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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-09-11 · 36 (11.9.1891) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
36 (11.9.1891)
Date
1891-09-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 36 Oryrrrrichifchr Wochenschrift. Sette 657 eigenes Ruhmesblatt gesichert, welches erst die Nachgeborenen freier und unbefangener zu würdigen in der Stimmung sein werden. Heute an dem frischen Sargö durchdringt uns blos das schmerzliche Bewußtsein des hohen erlittenen Verlustes, für welchen es dermalen keinen Ersatz gibt. Sind die russischen Juden wirklich Dynamitverschwörer? Von Ignaz Kaufmann (Lojebew). Es ist eine der giftigsten Berläumdnngen, welche rou den Judenfeinden so betriebsam in Umlauf gesetzt wird, die auch im österreichischen Parlament, früher von Türk, letzthin von seinem Gegenfüßler Vasaty, mit großer Dreistigkeit hervorgehoben wurde, daß die Inden Nihilisten und Dynamitverschwörer seien. '3Mt dieser Verläumdnng hat man das Her; des russischen Herrschers gegen die Inden eingenommen, und sie ist umso abscheulicher, als cs ja notorisch ist, daß die Israeliten zu allen Zeiten und überall Stützen des Gesetzes und der Ordnung waren, daß der Mord ihren Grundsätzen, ihren Gefühlen und Ueberlieferungen gleichmäßig fremd seien. Es ist ziemlich leicht eine Verleumdung in die Welt zu setzen und ebenso leicht eine zu widerlegen. Al er Behauptung und Widerlegung sind werthlos, wenn sie nicht von Thatsachen getragen werden. Es sind jedoch niemals Thatsachen angeführt worden, um die fragliche Verleumdung zu beweisen, gleichwohl hat dieselbe enorm an Kraft durch den bemerkenswerthen Vorfall gewonnen, der durch alle europäischen Zeitungen die Runde machte, daß der Zar selbst als Antwort auf die Vorstellung, Milde gegen die unterdrückten Juden walten zu lassen, erklärt habe, daß sie jeden Anspruch auf seine Gnade verloren haben, da sie in jedes Dynamitcomplot verwickelt seien. Wäre die Behauptung wahr, fo würde sie noch immer nicht rechtfertigen, oder auch nur zu beschönigen vermögen, die Verfolgung von Millionen menschlicher Wesen für die Sünden oder Verbrechen einer Haudvoll von Verschwörern. Aber die „Darkest Russin" Nr. 2 vom 14. August ist in der läge zu beweisen, daß die Behauptung jeglicher Grundlage entbehrt. Es ist sprichwörtlich schwer etwas Negatives zu beweisen. Aber die folgende prosaischeAufzählung vonRamen, welche ofsiciellenAuszeichnungen entnommen ist und zwar der Namen solcher, die thatsächlich an den hauptsächlichsten Dynamitverschwörungen betheiligt waren, wird jeden vorurtheilslosen Leser darüber genügend ausklären, daß die von der russischen Presse gegen die Juden geschleuderte und durch die Aeußerungen des Zars bestärkte Anklage vollkommen grundlos ist. Vor Allem wollen wir die allgenieine Statistik befragen. Im Jahre 1880, als der Nihilismus in der Blüthe seiner Thätigkeit stand, stellte die ofjicielle Statistik das Verhältniß der jüdischen politischen Gefangenen und Verbannten zur Gesammtzahl dieser Klasse in Rußland auf 5 Percent fest. Dieses Verhältniß ist, wie ii'an es erwarten must, ein natürliches; denn es entspricht dem Verhältniß der Juden zur Gesammtbevölkerung des Reiches. Nun haben sich niemals die Juden der Gunst der Behörden zu erfreuen gehabt, und da in Rußland Tüll sende auf dloßen Verdacht hin eingekerkert oder in die Verbannung geschickt werden, so würde man selbst ein größeres Verhältniß jüdischer Gefangener als nach dem Verhältniß der Bevölkerung erwartet haben. Wenn wir aber daran gehen, die Namen derer zu prüfen, welche erwiesener Maßen an dem thatsächlichen, greif- und sichtbaren Werke der Dynamitgräuel betheiligt gewesen sind, so ist unsere Sache vollends gesichert. Im Folgenden geben wir die vollkommene, osficielle Liste derjenigen Personen, die an der Ermordung des Kaisers Alexanders II. schuldig befunden wurden, bei denen die Confession eines jeden Einzelnen constatirt ist. 1. Jßliaboff, früher Student der Universität, anerkanntes Haupt der Nihilisten, Mitglied der griechisch-orthodoxen Kirche. 2. Kibaltschitsch, Sohn eines Beamten, Chemiker und Fabrikant der Bomben, die den Kaiser zerstückelten, Mitglied der griech.- orthod. Kirche. 3. Ryssakoff, Student, der die erste Bombe schleuderte, die den Wagen des Kaisers beschädigte, Mitglied der griech.-orthodoren Kirche. . 4. Gri nsvitzl y, Student, der die zweite Bombe schleuderte, die den Kaiser tödtere und ihn selbst tödtlich verwundete, Mitglied de, katholischen Kirche. 5. Sophie Perowskaja, Enkelin eines Ministers außer Dienstr gewesenen Generalgouverneurs von Sibirien, die eine dritte Bombe geworfen zu haben beschuldigt wurde, Mitglied der griechisch-orthodox en Kirche. 6. Michaelofs, erwiesener Maßen an der Fabrikation der Bomben milbetheiligt, Mitglied der griechisch-orthodoxen Kirche. Grinevitzke ist seinen Wunden erlegen; die übrigen fünf Nihilisten wurden am 15. .April 1881 in St. Petersburg ausgehangt. 7. Sab line, im Besitze von Bomben angetroffen, brannte sich bei der Gefangennahme eine Kugel durch den Kops. — Mitglied der griechisch-orthodoxen Kirche. 8. Helfmann, die Lehrerin ron Sabline, deren Todesurtheil zu lebenslänglicher Strafarbeit gemildert wurde, starb 1882 i m K e r k e r, und war eine I ü d i n. 9. S o u k h a n o f f. der Betheiligung an der Dynamitverschwörung schuldig befunden, zu Kronstadt erschossen. Mitglied der griechisch orthodoxen Kirche. 10. Bogdanowitsch, Inhaber des Ladens, der mit der Mine in Verbindung stand, die in der kleinen Sadowastraße enideckt wurde, und die die Bestimmung hatte loszugehen, wenn der Kaiser diesen Weg passirte; zu lebenslänglicher Kerkerhast verurtheilt, Mitglied der griechisch-orthodoxen Kirche. 11. Figner, die geschiedene Gattin eines Beamten, der Betheiligung an der Verschwörung überführt, die den Tod des Kaisers zur Folge hatte; ihr Todesurtheil wurde zu lebenslänglicher Strafarbeit gemildert; Mitglied der griech.-orth. Kirche. 12. Jssaresf, in dessen Hause erwiesener Maßen die Bomben fabrizirt wurden; Mitglied der griech.-orth. Kirche. Von diesen zwölf Verschwörern, welche den beklagenswerihen To> Kaiser Alexander II. bewerkstelligt hatten, war nicht ein einziger ein Jude. Allerdings war eine Jüdin darunter, allein diese scheint nur das Werkzeug in den Händen ihres Liebhabers, eines Mitgliedes der orthodoxen Kirche, gewesen zu sein. Während der sechsundzwanzig Jahre der Regierung des Kaisers Alexander II. wurden sechs Attentate gegen sein Leben versucht: 1. 1866 in St. Petersburg von Karakosoff, einem Griechisch- Orthodoxen. 2. 1867 in Paris von Beresovsky, einem Katholiken. 3. 1879 in St. Petersburg von Solovieff, einem Griechisch- Orthodoxen. 4. 1879 in Alexandrowsk von sechs Verschwörern: Frolenko. Liöbedawa, Kolodkhevitsch, Merkuloff, Kibaltschitsch und Figner, sämmtliche Mitglieder der griech.-orth. Kirche. 5. 1879 bei Moskau, wo eine Mine auf der Eisenbahn an der Stelle losging, wo der Kaiser erwartet wurde. Der Anstifter der Verschwörung war ein gewisser Hartmann, ein Griechisch-Orthodoxer. 6. 1880 in St. Petersburg im Winterpalast von drei Verschwörern Khaltourine, Presniakoff und Jeliaboff/sämmtlich griech.-orth. Das Leben des jetzigen Kaisers war zweimal bereits bedroht gewesen. Das erste Mal auf der Eisenbahn Borki, ein zweites Mal zu St. Petersburg am 13. Mär; 1887. Die beiden Locomotivführer, die nach dem ersten Attentate verschwanden, und die beidem am zweiten Attentate betheiligten Personen, Gäneralosf und Andreiouschkin, waren alle griechisch-orthodox. Unter den hier aufgezählten dreißig Personen, die der Theilnahme an den Mordversuchen gegen den jetzigen Kaiser und dessen Vater überführt wurden, erscheint somit kein einziger Jude und nur eine Jüdin. Dieses Weib, das ihr Leber sglück an die Person eines Mitgliedes der orthodoxen Kirche gekettet hat, kann aber kaum als Mitglied der jüdischen Gemeinschaft betrachtet werden. Sophie Günsburg, die wie jüngst bekannt geworden, vor 6 Monaten in der Festung Cchlüsselburg durch Selbstmord endete, spielte allerdings in der nihilistischen Partei eine große Rolle, war aber eigentlich blos Revolutionärin, keine Dynamitverschwörerin, keine Jüdin, sondern eine in ihrer frühesten Jugend durch Zwang zur griechisch-orthodoxen Kirche „Bekehrte", die mit der begreiflichen Verbitterung im Herzen in ein intimes Verhältniß mtt einem National«

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