Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 37 (18.9.1891)
- Date
- 1891-09-18
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 684 Oesterrrichische Wochenschrift. Nr. 37 Mschiedsworte Rabbiner Dr. May bäum aus Berlin sprach im Namen der Berliner Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums, Prof. Dr. Bacher aus Budapest im Namen des Profefsorencollegiums der k. und k. ungarischen Landesanstalt für Heranbildung von Rabbinern. Hierauf trugen jetzige und frühere Schüler des Seminars den Sarg zum Grabe. Als im vorigen Jahre Rabbiner Dr. Joel beerdigt wurde, hatte die hiesige Synagogen Gemeinde bestimmt, daß anschließend an sein Grab eine Reihe reservirt bleiben sollte für die Rabbiner der hiesigen Gemeinde und andere Männer, die sich um die Wissenschaft des Judenchums besonders verdient gemacht hätten. An dieser bevorzugten Stelle des Friedhofes wurde Professor Graetz zur Ruhe gebettet Che der Sarg der Erde übergeben wurde, widmete Rabbiner Dr. Walter dem Dahingeschiedenen noch Dankesworte im Namen der gegenwärtigen Hörer des Rabbinerfemmars. Ein Trauerchoral beschloß die Feier. Berlin. In Nummer 33 der „Oesterr. Wochenschrift" erwähnten sie, daß der „Oesterr. Bolksfteund" nachstehende Enthüllung publizirt. „Es ist soeben in Verlin eine Broschüre erschienen, nämlich der zweite Theit des ..Verzneiflungskanipses dec arischen Völker mit dem Judenthum" von Rektor A. A hlwardt; in de,selben findet sich eine Notiz hinsichtlich des Nobiling'schen Attentats, woraus hervor ugehen scheint, daß der geheime Sanitätsrath Tr. d'e.vin von Zeit und Ort des Attentates aus Kaiser Wihelm I. vorher unterrichtet gewesen ist, d. h. mit anderen Morten, daß die Judenschaft Berlins beziehungsweise die Alliance isiaehte universelle, darum gewußt hat, — ja, daß dieses Attentat möglicherweise von denselben inszenirt war. Es ist ganz natürlich, daß nicht jeder Jude iu Berlin von diesen Tingen unterrichtet war, sondern nur die geheimen Oberen, we'che vielleicht in Amt und Würden sitzen. Um diese von Herrn Rektor Ahlwardt vorgebrachte Verdächtigung sestzustellen, sollen alle Hebel in Bewegung gesetzt werden." In Bezug auf diese infame Verdächtigung publizirt Herrgeheimer Sanirätsrath Herr Dr. Lew in aus Berlin das folgende nachstehende Schreiben: „Herr Kollege Kristeller hat mich im Juli er. aus die Broschüre des v. Ahlwardt aufmerksam gemacht, und ich habe dieselbe sofort meinem unmittelbaren Vorgesetzten, Herrn Polizeipräsidenten Freiherrn von Richthosen, eingereicht bezüglich der in der Schrift gegen mich gerichteten Insinuationen; auch habe ich mich deshalb mit der Königl. Staatsanwaltschaft beim tandesgericht II Berlin ins Vernehmen gesetzt und beiden Behörden dlch Weitere zu veranlassen anheimgestellt. Es wurde mir mitgetheilt, daß ich in der Broschüre nicht als Beamter bezeichnet sei; und daß selbst alle übrigen Beamten, auch Herr Minister Miquel wetche in dem Schriftstück angegriffen worden sind, es abgelehnt haben, Sttafanträge zu stellen. Ich sollte gleichfalls so verfahren. Meritorisch hatte ich, als Psychiater, auch gegen so verrückte Jnvektive'n nichts erwiedern können und dürfen, wenn ich ich nicht amtlich dazu aufgefordert werde." Man ersieht daraus, daß die Antisemiten aller Länder von derselben Rasse sind. Berlin. Sie berichteten jüngst über eine bei einem Wiener Gerichte stattgehabte Verhandlung, deren Mittelpunkr ein antisemitischer Tramway-Passagier bildete. Hierin Berlin wird sich demnächst ein Pferdebahn-Conducteur, der jedenfalls seinen Antisemitismus wollte leuchten lassen, vor Gericht wegen seiner „Heldenthaten" zu verantworten haben. An einem Abend der letztvergangenen Woche, etwa gegen zwölf Uhr, kam der Operndirector Herr H. aus Charlottenburg in Begleitung seiner Gemahlin an die Haltestelle der Pferdebahn Lützowplatz— Schlesisches Thor, gerade in dem Augenblick, als sich der Pferdebahuwagcn von der Ecke der Knrfürstenstraße-Maaßcnstraße in Bewegung setzen wollte. Herr H. rief dem Conducleur zu, doch zu halten, der Conductcur achtete jedoch nicht auf diesen Zuruf, so daß Herr H. sich schleunigst auf den im Fahren begriffenen Wagen schwang und dem Conductcur noch einmal bat, den Wagen doch noch einmal anhalten lassen, damit auch seine Frau eiusteigen könne. Hier hat wohl ein Wortwechsel stattgefunden; jedenfalls hat Herr H dem Conducteur keine Veranlaffung dazu gegeben, daß der letztere Herrn H. beim Abspringen vom Wagen die Worte zurief: „Kommen Sie man noch einmal 'rauf, Sie Judenbengel, da werde ich Sie schon mit der eisernen Stange auf den Kopf schlagen." Ein Herr erbot sich Herrn H. als Zeuge zu dienen, und so dürfte diese Angelegenheit noch ein gerichtliches Nachspiel haben. Interessant ist jedenfalls an der ganzen Affaire, daß Herr H. C h r i st ist. Köthen. (Die schwarze Ecke von Anhalt.) Als vor einigen Tagen der Kaufmann Julius Frank in dem nahen Städtchen R a d e g a st Abends vor seinem Hause saß, wurde er plötzlich vom Schlage gerührt. Seine Frau, selbst halb tobt vor Schreck, rief um Hilfe; wohl hörten die braven Nachbarn die Hilferufe: aber denselben Folge zu leisten, fiel den Leuten gar nicht ein. Der zitternden Frau blieb nichts Anderes übrig, als allein, mit Hilfe ihrer Kinder, den schweren Mann in das Haus zu tragen. Julius Frank war der einzige Jude in Radegast; daher diese echt christliche Hilfsbereitwilligkeit seiner Mitbürger. Auch als der Leichnam des Mannes nach Köthen transportirt werden sollte, fand sich unter den Nadcgastcrn N i e m a n d, der ihm den letzten Dienst und die letzte Ehre zu erzeigen bereit gewesen wäre. Der Führer des Leichenwagens mußte mit Hand anlcgen, um den Sarg auf den Leichenwagen zu heben, und von all den christlichen Radegastern, mit denen der Verstorbene zu seinen Lebzeiten für das Wohl der Stadt gemeinsam, oft bis in die späte Nacht, gearbeitet hatte, fand cs Keiner für passend, ihm aus seinem letzten Weg auch nur eine Strecke weit das Geleite zu geben. Wenn es aber Sammlungen für w o h l t h ä t i g e Zwecke galt oder Arbeiten für das Gemeinwohl, da wußte man -den Juden Frank zu finden, und hat nie gezaudert, seinen Beitrag zu zahlen, seine Zeit und Mühe zu opfern, und als es nach den bekannten Betrügereien des Bürgermeisters Conrad in Radegast, einer Säule der antifreisinnigen Parteien, sich darum handelte, in die Bücher des Vorschußvereines wieder Ordnung zu bringen, nachdem Conrad durch eigene Hand geendet und seine Frau und seinen Schwiegervater ebenfalls in den Tod getrieben hatte, da war es der Jude Julius Frank, der, in den Vorstand des Vorschußvereines gewählt, mit der schwierigen Aufgabe betraut wurde. — Erwähnt sei noch, daß Julius Frank ein durchaus ehrenwerther Mann war, der niemals Jemanden zu nahe getreten ist, seine zahlreiche Familie, acht Kinder, mit Ehren durchgebracht hat und keine Schulden hinterläßt. Seine Kinder hatten in der Schule gleichwohl von ihren ch r i st l i ch e n Mitschülern durch B erhöhnungen und Schimpfreden viel zu leiden; die Lehrer haben aber, so scheint es, nie davon erfahren. Ein Einwohner von Radegast, der sicherlich verlangt, zu Len anständigen Leuten gezählt zu werden, hat zum Dr. Friederich geäußert: „Den Juden Frank habe ich liegen sehm; er war schon halbtodt; aber ihn anzufasscn, habe ich wich gehütet." — Ist das nicht recht christlich? — Wenn die vorstehend mitgetheiltcn Ereignisse nicht von den Mitgliedern der Familie Frank, die alsbald nach Berlin überzustedeln gedenkt, ver-