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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-09-18 · 37 (18.9.1891) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
37 (18.9.1891)
Date
1891-09-18
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 676 Oestrrreichifchr Wochenschrift. Nr. 37 über die Juden mit der ganzen Wucht einer unbeschränkten Polizeiwillkür her. Insbesondere zeichnet sich das letzte Jahr aus durch uuerhörte Bedrückung der ohnehin bedrückten Juden. Die Zeitungen berichten fortwährend über imrner neue „Maßnahmen" gegen die Juden. Auf die erfreuliche Nachricht, daß „dem Vorstand des Mädchen-Gymnasiums in Minsk ein ministerielles Rundschreiben im Mai d. I. zugekommen ist, wonach Schülerinnen jüdischer Herkunft nicht mehr ins Gym- I uasium ausgenommen werden dürfen," folgt die Bekanntmachung eines „Allerhöchst«! Befehls", welcher den Gouverneur von Groduo ermächtigt, .das Amt deS bürgerlichen Gelneindevorstehers im Flecken Kuschan, (Gouv. Grodno) — bis zur Herstellung der gestörten Ordnung (!) - auS den daselbst wohnhaften christlichen Bürgern zu besetzen/' weil die in jenem Flecken überwiegend jüdische Bevölkerung sich „systematisch weigerte," einen Christen zum Gemeindevorsteher zu wählen. . . . Bald darauf konnte mau in der „Times" die überraschende Nachricht lesen, daß „den Inden verboten werden wird, sich einzeln, ohne ihre Familien taufen zu lassen." Dann wurde ein Project verlaulbart. wonach den innerhalb deS ,Gebietes für jüdisch: Seßhaftigkeit" wohnenden Inden die Ausübung gewisser Gewerbe verboten werden sollte. Ferner kam die in Erstaunen versetzende Erzählung n:u dem ordnuugseifngen Odessaer Stadtgouverneur, welcher, „in Folge der zn chm gelaugten Klagen darüber, daß junge Leute jüdischer Herkunft bei der Besetzung der Eisenbahnwagen sich übereilt in dieselben stürzen, ohne auf die Höflichkeit Rücksicht zuaehmen, folgende Bekanntmachung erließ: „In Folge dessen und aus Grund ves am 3. Mai 1862 Allerhöchst bestätigten Beschlusses' des Ministercomites, mache ich hiemit bekannt, daß jeder Jude, der überwiesen würde, an öffentlichen Ansammlungsorten» oder bei Besetzung der Eisenbahnwagen eine Ruhestörung begangen oder überhaupt irgend Jemandem eine Unhöfiichkeit oder Beleidigung angethan zu haben — unverzüglich einerstrengen Bestrafung auf administrativem Wege unterliegen wird — wie dieS gegen Personen üblich, die der öffentlichen Ruhe schädlich sind/, Jedermann war entzückt über die Weisheit dieses Pompadour*), der sich gleichsam zur Aufgabe machte, zu beweisen, daß die Satire Schtschüwin's nichts Uebertriebenes enthält Jedermann wußte wohl, was diese „strenge Bestrafung auf administrativ«» Wege" bedeutete: man erkannte sofort, daß die coufuse Canzlei-Phraseologie auf die den Pompadour-Herzen so theuere Knute anspielt. Kaum war der Eindruck jener .Bekanntmachung" verwischt, als eine „Ansprache" de« Wilnaer Pompadour alle Welt verblüffte. Beim Eurpfang einer Nach- Haus-Deputation, die abgeorduet war, um dem Herrn Kachanow, Gouvemeur von Wilua, zu seiner Beförderung in den Grad eines Artillerie-Generals zu gratulire«, fiel dieser über die jüdischen Abgeorduetm in roher beleidigender Weise her: „In allen europäischen Städten," sprach er, „suchen die Juden sich im öffentlichen Leben von den anderen Nationalitäten in nichts zu unterscheiden; bei uns aber ist daS Gegentheil der Fall: die Juden trachten darnach, ihre Abgesondertheit, den Bestrebungen der Regierung zum Trotz, mit all« Kraft zu bewahren. Ich will dabei von der jüdischen Frechheit im Allgemeinen schon gar nicht sprechen: diese ist empörend. Eure Kinder sind jeder Aufsicht ledig, sie kriechen haufenweise auf den Trottoirs und in den Straßen umher, die Fußgänger und Fahrenden *) „Die Herren Pompadours" ist der Titel einer Satire, worin Schtfchedrin die verschiedenen Vertreter des Czaren in den Gouvernements, dir Gouverneurs, in ihrer ganzen, bis zur Absurdität lächerlichen Willkür bloßstellt. Ter Ueberseher. belästigend. Die Erwachsenen aber treiben geradezu Unfug.' („Russk. Wjedomosti," Nummer vom 3. Juli 1890.") Die Drohungen, mit welchen der neugebackene Artillerie- General seine „Ansprache" — ganz nach dem Muster des Odessaer Stadtgouverncurs — schloß, wurden sofort von einer competenten Person iin Sinne der Ruthenstrafe interpretirt. Wir sind aber der Meinung, daß die Knutencur insbesondere, wenn es nach dem Herzen des die Höflichkeit liebenden Odessaer Pompadour ginge — eher an der Wilnaer Excellenz selbst erprobt werden müßte. Kanu es in der That etwas Unhöflicheres geben, als die Art und Weise, wie Herr Kachanow Leute anschnauzte, die gekommen waren, um ihin zur „Gnade des Monarchen" zu gratulnen? Und wessen sollm sich, nach Herrn Kachanow, die Juden schuldig gemacht haben? — Sie „suchen ihre Abgesondertheit, den Bestrebungen der Regierung zum Trotz, zu bewahren!" Bon welchen Bestrebungen spricht da Herr Kachanow? Vielleicht von den Ausnahmegesetzen, welche die Juden zu Parias Rußlands machen, indem sie ihnen die Möglichkeit rauben, bald dem, bald jenem ehrlichen Erwerbe nachzugehen? Wird etwa durch solche Gesetze die jüdische Abgesondertheit aus der Well geschifft? Wahrlich, wären jene merkwürdigen Worte nicht von einem russischen Beamten ausgesprochen, so müßten sie als jesuitisch, heuchlerisch bezeichnet werden; iin Munde eines russischen Beamten aber zeugt eine solche Sprache nicht einmal von Heuchelei, sondern einfach von jenem hölzernen Stumpfsinn, welcher so sehr unseren „hochgestellten Persönlichkeiten" eigen ist. Die Juden, heißt es, werden bedrückt im Interesse der arbeitenden Bevölkerung Rußlands. Erstens aber gehört ein bedeutenderTheil der Juden selbst ebensosehr zur arbeitenden Bevölkerung, wie die russischen Baueen und Arbeiter. Und zweitens, was gewinnt denn die arbeitende Bevölkerung dadurch, daß sie ausschließlich den christlichen Ausbeutern preisgegeben wird? — Gar nichts, oder vielmehr, sie verliert sogar dabei wie immer, wenn die Concurrenz zwischen den Ausbeutern abgeschwächt wird. Im Folgenden bringen wir einen der vielen Beweise für die — übrigens augenfällige — Richtigkeit jener Behauptung: „Die Lage der Hausindustriellen (Kustari) in Pawlowa muß unwillkürlich Aufmerksamkeit auf sich lenken. In der That, die Ueberfüllung des Marktes und, als Folge derselben, die äußerst niedrigen Preise der Hausindustrie-Erzeugnisse, der Mangel an einem billigen Kredit, — all' dies hat die ökonomische Lage der Pawlower Kustari zu einer — mild gesprochen — äußerst drückenden gemacht. 16—19 Stunden mit Weib und Kind an der Arbeit, verdient der Kustar mit knapper Noth sein tägliches Brot. Seitdem auf Verfügung des Gouverneurs die jüdischen Aufkäufer vom Markte ausgeschlossen sind, hat sich die Lage der Kustari noch mehr verschlimmert. Die Juden kauften ihnen allwöchentlich für mehrere Tausend Rubel Maaren und zwar gegen Baar ab. Jetzt muß sich der Kustar mit seinen Erzeugnissen — deren Werth in die Tausende geht — an den Wucherer wenden, der sich für das vorgestreckte Geld zwei und mehr Prozent Zins per Woche bezahlen läßt. Die Qualität der Maaren sinkt. Der Krrstar ist völlig vom Aufkäufer abhängig." („Russk. Wjcdom.," Nr. 60.) Dieselbe Erscheinung wird von Herrn Korolenko in der „Nusskaja Mißt" konstatirk. In seinem Artikel „Skizzen aus Pawlowo" bestätigt er ebenfalls, daß die Ausschließung der jüdischen Aufkäufer sich sehr ungünstig für die Kustari erwiesen habe. Er erzählt, baß diese ihn freudig aufge-

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