Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 37 (18.9.1891)
- Date
- 1891-09-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 37, Men, 18. September 1891. VIII. Jahrgang. Centralorgan für die gesammten Interessen des Iudenthums. Eigenthümer: Reichsralhs-Avgeordneler vr. KLoch -- Msn aionntrt bei Men ppffanTfalfett de» In- und Auslsnde». Bezugspreis: Halbjährig 4 fl, Einzelexemplare SS kr Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 13 kr. A. h. Postsxarcassenaml Clesringverketzr Nr. 810.976. Rrdkvction u. Administration: j Wien I. Lothrnthurmstratze 39. Inhalt: Leitartikel: Zur Genealogie des Herrn Dr. Porzer. — Die wahren Ursachen der russischen Judenverfolgungen. — Der Wucher in Rußland. — Die jüdische Colouisations-Gcsellschaft des Herrn Baron Hirsch. — Zum hundertsten Geburtstage des Componisten Giacomo Meyerbeer. — Correspoudenzen: Men, Skolschru, Olmütz, Bist ritz, Budapest, Preßburg, Breslau, Berlin, Köthen, Memel, London, Petersburg.— Vermischtes: Wien, Budapest, Podgorze Roth-Jauowitz, Lenberg, Berlin, Leipzig, Kempen, Breslau, Hamburg, Halle, Karlsruhe, Brüssel, London, Ballarat, Cincinnati. — W ochenkalender. - Feuilleton: Typen aus der Preßburger Judengasse. — Briefkasten. — Inserate. KZur Genealogie des Herrn Dr. Porzer. Seit seiner letzten Rede beim „goldenen Widder" in der Taboistraße steht Herr Dr. Porzer im Vordergrund der Agitation, die aus den Ausschluß der jüdischen Jugend aus der öffentlichen Volksschule gerichtet ist. Aus diesem Grunde dürfte es ebenso für Herrn Dr. Porzer als auch für die übrigen Zeit- und Gesinnungsgenossen desselben von einigem Interesse sein über die Abstammung dieses neuesten Judentödters einiges zu erfahren. Der Ur-urgroßvater des Herrn Dr. Porzer war ein jüdischer Hausierer in Mähren, der von Dorf zu Dorf seine Ware feilbot. Dessen Sohn, der sich einige kaufmännische Bildung erworben hatte, zog nach Brünn und nahm, als Kaiser Josef II. anordnete, daß die Juden Familiennamen sich beilegen müssen, dm Namen Neustein an. Früher hieß er kurzweg „Reb Jontef". Sein Sohn Heinrich übersiedelte Anfangs der 30-iger Jahre nach Wien, wo er ein Geschäft mit rohen Kuh- und Ochsenhäuten etablirte. Mit einem Mädchen Namens „Kohn" verheiratet, wurde Heinrich Neu st ein, der Sohn des „Reb Jontef", Vater nrehrerer Kinder, deren Aeltestes ein Mädchen Namens Betty war, und diese ist die Mutter des Herrn Dr. Porzer. Schon 23 Jahre alt, nahm sie die Taufe, um den Wiener Caffeesieder Porzer in einer schmalen Seitengasse des Grabens in der inneren Stadt Wien zu heiraten. Diese getaufte Jüdin hat sich um die Erziehung ihres Sohnes, der frühzeitig eine eminente Begabung nnd große Fähigkeit an den Tag legte, nicht blos große Mühe gegeben, sie hat auch die größten Opfer gebracht um ihn zu seiner jetzigen Stellung zu erheben. Herr Dr. Porzer besitzt in Wiener jüdischen Familien mehrere Verwandte, von welchen einzelne in der Verwaltung der Wiener isr. Cultusgemeinde sich hewonagende Verdienste erworben haben. „Reb Jontef", der Urgroßvater des Herrn Dr. Porzer, hat sich wohl kaum träumen lassen, daß einer seiner Nachkommen auf die Ausschließung der Juden aus der öffentlichen Volksschule hinarbeiten wird. Die wahren Ursachen der russischen Judenverfolgungen. Von G. Plechanow- In der socialistischen Revue „Die neue Zeit" publicirte ein Nationalrusfe Plechanow einen größeren Essay: „Die soeialpolitischen Zustände Rußlands im Jahre 1890", in welchem er auch die Lage der Juden mit hoher Sachkenntniß zeichnet und die Letzten Gründe, der gegen sie von der Regierung' verhängten Maßregeln bloslegt. Seine Berichte sind nicht blos interessant, sondern auch von hohem historischen Werthe zur Kenntniß der Zeitgeschichte, vor Allem wichtig genug, sie wörtlich zu reproduciren: Das rechtgläubig-patriotische Geheul — wenn gegen die Amerikaner oder irgend eine andere Nationalität gerichtet, auf der nicht das Mißgeschick lastet, im Schatten dec Fittiche des russischen zweiköpfigen Adlers leben zu müssen — ist eher lächerlich als schädlich. Werden aber dem ruffischen Staatsverbände angehörende Nationalitäten zum Gegenstände jenes Geheuls gemacht, so läuft die Sache aus die unverschämteste, niederträchtigste Unterdrückung der Schwachen durch die Starken hinaus. Wir meinen die gegenwärtige antisemitische Agitation in Rußland. Die Ursache derselben ist unschwer zu erkennen. Unsere Bourgoiste bekämpft die Juden aus eben demselben Grunde, aus welchem sie gegen die westeuropäischen Produzenten gegen die „unstttlichen" ausländischen Versicherungsgesellschaften gegen den „corrumpirenden" Einfluß der amerikanischen Sec Hundsfellhändler auf die Bewohner der oststbirischen Küste, gegen die Fabrikanten von Ruffisch-Polen rc. rc. schreit. Die Kaufmannschaft Gesammtrußlands verehrt eben das Monopol nicht minder, wie die Subvention. Sie strebt darnach, mit der Concurrenz der Ausländer zugleich auch diejenige der Andersgläubigen zu beseitigen. Natürlich wird dieses Bestreben durch Berufung auf die Volksinteressen beschönigt. „Der Jude ist der Ausbeuter xnr excellence," schreien unsere rechtgläubigen Beutelschneider: „den Juden bedrücken, heißt den Volkswohlstand heben". Die Regierung thut, als wäre sie von der Richtigkeit dieser Argumentation überzeugt und M-