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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-09-11 · 36 (11.9.1891) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
36 (11.9.1891)
Date
1891-09-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 656 Oestrrreichifche Wochenschrift Nr. 36. humoristischer Blätter Beanlagung hatte, den ersten Talmudunterricht empfangen. Von diesem Manne, der einen Schluß gestattet auf die geistige Atn.osphäre der Zerkower Judengemeinde in G r ä tz's Jugendzeit, wird erzähll, daß er, als er in ein hübsch angetünchtes Zimmer ttat, die Frage stellte, ob die Stube nicht in Berlin gemalt sei, daß er aus religiösem Bedenken nie in der Postkutsche Platz nahm, sondern hoch oben auf dem Platze neben dem Kutscher nach Posen hineinfuhr, daß er in seiner Zerstreutheit, als er sich von seinem Lager erhob, ganz beruhigt war, weil er wohl alle seine Sachen, aber nicht sich selbst fand, daß er dem Eisenbahnschaffner auftrug mit der Abfahrt des Zuges zu warten, bis er „Minchah" gebetet, daß er einmal im vollen Selbstbewußtsein die Gemeinde mit einer Bottich verglichen habe, er, der Rabbi, sei der Reff, die andern Gemeindegenossen seien die Bretter, solange der Reif die Bretter umfaße sei der Bottich gut, wenn der Reff absalle, so platze der Bottich, so platze auch die Gemeinde, wenn er, der Rabbi, von ihr scheide. Seinen ersten wissenschaftlichen Unterricht erhielt er bei Samson Rafael Hirsch, einem der vornehmsten Wortführer des conservativen Judenthums, dem er seine crste selbstständige größere Arbeit: „Genoticismus und Judenthum" widmete. Im Geiste H i r s ch's waren auch die ersten wissenschaftlichen Versuche des jungen Gelehrten, die scharfe Polemik gegen Abraham Geiger. NachBeendigungseiner Studien lebte Graetz einige Jahre in dem bescheidenen Amte eines Schuldirigenten in Lunden bürg, wo der Plan zu seinem großen Geschichtswerke in ihm reiste, von welchem er mit plankluger Absicht den vierten Band zuerst in Arbeit genommen und fertiggestcllt. Mit dem Manuscript im Koffer zog er nach Berlin und fand hier in Veit einen bereitwilligen Verleger. Als dies Werk im Jahre 1853 in die Qeffentlichkeit ttat, erwies Samson Rafael H i r s ch seinem einstigen Schüler einen letzten großen Dienst. Er wandte wohl einige hundert Druckseiten darauf, das Graetz'sche Buch zu kritisiren, zu vernichten. Der Erfolg stand in ungekehrtem Verhältnisse zu dem Willen und den Absichten Hirsch's; man sagte sich, ein Buch, welches von einer Autorität ersten Ranges mit solchem Aufwand bekämpft wird, muß eine bedeutende Erscheinung sein. Kein Lob der Freunde konnte dem Werke so viel nützen, als der ungeheuere Apparat, es zu verderben. Zwischen Hirsch und Graetz war nunmehr eine Kluft aufgcthan, die nie mehr ganz überbrückt werden konnte; dieser einzige Band „Geschichte" hat ihm das Herz seines conservativen Lehrers entfremdet, aber ihn selber zum Lehrer des künftigen deutschen Rabbinerstandes erhoben. Infolge dieser wiffenschastlichen Leistung wurde Graetz in das Lehrercollegium des neu gegründeten Rabbiner-Seminars zu Breslau berufen, zu welcher Stellung er wie selten ein zweiter qualificirt war, und die es ihm ermöglichte, das begonnene Unternehmen ruhmreich und mit immer steigender Merkennung fortzusetzen und zu vollbringen. Kein literarisches Produkt des neueren Jüdenthums kann sich mit dem Erfolge und den Wirkungen des Graetz'schcn Geschichtswe.kes auch nur annähernd messen, es bedurfte der harmonischen Vereinigung einer großen Summa von Vorzügen und Talente, wie sie eben blos Graetz eigen waren, um ein Geschichtswerk zu schaffen, würdig Gemeingut des jüdischen Volkes zu werden. An der Graetz'schcn Darstellung haftet nichts von dem Staube der Bibliothcten, die der Autor hatte durchwandern, hatte durchlesen müssen, um sein Buch zu schreiben. Man vermeint vielmehr gleichsam den Pulsschlag seines Herzens aus seinem Style herausznhören, man merkt es, er sympathisire mehr mit den Märtyrern, als mit den Henkern, er fesselt die Leser durch die edle Leidenschaft des Vortrages, den Glanz und die Kraft seiner Sprache, er reißt sie hin und begeistert sie. Der Leser erkennt, wie dir Autor die Schicksale bewegen, von denen er berichtet und weil er mit seinem Herzensblute schrieb, hat er die Herzen erregt. Er ist der Geschichtsschreiber Israels, der die Zukunft Israels glaubt. Es ist ein erstaunlicher Erfolg, daß ein zwölsbändiges Werk, welches von vornherein nur auf einen engen Lesekreis rechnen kann, drei Auflagen in wenigen Jahren erlebt; aber weil Graetz trotz einzelner Schwächen der Forschung oder der Auffassung dem jüdischen Bewußtsein einen so deutlichen und so innigen Ausdruck gegeben hat, hat er den gewaltigen und schier. undurchdringlichen Wall der Gleichgiltigkeit durchbrochen, den so viele andere jüdische eligöse Strebungen nicht überwinden können, hat er weil über Deutschland hinaus für die Religion Juda's begeistert und begeisternd gewirkt. Sein Werk ist in's Französische, in's Englische, in's Russische, vor allem in die heilige Sprache Israels über, tragen worden, deren Hoheit von Graetz so hoch gepriesen wird; das Publicum war kein Kctzerrichter, das ihn über dogmatische Fragen examinirte, sondern! achtete nur auf die heiße Liebe für das Judenthum, die aus seinem Werke ausströmte; der Haß, mit dem die Judenfeinde ihn beehrten, haben es nicht hindern können, daß überall in der weiten Welt jüdische Herzen ihm lebhaft entgegenschlagen und bei seiner Anwesenheit in England hat es sich gezeigt, wie sehr sttne großen Verdienste auch dort gewürdigt und gefeiert werden. Graetz hat in den letzten Jahren der Bibelexegese seine Arbeit gewidmet. Er hat die große Masse von bibelexegesischcn Stoffen, die in der talmudischen Literatur vorliegen, die besonders für die Fragen der höheren Kritik so wichtig sind und den christlichen Excgenten nicht zugänglich waren, für die Wissenschaft nutzbar gemacht. So hat er nacheinander das Buch Koheleth, das hohe Lied, die Psalmen herausgegebcn und war im Begriffe eine Bitelausgabe mit emendirten Texte zu veranstalten. Der Werth seiner Leistungen auf diesem Gebiete ist stark controvers und bleibt einer objectiveren Feder zur Würd gnng überlassen. Gehörte Professor H. Graetz zum conservativen oder liberalen Judcnthum? Sowohl die Orthodoxen, wie die Radicalen sind böse mit ihm umgesprungen, haben, und das nicht einmal ohne Grund, ihre scharfen Pfeile gegen ihn gerichtet, das hat nicht gehindert, daß G r a c tz's Ruhm und Ansehen fort und fort gewachsen und schließlich war er der einzige Jude von wahrhaft internationaler Autorität, g kannt und gefeiert über die Grenzen seines Vaterlandes hinaus, dessen Verdienste in England und Frankreich, im russischen Osten und in Nordamerika ebenso neidlos gewürdigt worden, als in seiner deutschen Heimat. Graetz war eine nationaljüdische Figur, voller Ingrimm gegen jenen Schacher, welcher nur um bürgerliche Rechte e nzutauschcn, die jüdische Gesinnung abstreift und die stolzesten nationalen Erinnerungen preisgibt, Er lehrte uns, die Thaten und Leiden der Ahnen würdigen, unsere Vergangenheit lieben und indem er die Geschichte des jüdischen Volkes mit seiner vielbewunderten genialen Darstellungskunst zeichnete, hat er sich selber in der Geschichte ein

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