Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 37 (18.9.1891)
- Date
- 1891-09-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3020847-3020885--00703-3024706- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 37 Oeflen'erchrsrhr Wvchrnschrifi. Sette 677 nommen hatten, da sie ihn für einen Juden hielten. — Es wurde somit allgemein bekannt, welche Folgen die „antisemitische" Maßnahme des Nischni-Nowgoroder Gouverneurs nach sich gezogen hat. Wir haben aber noch nichts von der Zurücknahme jener Verfügung gehört. Die Kustari tragen den Schaden und murren, die Juden klagen bitterlich über Ungerechtigkeit — was hat aber all' dieses zu sagen? Die rechtgläubigen Wucherer machen blühende Geschäfte — das war auch das Einzige, was unsere Antisemiten haben erreichen wollen! Die Verhältnisse haben es seit Langem bewirkt, daß gegen die Juden nicht so sehr die Vertreter des industriellen Großkapitals als die Händler und insbesondere die Wucherer der verschiedensten Nationalitäten, Sprachen und Konfessionen zu Felde ziehen. In der Schrift des verstorbenen I. S. Aksakow „Ueber die südrussischen Messen" sind interessante Aussagen von Moskauer Fabrikanten über ihre kommerziellen Beziehungen zu den Juden angeführt. Die Moskauer Geldherren konnten die „Jüdlein" nicht genug loben und antworteten mit spöttischem Lächeln auf die Frage, ob nicht die jüdische Konkurrenz den russischen Industriellen schädlich sei. „Die Juden können uns gegenüber nicht aufkommen," antworteten selbstbewußt die Moskauer Fabrikanten, „wir brauchen sie als Kommissionäre, unter den Russen findet man so geschickte Kommissionäre nicht." — Als die „antijüdischen Krawalle" — welche im Grafen Jgnatiew, dem damaligen Minister des Innern, einen bereitwilligen Gönner fanden — im Anfänge der achtziger Jahre ausbrachen, da richtete die Moskauer Kaufmannschaft an den genannten Grafen die dringende Mahnung, er möge den Schaden berücksichtigen, welcher dem Handel durch seine überschlaue Politik zugefügt werde?) — Es geht aus alledem hervor, daß die Vertreter des industriellen Großkapitals bis in die letzte Zeit hinein die jüdische Konkurrenz nicht zu fürchten brauchten. Große Kapitalisten gibt es unter den Juden verhältnißmäßig sehr wenig, und ist auch die gegenwärtige Judenhetze keineswegs gegen jene gerichtet.**) Unsere ganze antisemitische Bewegung wurzelt in der einfachen ökonomischen Thatsache" daß das Kleinbürg er thum christlicher Konfession die Konkurrenz des Kleinbürgert hu ms mosaischer Konfession los werden will. Diesem löblichen Bestreben des russischen Kleinbürgerthums kommen eben alle die gegen die Juden schon gerichteten oder noch zu richtenden Ausnahmegesetze höchst gelegen. Unter dem Ausdruck „Kleinbürgerthum" verstehen wir nicht nur Wucherer und Händler. Dazu gehören auch Leute von den „liberalen Berufen," z. Aerzte und Advokaten, welche in den meisten Fällen die jüdischen Konkurrenten los werden möchten. Allerlei Argumente werden von diesen Herren gegen die Juden vorgebracht — fragt nur nicht welche. Wozu übrigens das Argumentiren? So lange die gegenwärtige russische Regierung am Ruder ist, wird die Sache der Juden ein von vornherein verlorenes Spiel bleiben, mögen die Argumente ihres Hasses noch so absurd klingen. Der Wunsch, den russischen Kramern ein freies Tätigkeitsfeld zu öffnen, wäre schon für sich allein vollauf hinreichend, um die russische •) Wir erinnern auch an die im Mai 1891 von allen Zeitungen gebrachte Meldung über eine Petition der Moskauer Kaufleute an den Zaren um Einstellung der — für Moskau nachtheiligen — Maffenauswtisüng der Juden aus Moskau. Der Uebersetzer. **) Bgl. die jüngsten Ausweisungen der jüdischen Handwerker auS Moskau. Der Uebersetzer. Regierung zu Verfolgungsmaßregeln gegen die Juden zu bewegen. Es kommt aber dabei noch ein anderer viel ausschlaggebenderer Bew ggrund in Betracht. Und mögen nicht nur die Engländer, sondern sämmtliche Kulturvölker sich's*zur Aufgabe machen, der russischen Autokratie das Infame ihrer Handlungsweise klarzulegen, so wird sie nichtsdestoweniger ohne Schonung und Unterlaß, mit dem ihr eigenen stumpfen und grausamen Starrsinn, an den Juden Rache nehmen dafür, daß sich unter ihnen viele edelgesinnte junge Leute gefunden haben, welche ihr Leben für die Befreiung ihrer grausamen stiefmütterlichen Heimat Hingaben. Die Engländer, wie auch die übrigen europäischen Völker werden es immer in Sachen der ruffischen Juden nur bei Worten bewenden lassen; der ruffische Zarismus ist nun aber seit jeher gewohnt, nur Ein Argument zu respectiren — das der Gewalt. Und darum haben eben die Judeil das größte Interesse am Siege unserer revolutionären Bewegung, welche dem Absolutismus den Todesstoß versetzen und alle Bewohner Rußlands, ohne Unterschied der Nationalität, zu vollnnd gleichberechtigten Bürgern eines freien Staates machen wird. Für den russischen Zarismus leistet außerdem die antisemitische Bewegung den Dienst eines höchst bequemen und billigen Sicherheitsventils. So hielten, wie man uns mittheilt, die vorsorglichen Behörden von Warschau in Voraussicht der „Unruhen" am 1. Mai, Lockspitzel in Bereitschaft, welche die unruhigen Arbeiter gegen die Juden aufhetzen sollten, um auf diese Weise von der Polizei die von derselben ehrlich verdienten Schläge abzuwenden. Dieser vielversprechende Kniff wird zweifelsohne noch bei mancher Gelegenheit zur Anwendung kommen. Es kann als feststehend betrachtet werden, daß an den antisemitischen Umtrieben in Rußland die Polizei ebensosehr die Hand im Spiele hat, wie die Habsucht und die Dummhett. DW Wucher in Rutzland. Das September-Heft der Preußischen Jahrbücher bringt einen Aufsatz über die wirthschaftlichen Zustande in Rußland, dem wir folgende Schilderung entnehmen. „In vielen Gegenden hat sich eine Art von neuem Leibeigenthumsrecht eingebürgert; als Leibherrn erscheinen nicht mehr die Gutsbesitzer, sondern Krüger, Kulake * und Gemeindeftesser; rohe, halb schriftkundige Räuber, die das Volk mtt erbarmungsloser Consequenz ruiniren. Die Nothwendigkett, die Steuern zu der wirthschaftlich ungünstigen Zett zu entrichten, sowie unvermeidliche wirthschaftliche Bedürfniffe zwingen die bäuerlichen Massen zu einem so mörderischen Credü zu greifen, wie er den schlimmsten Wucherern des Westens nicht in den Sinn gekommen ist. Es bildeten sich besondere Arten von Handel: der Handel mtt Arbeitskraft und der Kauf und Verkauf bäuerlicher „Seelen" (das heißt Seelen-Landanthetten a). „In den Dörfern umherfahrend" — sagt einer der Erforscher unserer Volkswirthschast — „versehen die Wucherer die Bauern mtt Geld gegen die 1 Kulak, eigentlich die Faust, ist eine in der neuen Zeit entstandene Bezeichnung für Leute, die in der Bauernschaft die Gewalt über andere an sich gerissen haben und sie als Dorslyrannen üben. Sehr nahe verwandt ist der Gemeindeftesser. 2 Das istj der den Bauern zugesallene Antheil mn Gemeinlande.