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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-09-11 · 36 (11.9.1891) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
36 (11.9.1891)
Date
1891-09-11
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 36 Orsterrrichischr Wochenschrift. Sette 661 „unsere Nation". Sie lebten im Andenken Jerusalems. Zion blieb die mystische Hauptstadt des verstreuten Juda; in allen seinen Gebeten verlangte Israel die Wiederherstellung dieses Zion. Es wartete auf die Erfüllung der Versprechungen Gottes und cainpirte als Pilger unter den Völkern, inmitten welcher der Verbannte sein Zelt aufgeschlagen hatte. Kann man aber aus der Vergangenheit auf die Zukunft schließen? Wird der Judaismus immer und überall ein Volk bilden, wie er eine Eultur bildet? Mit anderen Worten: wird der unter christlichen Völkern lebende Jude immer und iiberall ein fremder Eindringling sein, der in ihrem Schooße lebt, ohne sich mit ihnen zu assimiliren? Wenn es wahr ist, daß die Nationalität der Gemeinsamkeit des Glaubens oder der Verwandschaft des Blutes entspringt, dann besteht kein Zweifel, dann wird der Jude niemals Deutscher, Russe, Franzose, Ungar werden, dann wird er immer nur Jude sein. Ist es aber wahr, daß die Nationalität voll der Rasse oder der Religion, von der Einheit des Glaubensbekenntnisses, von der Gemeinsamkeit des Ursprunges abhängt? Was ist eigentlich eine Nation? Die Nation ist das Product der Geschichte; es ist die Gemeinsamkeit der Interessen, der Tradition, der Gefühle und Gesinnungen, die sie schafft und erhält. Die Nation hat gewöhnlich verschiedene Factoren und in mehr als einem Lande ist die Religion einer derselben gewesen — so in Spanien und Rußland; deshalb kann der Spanier und der Russe den Juden niemals als Landsmann an sehen. Diese Verquickung von Religion und Nationalität ist ori.mtalischen Ursprungs, religiöse Unduldsamkeit oder Bedürfnisse der Politik haben diese Idee auch im Westen adoptirt, hier zu Gunsten Roms, dort zu Gunsten der Reformation. In Frankreich, in England, in Holland, in Oesterreich, in Polen, in den Staaten Deutschlands, überall war das der leitenden Gedanke des 16. und 17. Jahrhunder s. Aber weder Louis XIV. noch Wilhelm von Oranien habe.: darin reussirt — weil die morgenländische Idee aus dem Boden des Westens nicht gedeihen konnte. Es ist aber selbstverständl ch, daß in jenen Zeiten, wo ein Engländer kein „Papist" und ein Franzose kein „Hugenott" sein durfte, der Jude nicht Engländer oder Franzose sein konnte In dem größten Staate Europas ist das noch heute der Fall. Dort kettet Gesetz und Gebrauch noch immer die Nationalität an den Glauben. In den Augen der Russen, nach Ansicht der Regierung sowohl wie des rohen Musch'.k, ist nur der wahre Orthodoxe ein wahrer Russe, ist die dreifache Uatertauchung der „pravoslavischen" Taufe die sicherste Gewahr der russischen Nationalität. Deshalb der amtliche Proselitismus der heiligen Synode; deshalb all die Ehicane gegenüber den „dissentirenden Serien" seien sie jetzt Katholiken Juden oder Lutheraner; deshalb werden sie, ob Ehristen oder Nichtchristen, von dem Gesetze osiciell als „fremde Confessionen bezeichnet. Protestant und Katholik werden dort nicht immer viel besser behandelt als der Jude. Das einzige Privilegium des Letzteren besteht nur darin, daß er mehr Abneigung Hervorrust, daß der nationale Gedanke den Juden schwerer drückt, denn der Semite ist doppelt „fremd"; durch die Religion und durch die Rasse. Und um gewisse Vorgänge der jüngsten Zeit richtig und vielleicht auch gerecht zu beurtheilen, muß man sich diesen Gedanken vor Augen halten: was den Juden in Rußland verfolgt, was ihn von dort verjagt, das ist weit weniger eine religiöse, als die nationale Intoleranz, ein engherziger, mißtrauischer, verdachtdurchtränkter Patriotismus, der sich sowohl gegen den Lutheraner in den baltischen Provinzen, gegen den Katholiken Litchauens und des „Weißen Rußland", gegen den unglücklichen Uniaten der Podlachei, gegen den Juden im Westen richtet. Und wenn der russische Patriotismus noch confessionell gefärbt ist, so liegt die Schuld daran an der Geschichte Rußlands. Das große slavische Reich hat sich von seiner orientalischen Vergangenheit noch nicht loszulösen vermocht. Das „heilige Rußland" ist in seiner byzantinischen Tradition treu geblieben und auf die Gefahr hin, sich dreißig bis vierzig Millionen seiner Unterthanen zu entfremden, sucht es seine politische Einheit in der religiösen Einheit. Wie man in Stambul den Turban nehmen müßte, um Türke zu werden, so muß man, um Russe zu werden, durchs orthodore Taufbecken geschwommen sein. Sehen wir uns die modernen Völker Europas und Amerikas an: welche darunter sind es, deren Nationalität auf der Gleichheit und Einheit der Rasse beruht. E^wa England mit seiner Mischung von Bretonen, Sachsen, Dänen, Normanen? Oder Frankreich mit seinen Cimbriern. Galliern, Jberiern, Germanen und Lateinern? Jft's Deutschland, wo das teutonische Blut so stark mit keltischen: und im Osten mit slamschem versetzt ist, daß in so mancher Gegend Deutschlands die Mehrheit der Bevölkerung die blauen Augen, das blonde Haar des alten Germanen verloren hat? Jst's Rußland mit seinem Durcheinander von Scyihen und Sarmaten und Slaven und Tartaren und Finnen, die heute noch kaum russifizirt sind? Oder sind's gar wir Amerikaner, die Ver. Staaten, die seit hundert Jahrm Ansiedler aus allen Winkeln Europas ausgenommen, sie auch assimilirt, und sich mit ihnen wieder verschmolzen haben? Oder sind's die spanisch-amerikanischen Republiken, die eine gan;e Farbenskala erfinden mußten, um die verschiedenen Nuancen zu bezeichnen, die aus der Kreuzung des Europäers mit dem Indianer und den: 'Neger hervorgegangen sind? Alle, Deutsche und Russen, Franzosen, Italiener, Engländer, Spanier, Ungarn, Griechen oder Bulgaren — wir sind „half breed’s", Halbblut, und ob sie sich Germanen, Angel-Sachsen, Lateiner oder Slaven nennen — unter den modernen Nationen sehen wir keinen von reinem, von „Voll-Blut". Zugestanden, sagt man uns; aber Kelten, Lateiner, Germanen, Slaven, die ethnischen Elemente, aus denen sich die modernen Völker zusammensetzen, sind homogene Elemente: Deutsche, Franzosen, Russen, Engländer — sie sind Alle verwaist; sie stammen alle von den Ariern ab, sie gehören der einen großen indo-germanischen Familie an, der edelsten, fortschrittlichste!: unter Allen. Der Jude aber ist ein „Semit". Der Sohn Abraham's, Jfaak's und Jakob's gehört einer heterogenen Rasse an, die mit Instinkten begabt ist, welche mit den unseren ii: schroffem Gegensatz stehen. Zwischen Israel und uns besteht keine Verwandtschaft; der Jude kann sich uns nicht assimiliren, kann den arischen Völkern nicht in Fleisch und Blut übergehen. Wir können hier nicht in prähistorische Studien eintreten, wir wollen nicht die Richtigkeit der Behauptung Professor Huxley's in: „Nineteenth Century" untersuchen, daß nichts uns zu der Annahme berechtigt, als wären Deutsche oder Franzosen wirklich „reine Arier", daß, im Gegentheil, die Nationen, die sich heute damit brüsten, volles, unverfälschtes, indogermanisches Blut in ihren Adern zu führen, vielleicht von dem Höhlenmenschen niedrigsten Blutes abftamiuen. Zwei ethnische Elemente jedoch, zwei Rassen, leben noch heute zugestandenermaßen unter den modernen Nationen, Elemente, die dem arischen Stanrm entschiede!: so fremd sind, wie die semitische Rasse. Sind die Iberer und Ligurier Spaniens, de: Provence und Italiens, die Finnen Ungarns, Finnland's und Rußlands etwa Arier? Stehen sie, die in den 'Nationen ausgegangen sind, dem „Blute" dieser Nation näher, als die Semiten? Und wenn der Iberer und der Finne die arische Eivilisation sich aneignen konnte, warum sollte der Semite dazu weniger im Stande sein? Und was ist schließlich der „Semite"? Eine ethnographische Frage, die zumeist mit einer gewissen naiven Unwissenheit behandelt wird. Wir sprechen von einer semttischen Rasse ohne auch nur bestimmt zu wissen, ob eine solche ethnische Gmppe je in Wirklichkeit bestanden hat. Wir nennen die Juden Semtten, weil die alten Hebräer eine sogenannte semitische Sprache gesprochen haben — aber wie wir Alle wissen, beweist die Sprache nichts bezüglich des Blutes. Ein Volk kann seine Sprache wechseln, ohne deshalb seine Rasse aufzugeben. Sind unsere Neger, die englisch reden, deshalb „arischer" Raste? Sind die Irländer Anglo-Sachsen geworden, weil sie das Englische gelernt haben? Das Wort „Semit" klärt uns nicht über den Ursprung, die Verwandtschaft, das Blut Israels auf. Doch ist der Jude schwarz oder gelb? Ist er durch seinen physischen oder in-

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