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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-09-25 · 38 (25.9.1891) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
38 (25.9.1891)
Date
1891-09-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 692 Orsterrrichischr Wochenschrift. Nr. 38 einander sich ausschließenden politischen Prinzipien in kurzer Aufeinanderfolge vor denselben Hörern mit gleichem Enchusiasmus und zündender Begeisterung zu verfechten, der große Antisemit, welcher alle Juden, ob sie nun der Kunst und Wissenschaft sich widmen, oder in Handel und Industrie eine Stellung einnehmen, um den Staat Verdienste sich erworben, oder durch öffentliche Wohlthätigkeit sich bemerkbar machen, vom Millionär bis zum ärmsten Concipienten haßt und schmäht, an den schlimmsten jüdischen Wucherseelen aber Gefallen fand, denen er, weil das „Geschäft", sein Geschäft cs erfordert, bereitwilligst seinen juristischen Dienst lieh, der Mann mit dem Beuschelpnncip, der den Aermsten der Armen das letzte Hemd pfändet, unl sich dann gunt Schützer oder Schätzer des Neinen Mannes aufzuspielen; der niedliche Drachentödter der Corruption und kapitalistischen Ausbeutung, welcher dem Armen berufsgemäß nicht blos das letzte Gewand entreißt, sondern auch die letzten heiligen Symbole des Hauses um „fünf Kreuzer" exequirt und verkauft, um dann über die — Noth des armen christlichen Volkes Krokodilsthränen zu vergießen — ein Prediger des Vegetarianismus und von Beruf ein Fleischhauer — dieser sonderbare Held der Wiener politischen Comödie könnte es auch fertig bringen, „in Vertheidigung des Christenthums" gegen die katholischen Kirchenväter aufzutreten. Ein starkes Stück aber ist es, diese Zumuthung an das fürsterzbischöfliche Ordinariat, in schlichten Citaten aus den Kirchenvätern eine Schmähung des Christenthnms zu erblicken. Und wir haben diese Citate den Excerpten der andern arischen Autoren aneinandergereiht ohne Commentar, ohne jegliche Bemerkung und die antisemitische Sippe fühlt sich so schwer getroffen. Wer und wo sind also die „ Schändlinge des Volkes" gegen welche Dr. Carl Lueger die Genossen zum Kampfe aufgerufen? Offen und frei behaupten wir, daß die Gestnnungsrohheit und Sittenverwilderung, welche rn Folge der antisemitischen Agitation in allen Krciseu der Bevölkerung rap.d um sich greifen, zu den schlimmsten Verbrechen, zu Plünderung, Raub und Mord hinauleiten und erziehen. Man lese in derselben Nl mmer des „Deutschen Volksdlatt" eine Mittheilungüber den Raubmord an dem Liqueurfabrikanten Oppenheim. Da heißt es: „Wie aus Bennisch gemeldet wird, wurden am 11. d. M. zwcj polnische Eisenbahnarbeiter als Mörder des vor Kurzem im Seitendorscr Walde ermordeten Schnapsjuden Isidor Qppenheim aus Bennisch erhaftet. Tieselbcn sollen bereits ihre That gestanden haben." In dem Stile dieser Notiz offenbart sich die Theilnahme und die Gesinnungsvcrwandtschaft mit den offenbar antisemitischen arischen Raubmördern. Noch im Grabe ivird der Jude beschimpft! Die Raubmörder erscheinen dagegen als seine Opfer! Im Bad Nauheim bei Friedberg (Oberhessen) war ein protestantischer Predigeramts-Candidat, Namens Gustav H o tz, mit seiner Braut Fräulein Deiche, am 25. Febimar 1889 einer Katastrophe auf dem Eise zum Opfer gefallen, Ein jüdischer Kaufmann, Namens Moses Löb aus Friedberg, wollte den Untersinkenden Hilfe und Rettung bringen; sprang heldcnmüthig in's Wasser, erfaßte die Unglücklichen, aber sie zogen ihn in den Tod hinab. Moses Löb war der einzige Sohn armer Eltern, dennoch wäre seine Heldenthat, die er mit dem Leben bezahlte, kaum erwähnenewerth, denn am 19. Februar d. I. wurde ein junger jüdischer Kaufmann in Jülich auf Befehl des Landcsherrn vom Landrath für eine ähnliche That mit der Rettungsmedaille geschmückt. Während sonst Niemand gewagt hätte, einem ertrinkenden Handwerker beiznstehen, war er dem Hilferufe desselben gefolgt nnd hatte ihn aus dem Wasser gezogen. Dementgegen aber erzählt nnter der Ueberschrift: „Nur em Jud!" der e.angclische Pastor W. Becker aus Breslau in seiner Monatsschrift Nr. 7 eine andere Begebenheit. „Am Ufer der Weichsel stand eine große Menschenmenge. Ein junger Mann war in den Fluß gefallen und suchte mit Aufbietung der ganzen Kraft das Land wieder zu er, eichen. Mer Niemand kam ihm zu Hilfe. „Laßt ihn ertrinken," riefen die Zuschauer, „es ist ja nur ein Jud'." Ja, wie in einem Tone des Triumphes klang es: „Nun geht's aus mit ihm, er sinkt unter." Da durchbrach ein Jüngling die Menge, die ihn zurückhalteu wollte, stürzte sich in's Wasser und brachte den Bewußtlosen an's Ufer. Die Umstehenden belohnten diese edle That mit Spottreden, hatte sie ja doch nur einem Juden das Leben gerettet! Plötzlich hörte jedoch der Spott auf, denn man erfuhr, daß der Gerettete ein Christ und sein Netter ein Jude war!" Unvergeßlich ist uns eine Scene aus dem Wiener Leben. Es war im September 1890, die niedcrösterr. Landtagswahlen wurden vordere tet, die Juden aber feierten ihr Versöhnungsfest und waren im Tempel versammelt. Was beteten sie? „Es sei vergeben und verziehen der Gemeinde Israels und den Fremden in deren Mitte sie weilen, denn allem Volke war cs ein Jrrthum". Gleichzeitig stand ein katholischer Priester vor versammelten Volke „vereinigter Christen", es war Pater Ema nuel, welcher die Lehre predigte, die Juden mit der „Hundepeitsche" aber nicht blos bildlich aus dem Tempel der christlichen Gesellschaft hinauszutreiben! Das dünkt uns die schmählichste Lästerung des Christenthums. Wenn das hessische Obercousistorium in einem eigenen ober kirchlichen Erlaße so eindringlich vor der antisemitischen Hetze zu warnen sich gedrängt fühlte, so geschah es damals nicht der Juden wegen, sondern weil innerhalb des hessischen Volkes Symptome einer sittlichen Verwilderung zu Tage getreten, gegen welchen die geistliche Behörde sich unmöglich passiv mehr verhalten konnte, <L>o geschah cs, daß in Allendorf, einem Orte von 1300 Einwohner, sämmtliche jüdische Familien in ihren „Barches", Weißbrot, welches die Juden dort am Sabbath-und Festtagen essen, unter der Kruste respectivc unter dem geflochtenen Barches circa 10 Stück abgeschnittene S tr e ich h o lz k ö p f ch^en fanden. Der Ort gehört zum Wahlkreis Pickenbach's und daher diese Verrohung der Gcmüther Der Straffall erregte allseits begrefliches Aufsehen. Ein derartiges Attentat verübte ein antisemitischer Gewerbetreibender gegen Menschen, die ihm nichts zu Leide gethan, die seine e genen Kunden sind; sie bezahlen seine Arbeit und er macht den Versuch sie zu vergiften. Das Wiener Leben hat an ähnlichen Beispielen keinen Mangel. Wenn einer chr stlichen Dame, die unvorsichlig genug war, an einem jüdischen Feiertage in einem schönen Kleide aus die Straße zu gehen und die darob für eine Jüdin gehalten wird, von einem verwilderen antisemitischeu Jungen dieses Kleid mit Tinte besteckt wird : wenn ein a r i sch e r Wachmann Mißhandlungen und Beschimpfungen erfährt, weil er eine krumme Nase trägt, wenn ein christlicher Handelsagent, wie dies am 21. Juli 1888 vor der Kronprinz Rudolfsbrücke geschehen ist, von einer aus 15—20 Personen bestehenden Schaar, einzig und allein deshalb, weil er ein jüdisches Aussehen hat, während er in Wirklichkeit arischer Abstammung war, mit Fäusten, Stöcken und Schirmen mißhandelt wird und sich nur dadurch retten konnte daß er in eine Droschke sprang und davon fuhr, so sind das alles Symptome einer Verwilderung, einer umsichgreisenden Rohheit, welche zu ernstlichcm Nachdenken Anlaß geben soll. Zweimal hat es sich in Wien bereits ereignet, das ein christlicher Schüler seinem Schulgenossen, blos weil's ein Jud'war, mit dem Messer das Auge ausgestochen, das Geschick dieser unglücklichen jüdischen Schüler ist blos ein Einzel-Unglück, welches von der betroffenen Familie mit Geduld ertragen werden muß. Allein als Symptome der moralischen Verwüstung, welche der Antisemitismus in allen Schichten des christlichen Volkes angerichtet hat, verdienen derlei Vorkommnisse allerdings auch beim fürsterzbischöflichen Ordinariat besonders gewürdigt zu werden. Vielleicht nimmt diese Kirchenbehörde, an welche die antistmische Versammlung sich nunmehr gewendet hat, endlich Anlaß, die socialen und moralischen Folgen der Wiener antisemitischen Bewegung einer Prüfung und Würdigung zu unterwerfen. Das ist unsere „Resolutton an das fürsterzbischöfliche Ordinariat in Wien."

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