Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 36 (11.9.1891)
- Date
- 1891-09-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Stttt 660 Oestrrreichische Wochenschrift. schmelzen den Tod des Erzbischofs bewirkt." (Brower, Antiquitafces Treyir. lib. XI, pag 539.) Hier sieht man, wie das Volk seine eigenen dogmatischen Voraussetzungen und Vorstellungen auf die Juden übertragt. Die durch das ganze Mittelalter gehende Anklage gegen die Juden, sie hätten Hostien erstochen, um Blut daraus zu gewinnen, geht von rein christlichen Voraussetzungen aus, denen innerhalb des Judenthums der allererste Grund gefehlt hat, und doch sind dieser Anklage Tausende und Tausende von Menschen zum Opfer gefallen. Mtt der räthselhaften Beschuldigung des rituellen Mordes ist es auch nicht anders. Nnakvle Leroy-Brsutteu über den Antisemitismus. 17. « Nationalismus und Rassenhaß). „Der Jude ist ein fremdes Element unter uns, ein Element von exotischer Rasse; er hat nichts gemein mit uns, nicht den Glauben, nicht einmal das Blut. Er gefährdet nicht nur die Religion und die traditionellen Grundlagen unserer christlichen Gesellschaften, sondern unsere Nationalität, mit unserer heimischen Cultur und unserm historischen Geist." Das XIX. Jahrhundert wird in der Geschichte der Völker das Jahrhundert der Nationalitäten gewesen sein, wie das XVII]. Jahrhundert das des Kosmopolirismus war. Und dieses Nationalitäts-Gefühl hat Wunder vollbracht, wie wir deren me gesehen, es hat Todte zum Leben erweckt, es hat Gelähmte wieder aufgerichtet. Ueberreizt aber von seinen Triumphen, oder auch von seinen Schmerzen, hat cs sich gegen Menschen von anderem Blute gewandt, gegen den fremden Körper im Fleisch der Nation. L>o hat sich in Deutschland die germanische Exclusivität gegen den „Semiten" erhoben und der Jude, der geglaubt hat, unter dem Schutze der modernen Toleranz in Sicherheit zu sein, er hört jetzt den Ruf: Fort mit Dir! Sticht um Christi und des Kreuzes, sondern um seiner Väter Isaak und Jacob willen. In Deutschland hat sich nach 1870 dieselbe Erscheinung wiederholt, wie nach 1815: das was Graetz die „christliche Deutschthümelei" nennt, hat nach Waterloo gerade so laut gelärmt, wie nach Sedan. Wie 1871, so war 1815 das Echo der Siegesfanfaren das Signal der Judenhetze gewesen. Hep, Hep, ertönte es gehässig vom Rhein bis zur Weichsel gegen den Juden, der es wagte, ein Deutscher sein zu wollen. „Kann das siegreiche Germanenthum sich von Semiten demüthigen, von dem Judaismus unterjochen lassen?" Ein pedantischer, sozusagen wissenschaftlicher Patriotismus entdeckte einen natürlichen Gegensatz zwischen Germanenthum und Judenthum. Sah man nicht aber zu gleicher Zeit, wie zwei ewige Feinde, Germanenthum und Romanismus, einander gegenüberstellen, den neuen Kaiserthron und den uralten Stuhl der Päpste? Und sollte der Deutsche, der kühn und ungeduldigen Stolzes voll, Roms Joch abgeschüttelt hatte, sich jetzt Jertlsalems Herrschaft unterwerfen? Hier bildet der deutsche Antisemitismus das Seitenstück, nicht mehr das Gegenstück des Anticlericalismus und des Culturkampfes. In begreiflichem, natürlichem, berechtigtem Siegesstolz des Deutschen gezeugt, sind Antisemittsmus und Anticlericalismus wie zwei feindliche Zwillingsbrüder zur Welt gekommen, wie Esau und Jacob, die schon im Leib der Mutter mtt einander gerungen haben. „Deutschland den Deutschen!" Das schien in den ersten Jahren die Devise des neuen deutschen Reichs zu sein. Unsere Zeit findet Geschmack an gelehrten Formeln; wir überziehen selbst unsere Antipathien mit einem wissenschaftlichen Lack. So sind die moderne» Theorien über Nassen und Nationalitäten auf die Söhne Ar. 36 Israels ängewendet worden: „Der Jude hüt nicht nur kein germanisches Blut in seinen Adern, er ist nicht einmal „arischen", oder, um es wissenschaftlich auszudrücken „indogermanischen" Ursprungs. Er ist ein Asiate, ein Semit, ein Bruder des Arabers, ein Vetter der Karthager. Er hat keinen Platz unter uns. Seine Gegenwart unter un?, ist eine beständige Drohung für deutschen Geist, für die deutsche Cultur, die Mutter und Nährerin der modernen Civilisation. Seien wir Deutsche! Seien Sie deütsch." Wir finden diese Schlagwörter in einem vor uns liegendem Werke unter dem bezeichnendeit Titel: „Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum vom nichtconsessionellen Standpunkte aus betrachtet." Jener Alarmruf drang mit dem schmetternden Widerklang, den Siegestrompeten der Volksstimme geben, au alle Grenzen des Reiches — und darüber hinaus: nach Oesterreich-Ungarn nach Rußland, selbst in das liberalisirende Frankreich hinein — mit dem Unterschied, daß in Budapest, in Moskau, in Paris und Toul an Stelle des Germanismus, der Magyarismus, der Slaviömus, die „französische Cultur" traten; über.ill ist es die Nationalität, die durch den semitischen Eroberungszug gefährdet erscheint. Dieser Nationalitätentaumel ist übrigens nicht so neu, als man glauben sollte. Unsere Väter haben nicht erst die modernen Theorien über das Ringen der Nassen unb den Eoncurrenzkampf um's Dasein gebraucht, um zu finden, daß der Jude einen Staat im Staate, ein Volk im Volke bildet. Das Spanien der katholischen Könige, aus der Zeit Timene's und der Torquemada's verfolgte in seinen „Judios*1 nicht nur den Israeliten fremden Glaubens, sondern den Leimten fremden Blutes. Wenn cs je eine semitische Gefahr gab, so bestand sie sicherlich für die durch Hie Mauren all Afrika annectirten und durch das Kreuz an Europa wieder angelötheten Spanier. Indem sie den Juden und den Mliselmann vernichteten, versuchten sie instinctiv, sich zu „entsemitisiren", zu „desafrikanisiren Gehen wir aber noch weiter zurück: Der Antisemitismus tritt uns schon in den großen Städten des Alterthums entgegen. In Rom, in Antiochien, in Alexandrien hat sich der griechische und römische Pöbel wiederholt gegen den „Fremden" im Juden, gegen dessen „fremde Sitten", gegen die „fremde Cultur" erhoben. Unser classischer Professor v. Treitschke hat seine classischen Vorgänger gehabt. Schon Juvenal und Tacitus fürchteten die „Verjudung" der alten Gesellschaft, wenn sie von der Sabbathfeier und der Beschneidung sprachen; schon sie fühlten sich erschreckt von der Gefahr, „römische Gebräuche durch mosaische oder hebräische Gesetze verdrängt zu sehen." Und noch weiter zurück: der Antisemitismus, d. h. die nationale Auflehnung gegen den Judaismus, ist älter als die Zerstörung Jerusalems, die Perstreuung Israels; er geht bis auf die babylonische Gefangenschaft, wenn nicht bis zur Knechtschaft in Aegypten zurück. Die Bibel selbst zeigt uns die moderne Bewegung im Buche „Esther", im Pharao des „Exodus". Pastor Stöcker hat seine Schlagworie fertig zubereitet gefunden: „Da sprach Haman zu König Ahasvcrus: Es lebt in allen Provinzen Deines Reiches ein Volk, verstrelit und abgesondert von Deinen Völkern und deren Gesetzen, die verschieden siild von den Gesetzen aller anderen Völker und das die Gesetze des Königs nicht befolgt." Zu jenen Zeiten wurde die.Judenfrage kurzer Hand „gelöst" und Haman fügte hinzu: „Wenn der Körrig es für gut findet, dann schreibe man einen Befehl aus, sie Alle zu vernichten/' (Esther III, 8, 9.) Die Juden haben übrigens ein gutes Gedächtniß; sie feiern bis heute am „Purim- Tage" den Fall Hamanns. * * -i- Fünfundzwanzig Jahrhunderte sind seither vorübergegangen und Haman's Wort ist bis zu einem gewissen Grad noch immer wahr geblieben Wer wollte es bestreiten, daß das in Stücke gerissene Israel diese Jahrtausende hindurch in Wirklichkeit ein Volk inmitten der Völker, das fast einzige Phänomen einer Nation ohne eigenes Land, gebildet hat? Es waren die Juden in erster Linie, die von sich sagten, „unser Volk'