Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 38 (25.9.1891)
- Date
- 1891-09-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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in r -TirrrwrT iT iir~ a~rnirrii~ ,N wi n,«Wii > > *im m Kr. 38. Mir«, 28. September 1891. VIII. Jahrgang. ♦ I ♦ Centralorgan für die gesammten Interessen des Iudenthums. -#-- Eigenihürner: Uerchsraths-Akgeordneter vr. Kioch. -- Erscheint jeden Freitag. Inhalt: Leitartikel: (nne Resolution an das fürsterzbischöstichc Ordinariat i.i Lien. — Crinesische und antisemitische „Ehrenmänner". ' Ter Oeutschnalionalismus und der Vehrerstand. — Unterricht und Ur^iehung bei den deutschen Juden im Mittelalter. — Meyerbeer s Ansichten über Lynagogalinusik. — Baron Hirsch und die russischeii Juden. — Korrespondenzen: Wien, Innsbruck, Czernowitz, Temesvar, Prohnitz, Berlin, Dresden, Breslau, Frankfurt a. M., Alerandrien. — Vermischtes: Wien, Prerau, Tulln, Vemberg, Krakau, Berlin, München, Paris, vreue. Bukarest, Algier. Marocco. — Fenillecon: Typen aus der Preßburger Judengasse. — Viterarur. — Reue Bücher. — Briefkasten. - Wochenkalender. — Inserate. Wan abomiiri brr allen pofianflnllrn des In- und Auslandes. Bezugspreis: Lalbjäbrig 4 fl. Einzelexemplare 2S kr. Anzeigen: Die 4mal gespöttene Petitzeile 12 kr. -M *- -----.-. - K. ft. Postfparrassenamk Elrarrngvrrftrtzr Nr. 810.976. Nrdartion u. Administration: ■ Wien L, Rothrnthurmpratzr 89. « - ■ - —« „Eine Resolution an das fürstevzlnfchöflichv Ordinariat in Wien". Ueber die „Oesterr. Wochenschrift" wurde bicjer Tage ein großes antisemitisches Volksgericht abgehalten. Der knkh.- politische Verein Margarethen lud für den 21. l. M. all seine Mannen zu einem Meeting ein, der große Volkstribun Dr. (5arl Lueger, die interessanteste Possensigur aus der politischen Comödie der Gegenwart, war der Sprecher, er erzählte die Greuelthaten der „Oesterr. Wochenschrift", „die in der gesammten Weltgeschichte nicht ihresgleichen haben" und es wurde „einstimmig" „unter allseitigem Beifall" eine Cntrüstungskundgebung beschlossen, welche die osficiellen Organe des Antisemitismus zu unserer und zu aller Kenntniß brachten. Die Versammlung war auch gehörig und ganz nach Bedarf des Falles entrüstet, es fehlte nicht an ausgiebigen Pfui-Rufen über die Frechheit der „Rabbiner-Wochenschrift" und Dr. Carl Lueger vollbrachte somit wieder eine That um seine verblaßte und schäbig werdende Popularität etwas aufzufrischen. Unser schweres Verschulden um derentwillen der flammende Zorn des antisemitischen Volksgcrichtes über unser Haupt sich gewitterschwer entladen, bilden die Artikel „Z u m U r sprang des Aberglaubens vom rituellen Morde" und die über die Blutwunder des St. Gennaro in Neapel in Nr. 34, 35 und 36 der „Oesterr. Wochenschrift", der Inhalt dieser Artikel wird mit jener geheuchelten Leidenschaftlichkeit, wie sie der biedere Dr.'Carl Lueger jederzeit bereit hat, zu einem -schändlichen Verbrechen, zu einem ruchlosen Attentat gegen die Christenheit, gestempelt, dem die k. k. Staatsanwaltschaft hätte Vorbeugen müssen. Da dies aus unerklärlichem Grunde nicht geschehen, so wurde denn eine Resolution beschlossen, „in der die Versammlung das fürsterzbischöfliche Ordinariat ersucht, energische Vorkehrungen zu treffen, um dem beleidigten religiösen Gefühle Genugthuung zu verschaffen." Die Resolution wurde „sofort mit Hunderten von Unterschriften bedeckt." Welchen Inhaltes waren denn jene bösen Artikel, über welche der antisemitische Zorn zu solcher Glut entflammte? Nach dcm Referate des „Vaterland" erzählte Dr. Lueger von diesen Artikeln, daß sie „nichts weniger behaupten, als daß die kath. Kirche dem Blutrituale huldige;" nach dem ,Deutschen Volksblatt" enthielten die Artikel „Angriffe gegen das Christenthmn, in b.uct. gZagt nur.bc. daß Menschenopfer und rituelle Blutabzapfungen chrlsll.c..cn Ursprungs seien." Kennen aber die Christen des kath.-polit. Vereines Margarethen nicht den Lehrsatz des neuen Testamentes: „Was du nicht willst, dns dir man thu, füge keinem Andern zu?" Angesichts der zahllosen und unerhörtesten Schmähungen, welche der Antisemitismus seit Jahren tagtäglich gegen das jüdische Religionsbekenntnis; und seine Ouellenschriften in frechster Weise häuft, entbehrt die geheuchelte Entrüstung über den angeblichen Inhalt jener Artikel der „Oesterr. Wochenschrift" auch nicht einer gewißen Komik. Die erlogenen Mitlheilungen aus der „Oesterr. Wochenschrift" bildeten für Dr. Carl Lueger aber ein Argument für die Rothwendigkeit, den antisemitischen Theologie - Professor Dr. Scheich er, welchem nach einem Berichte des Redners die kirchlichen Oberbehörden die allzueifrige antisemitische Propaganda nicht zum Verdienst anrechnen, seiner Lehrthätigkeit zu erhalten. Mit dem freimüthigen Geftändniß, daß uns die Lehrthätigkeit des Herrn Prof. Scheich er nicht im Geringsten genirt und wir die zu seinen Gunsten inscenirte Agitation nach keiner Richtung zu schädigen wünschen, müssen wir doch auf das Entschiedenste die in den antisemitischen Organen von den bezeichneten Artikeln der „Oesterr Wochenschrift" gebotene Darstellung, mit Berufung auf das Zeugniß unserer Leser, als eine infame Fälschung, als Lüge ordinärster Art brandmarken. Jene Artikel enthielten überhaupt nichts als Ercerpte aus Werken christlich-arischer Autoren; aus einem Essap von Guido List, eines Schriftstellers arischer Abstammung und christlichen Bekenntnisses; Citate aus dem Acta sanctonim ans der Geschichte des Schutzheiligen von Neapel, St. Gennaro, der Bericht über die jährliche Feier des Heiligen ercerpirt aus dem Werke eines protestantischen Pastors, Th. Trede, welcher bei der Feier persönlich anwesend war, endlich Ercerpte aus einer Predigt des katholischen Priesters F. di Dominico aus dem Jahre 1884 und aus einer zweiten Predigt von Gennaro Recitano aus dem Jahre 1841. Beide Predigten sind mit Erlaubniß der Kirchenbehörden publizirt worden. Von den übrigen cinrten Autoren sind blos die Kirchenväter semitischer Abstammung und gegen diese wird hoffentlich auch Herr Dr. Carl Lueger nicht einen Bannstrahl zu senden sich getrauen. Allerdings, der Volkstribun mit jener wunderbaren Versalität und bunten Mannigfaltigkeit der politischen Ueberzeugungen, mir der genialen Gewandtheit, die widersprechendsten, entgegengesetzten und