Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 38 (25.9.1891)
- Date
- 1891-09-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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M 38 Oestrrreichifchr Wochenschrift. r Seite 693 Chinesische und antisemitische „Ehrenmänner". «Zur Christenverfolgung in China.» Die englische und die französische Regierung haben den diplomatischen Vertretern Chinas in London, beziehungsweise Paris, Noten des gleichen Inhalts zur Mittheilung an die chinesische Regierung übeunittelt, durch welche die letztere nachdrücklich aufgefordert wird, energischere Maßregeln als bisher zur Verhinderung der Wiederkehr von Gewaltthätigkeiten gegen Curopäer in den chinesischen Provinzen zu ergreifen. Mittlerweile aber sind Meldungen eingelausen, welche neue Ausstande gegen die Christen befürchten lassen, und die Standard-Nachricht wegen der in Shanghai und Chinkiang erfolgten Beschlagnahme von für Geheimgesellschaftcn bestimmten Waffen und Sprengstoffen beweist zur Genüge, daß die in diesen Gesellschaften sich verkörpernd? Reaction des Alt-Chinesenthums rastlos am Werke ist. Liest man einen jener Maueranschläge, welche in den letzten Wochen an den Straßenecken von Wuhu zur Curopäerhetze ausreizten, so begreift man ganz gut die Exzesse des mit einem christlichen Blutmärchen zur äußersten Wuth entflammten chinesischen Pöbels. In einem solchen Ausrufe heißt es unter Anderin: „Das Land ist rerrathe» und das Volk ruinirt! Man lritl menschliche Wesen mit Füßen zu Staub! So stehen die?i«ge, und deshalb wollen wir Folgendes constatiren. Wnhu ist ein Vertragshafen, in welchem Ausländer in Menge leben. Diese thun den Leuten Schaden in einer Weise, welche die Feder unmöglich beschreiben kann. Weiter werden von anderen Orten verschrieben, um Kinder zu entführen. Dann sticht man den Kindern die Angen aus und schneidet ihnen die Eingeweide, das Herz und die Nieren aus dem Leibe. Aber ihre Sünden haben die Grenze erreicht, und die Rache des Himmels bricht hervor. Am 3. d. M. kamen zwei Kinderdiebinnen nach Honan und entführten ein Kind, nachdem sie ihm zuvor ein Be täubungsmittel eingegeben hatten . . . Die Väter und die Mütter welche ihre Kinder verloren, begaben sich nach der römischkatholischen Kirche. um nach ihren vermißten Kleinen zu suchen. Sie sahen mehrere Leichen und getrocknete Knochen kleiner Kinder und auch vier Zellen unter der Erde. Die Entdeckung erregte Argwohn, und die Leute regten Untersuchungen an. Die Barbaren, denen das Gewissen schlug, bestachen in ihrer Angst den Unter-Mandarin Dao mit 40 Taels. Dieser schickte in Folge dessen 40 Soldaten zum Schutze der Kirche ab. Diejenigen, welche hinein wollten, wurden mit dem Schwerte zurückgetrieben. Nun ihr Zehntauscnde von Bewohnern Wuhus, vereinigt euch am zwanzigsten Tage und zerstört die römisch-katholische Kirche und die protestantische Kirche und alles Eigenthum derselben. Verjagt alle Barbarendiebe; nur dann können wir glücklich leben. Wenn einer von der Race übrig bleibt, können wir nie in das Reich des Glückes kommen. Nur die römischxatholische Kirche muß zerstört werden, aber rührt das Zollhaus nicht an. Kommt ihr dem Zollhause zu nahe, so werdet ihr dem Arme des' Gesetzes nicht entgehen! Bedenket das!" Der Styl dieses Painphlctes ist derart, daß es auch in der Fabrik der Wiener Antlsenriten erzeugt sein könnte. Selbstverständlich sind die in diesem infamen Aufrufe enthaltenen Beschuldigungen gegen die unglücklichen Christen in China erlogen und man kann sich der Theilnahme nicht erwehren mit jenen Unglücklichen, welche unter solch schweren infamen Anklagen schuldlos leiden. Man ersieht aber auch daraus, daß die chinesischen Spitzbuben gegen die dortigen Christen mit keinen anderen Mitteln imb Waffen arbeiten, als mit denen, welche die antisemitischen Spitzbuben in Oesterreich gegen die Juden geschmiedet haben. Die Racenverwandtschast der beiderseitigen Gaunerbande ist unverkennbar. Die europäischen sind aber zweifellos die schlimmere Sorte, ihnen haben die Chinesen erst das giftige Handwerk abgelernt, und sie „arbeiten" blos mit all' jenen Phrasen, welche der Antisemitismus geschaffen und popularisirt hat. Die Antisemiten sind darum die moralischen Urheber der chinesischen Greuelthaten, sie haben die infernalen Waffen geliefert, mit welchen die chinesischen Volksaufwiegler die blöden Massen gegen die armen Christen aufreizen. Die Antisemiten sind bar jedes christlichen Empfindens und jeder christlichen Gesinnung, sonst müßte ihnen längst das Gewissen schlagen wegen des Unheils, welche sie über die Christen in China herausbeschworen haben. Dkjr Deutschnationalismus und der Trhrrrstand. Der ^Moniteur des Herrn Georg Schönerer hat in den letzten Tagen neuerdings Anlaß genommen, die österreichischen Lehrer zur eifrig n und energischen Propaganda für den alleinseligmachenden Deutschnationalismus zu ermahnen und zu erwärmen. Der klerikale Antisemitismus fei allerdings verderblich, bedeute die consessionelle Schute uns die Knechtung des Lehrers, er muß und wird ihn zum Diener des Geistlichen erniedrigen. Allein die demschna'.iouale Herrlichleit zn preisen liege im Berus und sei die vornehmste Aufgabe des Volkscrziehers. Aus den deutschnationaleu Gedanken werde auch für den Lehrerstand das Heil erblühen. Einer der mehr berufen ist, den deutschnationalen Gedanken zu inter-pretiren, als Herr Georg Schönerer, nämlich der königlich preußische Hofhiftoriograph Professor v. Treitschke hat am 29. Januar d. I. in einer öffentlichen Vorlesung über „Staat und Kirche" über die Stellung des Lehrers seinen Hörern folgende These zum besten gegeben: „Die Bildung eines Eleutentarlehrers erhebt sich daher nur um ein sehr geringes über das Niveau eines gewöhnlichen Bauern. Der Bauer ist sogar berechtigt, mit einen gewissem Stolz aus den Schulmeister, den armen Dorsteusel (!), der unter den kümmerlichsten Verhältnissen sein Dasein fristet,h er abzusehen; denn er ist wohlhabend und es erfordert unzweifelhaft mehr Menschenverstand, ein Bauerngut richtig zu bewirthschaften und ein Herr seiner Knechte und Mägde zu sein, als eine Herde wilder Bauernjungen in Ordnung zu halten und ihnen das ABC und das Einmaleins einzublasen." Das ist die eigentliche und wahre Meinung der Deutschnationalen von der socialen und beruflichen Stellung des Lehrers. Herr Schönerer, welcher die Lehrer austordert, für den Deutschnationalismus Propaganda zu machen, scheint von ihrem Verstände und ihrer Einsicht ein Urtheil sich gebildet zu haben nach den Mittheilungen des Herrn von Treitschke. Sonst würde er solche Zumuthungen nicht wagen. Herr Treitschke aber ist ein Geschichtsschreiber, und wie er den Juden von heule zu dem machen möchte, was er vor einem Jahrhundert war, so will er auch die sociale Stellung, des Volksschullehrers conserviren. Um ein anschauliches Bild der damaligen socialen Stellung des deutschen Lehrers zu zeichnen, setze ich nach der socialrstischen Zeitschrift „die Neue Zeit", den Kontrakt hieher, welcher zu Anfang dieses Jahrhunderts zwischen dem Schneidermeister T. aus S. und dem Herrn von N. auf V. (Pommern) bei Anstellung des ersteren als Lehrer geschlossen wurde. 1. Der D. erhält auf das Jahr von Marien 1809—10 in L. die sogenannte Schulmeisterwohnung nebst Garten und Wiese in Pacht. 2. Dafür bezahlt er auf dcs Jahr 10 Thaler, sage zehn Thaler, in Kurant und bezahlt solche zur Hälfte auf Michaeliß