Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 35 (4.9.1891)
- Date
- 1891-09-04
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 35 Orstrrrrichifchr Wochenschrift. Seite 651 „Also doch. Sie werden gefälligst heut um Eins Ihr Thema" ohne dergleichen Hülssmittel hier vollenden." Auguste'wurde ein klein wenig roth. Doch als echte> Berliner Kind, bereit lieber eine Tracht Prügel ertragen, denn eine solche Nede zu unterdrüeten, antivortct sie gleichmüthig : „Denn heißt's nu, anlreten zum Cotillion ■ ' Dr. Me rte ns fand für gut die kleine Unverbesserliche zu ignoriren. t'r hatte anscheinend mit großem Interesse in einem der vor ihm liegenden, blauen Bücher geblättert, sich Notizen gemacht, und 'sie wieder gestrichen und begegnete jetzt sehr ernstiiaft, säst besorgt dem Blick einer Schülerin, der mtt großer Aufmerksamkeit an dem seinen hing. „S a r a h <^ o l d s eh m i d t, IhrHTarstellung des Geschehenen ist ricbtig, die Neslerlonen, tvelehe ^ie daran knüpfen sind^wie immer dmchdacbt und klar, aber mein Kind, wie kommen Sie/' er harte die Stimme gesenkt, die jetzt in leisem Borwurs erzitterte, „wie kommt eilt junges Müdches zu diesem ungewöhnlichen, ja herausfordernden Schluß?" Sarah's Gesicht harte sich in jäher Rothe verwandelt, sie wollte antivörten, aber mit hastigem „nicht jetzt, nicht hier," entzog ihr Dr. Mertens das Wort. Wieder entstand eine kleine Betvegtlng, ein allgemeines sich Umkehrcn und Gestschel, P h i t i p p i n c S ch m i d t l c i n stieß H e lene voll B i b e r st c i n an ltnd tuschelte ihr ctivas in'S Dhr; Helene crröthete und rückte ostentativ von Sarah Goldschmidt, ihrer Nachbarin hinweg. „Ruhe," gebot Dr. Mertens mit Löwcnstimmc. Darauf nahm der Unterricht seinen gewöhnlichen Verlaus, bis die Frühstückoglocke läutete und der Lehrer das Zimmer verließ. „Helene warum iveinst Du?" Sie rnar ihr nicht ganz leicht geworden, diese Frage, denn Sarah Goldschmidt 'hatte im 'raufe des heutigen Borntittags schon einige sehr unverkennbare Zeichen kränkender Geringschätzung von eben dieser Helene empfangen. Aber noch war Sarah Goldschmidt nicht gewohnt, die über alles geliebte, tlcine Freundin leiden zu sehen und bei diesem Anblick theilnahmlos in's Vccvc zu starren. „Sage doch Vciii, warum weinst Du?" Hastig hob Helene ihr Gesichtchen in die Höhe ihr liebliches Antlitz war ganz entstellt vom Aerger und Zorn. „Du kannst noch fragen, Du Schändliche? Philippine hat ganz Liecht, Du hast mir den dummen Aufsatz absichtlich so gemacht, daß cs Dr. Mertens merken sollte. DaS hat man davon, daß man mit Dir umgeht, Du, Du —.Indending." „Dank vom Hause Habsburg." „Lehmann spare Dir doch Deinen faulen Spott...." Auguste Lehmann war wirtlich eine echte Berliner Spottsinke, aber von Grund aus ein braves rechtschaffnes Herz. Gereizt, wie ein Kampshähnchen stellte sie sich in Positur und begann letzt im unverfälschten Accent der Landsbergerstraße: „Herrsch, von Habsburg bis Du jrade nich, da that ich Dir zu ville. Dat kennen wir allens, die Nogalla's von Rothenstein-Biberstein- Fnrstcnsteiu, die haben en Dalles, der is man noch länger wie ihr Name. Und was Deine werthe Person angeht, meine liebe Lene, da kannst Du Dir och stetig preisen, daß Du ein Billet vorher für's liebe Himmelreich, denn jeistig arm bist Du jerade jenug, daß cs Dich sicher wäre, denn wenn Dir die Goldschmidt nicht von klein auf mit Abschreibenlassen und Borsagen nicht durch die Schule jeschwindelt hätte, denn süßest du jetzt noch bei den Vierkleckern oder gar bei den Fünfern unten. Und hinterher wird's Dich leid sein, wie Du ihr beleidigt hast, denn bis's nächste französische Specimen brauchst Du dcch wieder ihre Vokabeln." „Meine Großmutter sagt immer," mischte sich die lange Philippine ein, „mit Jüdinnen sollte ich nie verkehren." „Akit Christinnen auch nicht," sagte Auguste trocken, denn Dumnchcit steckt an." „Ich begreife Dich nicht Lehmann," schrie Philippine wüthend, „Hast Du vergessen, was die Classe vorhin beschlossen hat? Wir brauchen in einer christlichen Privatschule keine Iudenmädel zu dulden, mag sie doch in ihre Iudenschule geben. Das liest Tu alle Tage in der Kreuzzeitung, und im Parlament hat es auch der Gras Pfeil ausgesprochen, daß die vielen Iudcnkinder in den Schulen die Christen verderben." „Nun sieh mal an Philippinchcn, wie Du Dich das schön behalten hast," lachte Auguste spöttisch, ..all Dein Lebtag habe ich Dir noch keine so lange Rede hersagen hören." „D ich weiß noch mehr," rief Philippine triumphirend. „Am Sonntag war ich im Dom, da hat der Herr Hosprediger gesagt, die Juden sind eine fremde Nation aus deuscher Code." „Mag sein," entgegnete Guste nachdenklich. . Aber wer weiß, wir sitzen vielleicht auch nicht seit Grschassung der Welt hier in Berlin." „Das ist ganz etwas anderes," rief Philippine ärgerlich „und dann hat der Herr Hofprediger gesagt," sie erhör stärker die Stimme, als wäre jedes ihrer Worte ein Peitschenschlag, best nmtl den Nacken der verhaßten kleinen Jüdin zu treffen, die v r ihr stand, „dann hat er gesagt, es ist für jeden sroinmgläubigen deutschen Christen C'stcnpslicht, sich des vertrauteren Umganges mit den Juden streng zu enthalten." C ure Bewegung entstand unter den jungen Zuhörerinnen. „Was hat der Herr Hofprediger gesagt?" „Der Herr Hosprediger hat gesagt...." Gs aing'v n Btti d zu Mund — erdrückt von der Gewalt der Nie.,.reit n agle elbst die ßers opponirendc Auguste nicht mehr der nt t Fauckzen und Froi locken im Kreise umbcrschauenden Gegnerin zu :riccri - ecken. „Ueberhm pt," fragte Phil ppine veräclülich, „was ßehen wir denn noch hicr? Kommt!" Wie eiir Schwarm wilder Guten, der urplötzlich ein fremdes Küchlein in se.nem Weiher entdeckt, flog die ganze Schaar auf und davon. Bald erklang der hinter dem Ctasstnz inn er gelegene Corridor von dem Lachen, den Scherzen, den fröhlichen Ausrufen der Spielenden. Cinen kurzen Augenblick noch erschien Helenen s Kops an der Thür, verschwand aber wie von einer Gummislrippe hinweggezogen. Sarah Goldschmidt war allein in der Classe. Betäubt, wie verzaubert blick:e das junge Mädchen nach der Thür. D sie hatte es wohl gesehen. Heleire, ihre Helene halte sich doch nach ihr umgekeht, aber die Andere hatte sie wie der Stoßhabicht das Täublcin fortgeschlcppt. Ihre Helene! Sie war mit ihr ausgewachsen, mit dem seinen vornehmen Nachbarskinde, nicht ein ^.ag war vergangen, da Ktein-Lenchen nicht ein wenig hinausgckommcn zu Gotdschmidt's um mit Sarah zu spielen. Warum auch nicht? Hclencn's Mutter, die Witwe eines braven, früh verstorbenen Dssicicrs, der ihr leider keinen anderen Ncichthum als das Goldblonde Leuchen und sechs wilde Buben himerlassen, wußte ihre Jüngste „da oben bei den Leuten" in guter Hut. Cs entspann sich ein sriedtich-freundnachbarticher Verkehr zwischen den beiden Familien — man plauderte zusammen aus Treppe und Flur und erwies sich gegenseitig manch kleine Ausmerksamkeit. Sarah's LN alter war entzückt über den seinen Umgang ihres einzigen Töchterleins. Und Sarah liebte die kleine Freundin mit all der Zärtlichkeit eines geschwisterlosen, einsamen Kindes. Dieses zierliche meist weißgekleidete Geschöpf mit dem wallcnke Blondhaar, erschien ihr wie die Puppe Wunderhold des Märchenbuches; und sic theilte mit ihr alles was sie besaß: ihre Spielzeuge, dann ihr Wissen und später ihr junges, empfindsames und liebreiches Herz. Leuchen arbeitete fast nie. Wozu auch? Sarah, deren guter Kopi alle Schwierigkeiten des Unterrichts spielend überwand, verfertigte doch alle schr silichen Ausgaben der kleinen Faulenzerin mit, oder inspirirte sie wenigstens. Helene war nicht herzlos, keineswegs, aber es gefiel ihr sich hätscheln und bewundern zu lassen; und Sarah vergötterte die pretentiöse Kleine, für die zu sorgen ihr gnädigst gestattet ward. Und eben diese ihr über alles theuere Helene, ihre Schülerin, ihre Freundin, ihre Schwester, sie hatte mitgeholsen ihr diesen Schimpf bereiten, sie hatte ihr so weh thirn können, so weh .... Ihre Hände knitterten ein Billet, das man ihr während des