfennig. Und die Moral hiervon? „Laßt sie betteln gehen, wenn sie hungrig sind!" Und unter solchen Umständen ist man im preußischen Abgeordnetenhause noch so cynisch gewesen, zu verlangen, man müsse erst „eine verhungerte Lehrerswiiwe" gezeigt bekommen, bevor man die Pension zeitgemäß erhöhe, und als der preußische Lchrerverein um Erhöhung der Witwenpension auf 400 Mark petitionirte, eine Summe, die doch wahrlich gering und bescheiden genug ist, da konnte der antisemitische Professor Dr. Kropatscheck, Redacteur der antisemitischen „Kreuzzeitung." erklären, daß ihm solchen Forderungen gegenüber endlich sein hochkonservativer „Geduldsfaden reiste." Eine herzzenristende Jllustrirung zu dem Elend der Lehrerswitwen liefert u. A. eine kurze Notiz aus der „Ostrower Leitung" von 1889. Dieselbe meldet, daß am 15. August 1869 der Gerichlsanwärter N., der Sohn einer in ärmlichen Verhältnissen lebenden Lehrerswitwe, am Hungertyphus starb. Die Witwe lebte von ihrer Hände Arbeit und einer Pension von 250 Mark. Sie konnte ihrem Sohn fast gar nichts zukommen lassen; und der arme Mensch war deshalb gezwungen, ausschließlich vom Kommißbrot, Buttermilch und Wasser zu leben. Bei solch elender Nahrung konnte der Körper den Anstreng ungen des Dienstes nicht widerstehen, und so erlag dies Kind in jungen Jahren dem Hungertyphus, wie ärztlicherseits konstatirt wurde. Dir Regierung zu Stettin schreibt einem kranken christlichen Lehrer, der vierzig Jahre im Amte ist und um Unterstützung für eine Badecur in Neinerz gebeten hatte: „Auf die Eingabe vom 6. d. M. erwidern wir Ihnen daß bei Ihrem vorgerückten Lebensalter nicht erwartet werden kann, daß Sie noch längere Zeit im Schuldienste bleiben werden, auch wenn die b.absichtigte Eur in Reinerz von bestem Erfolge begleitet sein sollte. Wir sind daher weder in der Lage, Ihnen eine Badereise Unterstützung zu gewähren, noch auch sie höheren Ortss zu beant agen." — Die „Pädagogische Zeitung" bemerkt dazu: „Steht in Preußen ein Menschenleben, das vierzig Jahre lang im Dienste des Va.'erlandes gestanden, so niedrig im Eurs. daß es nicht mehr eine Unterstützung werth ist?" Hier haben wir das wahre Bild von der socialen und materiellen Stellung des Lehrers in dem gepriesenen Lande deutscher Zucht und Sitte, der Frömmigkeit und Gottesfurcht, welches au der Spitze de: arischen Eivilisation einherschreitet. — Ein trauriges Bild, wie es düsterer und jammervoller die Phantasie eines Pessimisten kaum zu ersinnen vermöchte. Und für solch' iteale Zustände sollen die Lehrer eine eifrige Propaganda enthalten? Der Selbst.rhaltungstrieb, das eigene Standesbewußtsein solle sie davor bewahren. Unterricht und Erstehung bei den deutschen Juden im Mittelalter. (LUlettcnflhriften zur Geschichte des Unterrichts und der Erziehung bei inn deutschen Juden. Von den ältesten Zeiten bis auf Mendelssohn, von ^r. M. Güdemann, Rabbiner der israelitischen Cultnsgemeinte in Wien. Berlin, Ä. Hofmann & Comp. 1891. Eroßoctav 22 Bogen, Preis 12 Mark.i Das Unterrichts- und Erziehungswesen, oder kürzer gesagt, die Schule, ist heutzutage in allen Culturstaaten die erste öffentliche Angelegenheit, wenigstens im Prinzipe, wenn ihr auch in der Praxis das Militär- und Steuerwesen noch vorangehen. Es dämmert der Welt die Erkenntniß, daß nur die Schule alle sozialen Probleme, welche die bestehende Ordnung bedrohen, zu lösen im Stande ist. Daß sie dies bis jetzt noch nicht vermochte, liegt blos in ihrer Jugend, bei der sie noch nicht jenen Grad der Vollkommenheit erreicht hat, der sie für diese weltgeschichtliche Leistung fähig macht, sie ist noch nicht genug demokratisirt, um Allen zu gehören und den Ausgleich und die Versöhnung der verschiedenen Klassen herbeizuführen. Das Streben jedes fortschrittlich Gesinnten muß daher auf die ruhige Entwicklung der Schule gerichtet sein. Wir Inden stehen in der vordersten Reihe der Schulfreunde, im Kampfe sowohl, wie in der Theilnahme an der Nutznießung ihres bereits errungenen Terrains. Damit haben wir uns aber auch neuen Angriffen unserer Feinde ausgesetzt, der Klerikalen, welche im Schilde führen, die Schule zu verwüsten, und der nat onalen Chauvinisten, die sie corrumpiren wollen, daß ihr wesentlicher Charakter, die Menschenerziehung verloren gehe. Beide möchten uns aus den Schulen treiben. Die Erfteren wollen, das ganze moderne Schulgebäude, das doch auf Simul-