Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 36 (11.9.1891)
- Date
- 1891-09-11
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 666 Orstrrrrichifchr Wochenschrift. Nr. 36 cegiment avancirt war, beobachtete mit Mädler den Mars von seiner aus eigenen Mitteln erbauten Sternwarte aus, die in der Nähe des heuügen Kroloschen Etablissements lag. Als Resultat derselben erschienen „Physische Beobachtungen des Mars in seiner Erdnähe". Auf die astronomische Thätigkeit Wilhelm B e er's weist die Inschrift auf seinem Grabstein hin, die dem Propheten Jesaias entnommen ist: ,Nunmehr geht Deine Sonne nicht unter, Verdunkelt sich das Gestirn nicht, Denn Gott ist Dir Ein Ewiges Licht Und aufgehört haben für Dich die Tage der Trauer". Meyerbeer starb in Paris; die Leiche war testamentarischer Bestimmung gemäß nach Berlin gebracht worden. Die Grabstätte des dritten berühmt gewordenen Gliedes der Familie, des Dichters Michael Beer, befindet sich in München. Zn diesem Familienbegräbniß kündet eine Inschrift in der Mittelwand' das Gedächtniß des Dichters des „Paria": Sie lautet: „Ihm reicht die Dichtkunst ihre Götterrechte, Schwingt sich mit ihm den ew'gen Sternen zu." Leipzig. (Wieder Einer.) Von der Strafkammer des Leipziger Landgerichts wurde der Schneidermeister Maximilian Schmidt wegen Untteue in ideeller Konkurrenz mit Unterschlagung in drei Fällen zu sieben Monaten Gefängniß verurtheilt. Der Fall verdient um so größere Beachtung, als Schmidt sich hier wiederholl als antisemitischer Agitator aufgespiett und das Geschäftsgebahren seiner israelitischen Konkurrenten mit hoch tönend en sittlichen Phrasen an den Pranger gestellt hat. Und wie sieht es nun mit den Thaten dieses deutschsozialen Worthelden aus? Als Vormund versetzte er zwei seinen beiden Mündeln, Kurt und Lina Zehr, gehörige Sparkassenbücher für 62 Mark und veräußerte dann überdies die Pfandscheine sür 10 Mark. Aber damit nicht genug, erhob er vom Armenamt Leipzig für den Knaben 25 Mark, unter den^ Vorgeben, er müsse ihm ein Bett beschaffen, verwendete aber das Geld zunächst für sich. Auf der Anklagebank wagte er es gar noch, den Entrüsteten zu spielen, machte der Polizei die schlimmsten Vorwürfe darüber, daß sie ihn bedrohtj und eingeschüchtert habe, und will von seinem eigenen Geständniß, daß er das Geld sür sich verwendet habe, nichts mehr wissen. Ausreichende Gründe für seine Handlungsweise weiß er freilich nicht vorzubringen, man müßte chm denn glauben, daß er nur deshalb das Bett sür den Knaben nicht angeschafft, weil... 25 Mark hierzu nicht ausgereicht hätten!! Im Gegentheil stellte es sich heraus, daß Schmidt zur^ Zett der That ganz mittellos war, daß er wiederholt erfolglos ausgepfändet wurde und seine Existenz zum Theil aus der Tasche seines Vaters fristete. Hätte er das unterschlagene Geld nicht wieder zurückerstattet, wozu ihm ein Kellner guthmüthig genug 130 Mark borgte, so wäre die Sttase wohl noch empfindlicher ausgefallen. Haag. (Für die russischen Juden.) Dem Beffpiele Amsterdams folgend, ist nunmehr auch die Haupt- und Residenzstadt Hollands, der Haag, mit einem Aufrufe für die verfolgten russischen Juden an die Qeffentlichleit getteten, der von denjHaager Blättern „Vaderland" und „Dageblad" veröffentlicht wurde. „Herzzerreißend" — so heißt es in diesem Aufrufe — „sind die uns zukommenden Berichte über die Leiden welche die Unglücklichen auszustehen haben. ^Vertrieben von Haus und Hof, aus ihren Wohnsitzen, wo sie lange Jahre rechtschaffen alle Arten von Handwerk und Gewerbe betrieben zusammengedrängt 'an Einzelne Orte, wird ihnen durch solches Vorgehen der russischen Regierung die Möglichkeit benommen, sich und ihre Familien zu erhalten, werden sie der Verzweistung überliefert nnd so zur Auswanderung gedrängt." Das Hilsscomit6, welches bereits seit Monaten im Stillen zu wirken bestrebt war, besteht aus den angesehensten Bürgern Haags und hat, um der einmüthigen Verurtheilung jenes barbarischen Vorgehens Ausdruck zu geben, die hervorragendsten Repräsentanten aller Stände, aller Confessionen, aller poliüschen Parteien und öffentlichen Corporationen^ als Unterzeichner des Aufrufes erwählt. So erscheinen unter den 35 Unterzeichneten an der Spitze als Präsident des Hilfscomit6s der erste Vice- Präsident des obersten Gerichts- und Cassationshofrs, Herr Conin gk - Lifstin'g, al^Vice-Präsident des Comites der Präses der israelischen Cultus gemeinde, Pollak-Daniels, ferner der katholische Pfarrer I. Th. A. H e i l i g e r s, die protestantischen Pastoren Dr. Moll Jbze, Dr. van Gheel Gil^demAster, Dr. Herman de Ridder, Dr. S. d e W a a r d, der reformirte Pastor und Hofprediger Dr. E. van K o c t s v e l d, die Rabbiner Dr. Beerenst e i n und Rodrigues P e r e i r a; der gegenwärüge Staatsminister H e e m s k e r k - A z e, die früheren Minister K a p - peyne van Cap pell o, Mitglied der ersten Kammer und I. G. G l e i ch m a^n n, Mitglied der zweiten Kammer der Generalstaaten; weiters noch die Mitglieder der zweiten Kammer Pijnaker Hordijk und Baron Michiels van Verduijen, letzterer auch Stadttath; die Stadt- und Provincialräthe Hijmans van Wadenojen, I. S eouk Hurgronj e, M. de Bries, der Justiz- Ministerialrath A. T e i x e i r a d e M a t t o s, der Rath des obersten Gerichtshofes A. d e P i n t o; dann noch Schriftsteller, Aerzte, Lehrer, Advocaten, Gewerbetreibende u. s. w. Rom. In Ergänzung unseres früheren Berichtes lassen wir den von BonghH verfaßten Aufruf des italienischen Hilfscomites für die russischen Juden in freier Uebertragung folgen. Die wenigen schlichten und doch so kräftigen, eindringlichen Worte bedürfenkeiner weiteren Erläuterung; sie sprechen zur Genüge für'sich. Eingegeben von dem Geiste reinster, auf einem gewissen unbeugsamen Gerechtigkeitsgefühl sicher begründeter Menschenliebe, getragen von einer wahrhaft vornehmen Gesinnung, die von ihrer idealen Höhe verächtlich auf engherzigen nationalen Uebereifer, beschränkte religiöse Verfolgungssucht und kleinlichen Rassen- und Classenhaß herabblickt, machen die folgenden Zeilen sowohl ihrem Verfasser, als auch den Männern Ehre, die sie zur Bekräftigung bereitwilligst mit unterzeichnet. Die Namen von Klang, die sich hier ein Stelldichein gegeben, beweisen, daß in den obersten Gesellschastsschichten des „jungen Italien" Denk- und Glaubensfteiheit mehr als einen leeren Schall bedeuten. Wenn ein Mann wie Molleschott, den der moderne Materialismus seit Jahrzehnten als einen seiner ersten Stimmführer bettachtet, für russische Juden eintritt, so ist dies das schönste Zeugniß für ihre Vorurtheilslosigkeit, das die freie, aufgeklärte Wissenschaft sich ausstellt. Wollte doch mancher deutsche Gelehrte sich daran ein Beispiel nehmen. „Italiener! Wo immer auch ein Hilferuf vernommen wird, können wir Italiener nicht umhin, ihm ein willig Ohr zu leihen, um durch kräftigen Beistand Schmerzen zu lindern. Welcher Art die Beweggründe der Regierungen sein mögen, wir sehen nur das Unglück, welches ihr Vorgehen verhängnißvoll im Gefolge hat und