Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 36 (11.9.1891)
- Date
- 1891-09-11
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 36 Unnöthig zu sagen, daß die II b das Aussehen, welches ihr Erscheinen erregt, vollständig ignorirte. In musterhafter Ordnung, je zwei und zwei spazierten sie die Treppen heraus, gaben ihre Fahrkarten ab und harrten in fröhlichem Geplauder des Zuges, der da kommen sollte. „Uff!" sagte Gustchen Lehmann zur ihrer Nebenmännin und fächelte sich mit ihrem Tafchentuche Kühlung zu; „uff, bet dauert 'n Endchen. Na nach bet jestrige Donnerwetter is es wirklich ein Meer- und Himmelwunder, bet aus die janze Partie noch was jeworden ist. Und du kannst man blos froh sein, Loreken, daß du gestern gefehlt hast und hast von dem dollen Spectakel nu nichts abgekriegt. „Aber so erzähle mir doch," bat die Nachbarin. „Ne," rief Gustchen, „schön is anders, das lasse Dir sagen. An der ganzen Hatz war blos die lange Pine schuld, die entre nous der kleinen Goldschmidt neidisch ist; darum hat sie die janze Klasse aufgestachelt gegen das olle Wurm. „Aber der Herr Hofprediger hat doch auch gesagt —" fiel Lorchen ihr eifrig in's Wort. — „I, sieh mal, weißt Du das auch schon," spottete Gustchen kniffig; „aber damit kämst Du bei unserm Doktor schön an. Wer hat das geschrieben? brüllte er im Rekreationskorridor. Nu hatt ich aber die Kiste über. Die Mädchens in alle Winkel kriechen und nicht Mucke nich, nich'n Hauch, und ich nu gleich vortreten, janz allein uud sagen: „Herr Doktor, sage ich, des is, n Witz von Philippinens Bruder, was ein deutscher Student ist bei's 0. 6. 0. und is auch mehr ne Dummheit von uns wie böse Meinung. Darauf hielt er uns ne Rede! des uns das Heulen in die Augen und das Klappern mang die Zähne kam. Helene Biberstein mar die Erste, die wieder zu ihrer Exintimussin rannte. Und dann gab's eine allgemeine Vesöhnüngsschmelzerri, aber wo mal so'n Bruch war — des is wie bei meine Mundtasse, wenn ich ihren Henkel wieder aufleimen thu, der Kitt hält nicht lange.. „Nun was sagt Ihr, ist sie nicht charakterlos?" — „Was is los? fragte Auguste und wandte sich nach der Sprecherin. „Ich meine die Judenmarjelle," sagte Philippine und deutete hämisch auf Sarah Goldschmidt, welche ein wenig seitab mit Helene Arm in Arm auf und nieder spazierte, „daß sie nach der Lektion von gestern schon wieder mit uns läuft. Und wie hat sie sich nicht an die Biberstein herangedrängt. Aber ich will ihr besser auszahlen." „Hör' aus, laß sein," mahnte Auguste eindringlich, aber unglücklicherweise hatte Philippine ein nur zu willkommnes Objekt für ihre kriegerischen Gelüste ersehen, langbeinigen Schrittes eilte sie darauf zu, und Auguste vermochte nicht sie zurückzuhalten. „Sie wird wieder etwas anrichten — murmelte Auguste besorgt und sah sich hülserufend nach Dr. Mertens um. Dieser stand bei einem Schaffner, eifrig vertieft und in ein Gespräch über die Einführung des Zonentarifsund andere Zugverspä^ungen. Aus dem Bahnsteig schleppte ein Hausirer, ein jüdischer älterer Mann seinen kleinen Kram. Da war auf einem Tabulet Seife. Kämme, Bürsten, Psefferminzschachteln, Zuckerwaaren, Riechfläschchen, Portemonnaies, kurz die wunderbarsten Dinge lagen da in buntem Allerlei zum Verkaufe aus. Der Mann ging an den Reisenden vorüber und pries ihnen mit lauter Stimme seine Maaren an. Jetzt kam er an Philippine heran, die ihn stellte. „Was soll das kosten?" fragte sie und griff nach ein paar Kleinigkeiten. Der Händler machte seinen Preis. „Pfui," rief sie laut genug, daß es die Umstehenden vernehmen mußten, „schämt Ihr Euch nich so viel für das Juxzeug zu verlangen?" „Des gnädige Fräulein braucht es nicht nehmen," sagte der Mann demüthig in gebrochenem Deutsch. „Werde mich wohl hüten," versetzte das gnädige Fräulein mit einer ziemlich bäurisch kreischenden Stimme. „Da kommt dieses betrügerische polnische Judengesindel hieher...." Weiter kam sie nicht, denn bleich, mit entstelltem Gesicht trat Sarah Goldschmiedt auf sie zu und rief heftig: „Schweig!" „I steh mal," entgegnete Philippine höhnisch, „der Manschet da ist wohl ein Verwandter von Dir?" „Jawohl ist er mein Verwandter sprach" Sarah zorn¬ Serte 671 bebend, „er ist ein Mensch Laß den Mann in Ruh, Du kaufst doch nichts bei ihm." „Gewiß nicht," sagte Philippine spöttisch. Der Herr Hosprediger hat erst neulich auf der Kanzel gesagt, man dürfe bei Euch Juden nichts kaufen. „Hör doch auf," sagte Helene von Biberstein ungeduldig." „Siehst Du nicht, daß die wieder angefangen hat?" begehrt Philippinchen auf. „Aber wer stets mit Juden umgeht wie Du, den steckt der Schwindel an." „Immer die alte Leier," murrte Helene verdrießlich, lößte aber doch ihren Arm von Sarah's Schulter. Sarah achtete dessen kaum. „Gehen Sie," bedeutete sie den Händler. „Und Du Fräulein Hetzsporn laß Dir sagen, es vermögen viel hundert Menschen ohne Dein Wohlwollen auch zu leben." Damit wollte sie den nutzlosen Zank enden, den kleinen Kreis ihrer Mitschülerinnen, der sich hoch aufhorchend dem Wortgefecht um sie und ihre Gegnerin gebildet hatte durchschreiten, da bückte sich Philippine hinter ihr und zischelte ihr wutherfüllt in die Ohren: „Leben werdet Ihr, leider lebt Ihr, Ihr Verdammten. Denn an Eurem Osterfest lebt Ihr von Ehr ftenblut, wie der Herr Hofprediger sagte, und das ganze Jahr auch Ihr Betrüger." Jetzt wandte sich Sarah um. „Nimm das mit Deinem Herrn Hofprediger zusammen/ sprach üe und schlug sie mit der geballten Faust in's Gesicht Ein Schrei aus zwanzig Kehlen. Erschrocken stürzte Dr. Mertens herbei und sah Philippine blutüberströmt, heulend, inmitten ihrer vor Angst und Schreck weinenden Gefährtinnen. Es war wohl einmal in den Sternen beschlossen, an diesem Tage machte die IL b ihren hübschen Schulspaziergang nicht. „Hab ich's nicht gesagt?" schluchzte Lehmanns Gustel betrübt, „Hab ich's nicht gesagt, daß der Kitt nicht hält?" „Ich kann nicht anders helfen," sagte am folgenden Tage die Vorsteherin Fräulein Schmidt zu Dr. Merrevs, der über eine Biertelstunde zu Sarah Goldschniidt's Gunsten gesprochen hatte, „ich muß über dieses Mädchen die Verweisung von der Schule, und sogar eine durch harten Tadel geschürfte Verweisung verhängen. Unmöglich darf in einer Anstalt wie der unsrigen, die durch Bildung, Sitte und Formen einen jahrelang bewährten Ruf genießt, ein so gröblich brutaler Exceß ungeahndet vorübergehn." „Aber Philippine har den Schlag provocirt-hat ihre Gegnerin schändlich gereizt.." „Nicht doch lieber Doktor, das ist keineswegs erwiesen. Ich habe alle unsre Mädchen, welche dem Skandal beiwohnten vernommen," sagte die Vorsteherin kühl, „es entsinnt sich jetzt Keine eine strikte Beleidigung, oder doch nur weniges Gravirendes der Art von Philippinen gehört zu haben. Was aber Alle einstimmig bekunden, ist, daß nach einem höchst unwesentlichen Wortwechsel jene Sarah wie ein Berserker losgeschlagen habe Ich will es dahin gestellt sein lassen wieviel eine doch sehrfragliche Hervorreizung, wieviel persönliche Empfindlichkeit, welche ja eine Eigenthümlichkeit jener Nation sein soll, dazu beigetragen haben, das Mädchen zu einer so haarsträubenden Gewaltthat zu verleiten, meine Pstichc ist es ein Erempel zu statuiren. Auch kommt mir der kleine Aktus sehr gelegen, insofern ich unsrer Anstatt jetzt mit einem erwünschten Vorwände das jüdische Element werde besser ausscheiden können. Also mein bester Doktor, geben Sie das Schützen einer verlorenen Sache Lieber auf. Überhaupt lassen Sie sich sagen, daß ein Protegiren der Juden seit jeher von „Oben" sehr ungnädig vermerkt wird." Bei diesem Erkenntniß der Vorsteherin blieb es. Seufzend ergab sich Dr. Mertens darein, die schimpfliche Ausstoßung seinerbesten Schülerin der Klasse zu verkündigen. Da geschah etwas sehr Unerwartetes und Peinliches. Beim Anhören dieses Urtheils, welches sie von einem Platze schmählich verjagte, den sie^ stets mit Eifer und großem Ehrgeiz behauptet hatte, brach marach ohnmächtig zusammen. Eine große Verwirrung entstand, die Mädchen weinten und der selbst halb zu Tode erschrockene Lehrer hatte alle Mühe, die Kranke in eine Droschke zu bringen und ihren Eltern zu senden. Es war recht ungemüthlich geworden in der sonst so lustigen II b. Wie ein Grsühl dumpfer, unabwälzbarer Schuld O est errrichische Wochenschrift