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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-09-11 · 36 (11.9.1891) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
36 (11.9.1891)
Date
1891-09-11
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 662 Oesterrrichische Wochenschrift. Nr. 36 tellectuellen Bau von dem „Arier" soweit entfernt, daß er eine andere Gattung oder Untergattung des genus „Mensch" bildet? Wenn sich „semitisches Blut" mit dem Arier oder der Arierin paart, entstehen dann Mulatten oder Mestizen? Kann man die Existenz des Semiten unter uns mit jener des Negers oder des Chinesen unter uns vergleichen? Betrachten wir doch den Semiten und den „reinen Arier", unterscheiden sie sich durch die Farbe der Haut, oder die Bildung des Schädels? Kann man sagen, daß es zwischen ihnen keine Gemeinschaft geben kann, weil der Eine eine krumme, gebogene, der andere eine gerade oder gestülpte Nase hat? Wenn man sich an die mehr oder weniger bestimmten Classificationen der Ethnologen hält, so kann über die Verwandtschaft des Semiten mit dem Arier kein Zweifel bestehen. Ob sie es wollen oder nicht: Arier und Semit sind Brüder — beide gehören der weißen, „kaukasischen" Rasse an, die die Herrschaft der Welt für sich in Anspruch nimmt. Der Jude ist dem Arier naher verwandt, als der stolze Magyar, oder der exclusive. Moscovtte, die beide so gründlich mit finno-türkischem Blute versetzt sind. Und nehmen wir den Geist, das Genie, die intellectuellen Fähigkeiten und Begabungen als Vergleichspunkte an: steht der semitische Jude dem arischen Christen nicht weit näher, als der indische Brahmane, der sich mit der Reinheit seines arischen Blutes brüstet? q- -i- * Da sagt der „Arier": Mag sein, der Jude kann sich uns assimiliren; er will es aber nicht; er sondert sich von uns ab, er schließt sich ab, er bildet noch heute ein Volk im Volke, ein fremdes Element in unserer Mitte, einen Stamul in der Nation, eine Gesellschaft in der Gesellschaft, kurz, der Jude war und ist noch heute exclusiv. Und der Jude dreht den Spies um und sagt: „An Wem liegt die Schuld? Ihr habt uns den Schlüsiel zum Ghetto gegeben, öffnet ihr uns auch freiwillig Eure Thüren? Ihr Deutschen, Franzosen, Slaven, Ungarn u. s. w.: ladet Ihr uns auch an Euren Tisch?" Es ist schwer zu sagen, von wo diese „Exclusivität" ausgcht, ob von den Juden oder dem Christen. Der Jude scheint eher begierig zu sein, sich in die christliche Gesellschaft zu mi'chen, begierig vielleicht, bis zur Zudringlichkeit. Ja, während inan ihin seine Exclusivttät, seine Absonderung vorhält, ihm sagt, daß er sich zu dm Seinigen, zu „seinen Leuten" halte, sich von den Andern entferne: so macht man chm fast gleichzeitig den Vorwurf, daß er sich uns aufzwinge, daß er sich, bon gre, mal gre, in christliche Gesellschaft, in die christliche Welt hineindrängt, daß er die Thüren unserer Kreise, unserer Salons förmlich eindrückt, daß er seine Kinder mit den unserigen in unseren Schulm und Collegien schickt, anstatt sie im „Eheider", in der „Talmud-Thora-Schule" zu lassen, daß er, mit einem Wort, die socialm Schranken überspringt, die wir zwischen ihm und uns aufgerichtet zu haben wähnen. Die Mauern des Ghetto sind gefallen, der Geist des Ghetto lebt aber weiter — auf beiden Seiten des Ghetto-Thores. Woher diese anhaltende, halb unwillkürliche Antipathie? Hat sie keine andere Ursache, als die instructive Erinnerung an die Vorurtheile unserer Vorfahren? Wir glauben nachgewiesen zu habm, daß ein wirklicher Grund hierfür weder ausschließlich in religiösen, noch rein nationalen Motiven zu suchen ist. Es bleibt uns noch die letzte Seite des Antisemitismus, die wirlhschaftliche, als Motto jener eingewurzelten Abneigung zu eiörtern übrig: „Der Jude hat im Verhältniß zu seiner Zahl zuviel von dm Gütern dieser Erde an sich gerissen." Ministerialrath v. Korytowski. Der langjährige Chef des Präsidiums im Fianzministerium, Ministerialrath Witold v. Korytowski, scheidet aus dieser Funktion, nachdem soeben seine Ernennung zum Vicepräsidenten der Finanzlandesdirection in Lemberg, welche Stelle durch die Pensionimng des Baron Jorkasch erledigt war, erfolgt ist. Herr v. Korytowski trat als ganz junger Mann in das Finanzministerium ein, und durch die politischen Verhältnisse war der Baden, auf welchem er sich neben Herrn v. Dunajewski bewegen mußte, ein sehr heißer. Der Finanzminister Dr. v. Dunajewski war in dem großen politischen Kampfe die Zielscheibe der Opposition; Herr v, Korytowski stand als treuer Mitarbeiter neben seinem Amtschef, aber seiner Tüchtigkeit, Objertivität und seinem liebenswürdigen Wesen dankt es Herr v. Korytowski, daß ihn kein Pfeil traf, ja, daß er selbst in der Zeit des erbittertsten Kampfes von den parlamentarischen Gegnern mit Achttmg und Anerkennung behandelt wurde und daß er zahlreiche persönliche Freunde auch auf der Linken gewinnen konnte, welche die ruhige, maßvolle Art Korytowski's, seine guten Formen und sein Entgegenkommen zu würdigen wußten. Herr v. Korytowsky hat, wie man in der Bureaukratie sagt, rasch Carriöre gemacht, aber er hat keine Neider zurückgelassen. Jedermann wußte, daß zu der hohen Stellung, zu welcher Herr v. Korytowski im Laufe von zehn Jahren gelangt war, sein hervorragendes Talent, sein unermüdlicher Fleiß und seine vorzüglichen persönlichen Eigenschaften Alles beigetragen haben, und daß er sich diese seine Stellung durch mühevolle Arbeit errungen hat, welche ihm durch seine Funktionen auferlegt war. Bis in die späte Nacht mußte er jahraus jahrein seinem Chef zur Verfügung stehen, es gab kein Actenstück, welches nicht durch seine Hand lief, keine Entscheidung, zu welcher er nicht durch sein Votum hätte beitragen müssen. Hen' v. Dunajewski schätzte in ihm den klaren Verstand, welchen er mit bureaukratischer Schulung verband, die er genossen hat, denn Herr von Korytowski war ein Bureaukrat im besten Sinne des Wortes, und er hat stets Sinn gezeigt für die österreichische Beamtentradition. Dabei ist er ein Mann von strengster Rechtlichkeit und von peinlichster Gewissenhaftigkeit. Als der Finanzminister Dr. Steinbach ans Ruder kam, b.lieb Herr v. Korytowski in seiner Stellung als Präsidialvorstand und der Finanzminister D.'. v. Steinbach hat damit offenbar zeigen wollen, daß Herr von Korytowski auch unter einem Beamtenminister Dieselbe hohe Stellung auszufüllen vermag, die ihm unter dem parlamentarischen Minister zugewiesen wurde. Nachdem Herr v. Korytowski ein halbes Jahr unter Herrn Dr. St einbach als Präsidialvorstand gewirkt hat, trat vor Kurzem drrrch die Pen-' sionirung des Finanzdirektors von Lemberg, Baron Jorkasch eine Vakanz auf einem hohen Posten im Finanzministerium ein, und es war nur natürlich, daß man den aus Polen stammenden Hofrath Korytowski für diese wichtige Stellung im Lande in Aussicht nahm. Herr v. Korytowski hat nun einen leitenden Posten erhalten, auf welchem er seine große Begabung in demselben Maße wird bewähren können wie bisher. So erfreulich das für ihn ist, so werden doch in Wien viele politische und gesellschaftliche Kreise das Scheiden dieses ausgezeichneten, allgemein beliebten Mannes bedauern. Herr von Korytowski ist ein Mann ohne jegliches Vorurtheil gegen die Juden, er kennt die galizische Judenschaft aus eigener Anschauung, spricht den Jargon als ob er in der chassidischen Klaus erzogen wäre, unterhielt sich selbst im Finanz- Ministerium gern mit jüdischen Bittstellern aus Galizien in deren Sprache, die jedesmalvoller Verwunderung waren, daß der hoh: Herr

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