Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 36 (11.9.1891)
- Date
- 1891-09-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ur. 36. Wien» 11. Keplemtrer 1891 VM. Jahrgang! Centralorgan für die gefammten Interessen des Iudenthums. U -— K. ft. Pofifparrassrnamt Clraringvrrftrtzr Nr. 810.976. Redaction «. Administration: Wirn l. Rothenthurmstrastr 89. -#- Eigenthümer: Reichsralhs-Abgeordneler Dr. Kloch. -- Erscheint jeden Freitag. Man abonnirt bei allen Pvfianstattr» des Inand Auslände«. Bezugspreis: Halbjährig 4 fl, Einzelexeuchlare 35 ka > Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 12 kr. Inhalt: Leitartikel: Professor Tr. H. Graetz.— Lind die russischen ZuderTwirklich Tynamitvecschwörer? — Das Blutritnal des Lt. Gennaro zu Neapel. — Anatole Leroy-Beaulieu über den Antisemitismus. — Ministerialratb v. Korytowsty. — Publicarionen der Wiener israel. Eültnsgemeinde. — (5orrespondenzen: Wien, Stuhlweißenburg, Triest. Leipnik, Myslowitz, Berlin, Leipzig, Haag, Rom. London, Sophia, Drenc. Bukarest. — Vermischtes: Wien, Proßnitz, Kladno, Butschowitz. Budapest, ^teilt, Bemesvar, Preßburg, Raab, Groß-Kikinda, Mährisch-Ostrau, Brüx, Preßburg, Breslau, Düsseldorf, Glatz, Kanitz. Mailand, London, Paris, Odessa, Henderson, Kopenhagen. — Familienblatt: Wochenkalender. — Feuilleton: Ter Herr Hoiprediger hat gesagt. — Literatur: Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. Professor Dr. H. Graetz. Aus München trifft die telegraphische Trauermeldung, daß der berühmte jüdische Geschichtsschreiber, Professor Dr. H. Graetz welcher in der bairischen Hauptstadt zum Besuche, seines an der dortigen Universität docirenden Sohnes weilte, gestern, Montag, Früh gestorben. In ihm erleidet das Judenthum einen Verlust, w e er herber und schwerer kaum gedacht werden kann. Mehr denn ein Menschenalter stand Professor Dr. Graetz in der ersten Reihe jüdischer Geschichtsforscher und Schriftsteller. Sein Name wird gefeiert, wo nur ein gebildeter Jude weilt. Sein großes aus elf Bänden bestehendes Geschichtswerk ist nicht blos ein ruhmvolles Monument von unermüdlichem Fleiße, ausdauernder Arbeitskraft, preiswürdigen Scharfsinnes und Scharfblickes und künstlerischer Sprachvirtuosität, sondern selbst eine geschichtliche T h a t. Er hat durch dasselbe nicht nur für die Bedeutung der Juden in der Eultur- und Literatur - Geschichte siegreich gekämpft, sondern ist auch tapfer und muthig für die Ehre des Judenthums und des jüdischen Namens eingetreten. Er begnügte sich nicht blos zu erzählen, die geschichtlichen Thatsachen zu gruppiren, Geschichtsquellen aufzudecken und zu verwerthen, sondern verstand es, die gefundenen Resultate so darzustellen. daß sie einen Hellen Schimmer über den mächtigen und segensreichen Einfluß des Judenthums und über die Leistungen seiner Bekenner ausgießen. Professor Dr. Graetz hat, indem er seine Feder als Historiker im stolzen Bewußsein von dem Werthe seines Volkes führte, zugleich den Juden selbst erneutes Ehrgefühl eingeflößt, ihren Muth gehoben, ihre Selbstachtung erhöht und dadurch die Treue zum Judenthunr durch wirksame Antriebe befestigt. So hat er, indem er nach Außen hin den nichtjüdischen Gelehrten den tiefften Respekt von der Eulturthätigkeit der Juden und deren geistigen Einwirkungen auf die Völkergeschichte einflößte und sie über den Werth der jüdischen Literatur belehrte, gleichzeitig nach Innen seine Glaubensgenossen zu jener Selbstanerkennung erzöge ', die weit entfernt von anmaßender Selbstüberhebung, für die Würde einergroßen Gesammtheit jederzeit von Wichtigkeit ist. In diesem Lehr- und Erziehungsamt, welches er durch seine „Geschichte der Juden" sein ganzes Leben hindurch mit Eifer und Hingebung versehen hat, gipfelt seine politische und nationale Bedeutung für uns Juden. Damm hat gerade Graetz aus dem gegnerischen Lager die bittersten Angriffe erfahren, dämm richteten sich die Giftpfeile Treitschke's zunächst und in erster Linie gegen den Mann, der durch sein Riesenwerk das Judenchum in unvergänglichem Glanze hat erstrahlen laffen, der die Juden selber gelehrt hat, ihren eigenen Werth zu schätzen, ihre Vergangenheit zu verehren. Aber noch ein anderes unvergängliches Verdienst hat sich Graetz durch seine nahezu 40jährige Lehrtätigkeit am Rabbiner-Seminar zu Breslau erworben. An der Spitze der größten jüdischen Gemeinden in allen Ländern Europas stehen seine Jünger, eine Reihe namhafter Forscher auf dem Gebiete jüdischer Wissenschaft, eine Anzahl hervorragender Gelehrter von hohem Ansehen sind aus seiner Schule hervorgegangen. Neben seinem intimen Freunde Dr. Güdemann, dem Wiener Oberrabbiner, welcher durch sein mehrbändiges Geschichtswerk mit dem Meister um die Palme ringt, sind die Rabbiner nahezu aller Großgemeinden Deutschlands und des Auslandes — in Berlin, München, Königsberg, Leipzig, Dresdm, Danzig, Hannover, Karlsruhe, Stettin, Nümberg, Budapest, Kopenhagen, Florenz, New-2)ork u. s. w., wie die verdienten Lehrer de - ungarischen Rabbiner-Seminars, der Berliner Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums und des „Judith-Montefiore- Eollege" in Ramsgate, seine Schüler. Am 31. October 1817 zu Hions, einem entlegenen Städtchen in der Provinz Posen geboren, hat Gr ätz in dem benachbarten Zerkow bei dem dortigen Rabbiner, der durch seine Schrullen und Schnurren zum unfteiwilligen Mitarbeiter