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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-09-04 · 35 (4.9.1891) · page 16

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
35 (4.9.1891)
Date
1891-09-04
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Oesterreichischr Wochenschrift. 9h'. 35 Seite 650 Wochenkalender. Wochen- September 1891 (s 1 ul 5651 Kalender Freitag 4 1 Samstag Sonntag 5 6 2 3 Montag 7 4 Dienstag 8 5 Mittwoch 9 6 Donnerstag 10 7 Freitag 11 8 Feuilleton. Der Herr Hvfprcdiger hat gesagt oder Wie die Alten sungen. (t'ine höhere Töchter Dchulgtschichte aus dem berliner Leben der Jüngstvergangen heit ron (5. Berg.) An Edorn. ('in Jahrtausend schon und länger Dulden wir uns brüderlich, Du. Dn duldest, das? ich arhme, Daß Du rasest, dulde ich. Manchmal nur in dnntlcn Zeiten Ward Dir wunderlich;u Mueh Uno die liebe rommen Ttzchcn Farbrest Du in meinem Blut. Fern wird urrsre Freundschaft scsler Und tagtäglich nimmt sie ui, Denn ich selbst beginn ui rasen Und ich werde säst wie Du. .v> c i n r i cf» H eine. Ich lütte UM Nulle! „Wenn die Klasse nicht unverzüglich aushört zu schwatzen, zu zischeln, zu randalircn, tverde ich den Unterricht schließen, haben Sie gehört? Gleichzeitig wird der für morgen an gesagte gemcinschaslliche Spaziergang nach dem Gruneivald ivcgen ungebührlichen Betragend der II. b sistirt?' Das half. Zwanzig Mädchentöpfc von zwölf bis fünfzehn Jahren fuhren empor und blickten entsetzt nach dein Katheder, zivanzig Rosenmünder, mehr oder weniger anmuthig geformt, klappten zu ltnb strengten sich förmlich an in mustcrgiltigem Schweigen. Unerhört! Den guten, den abgöttisch geliebtesten aller Lehrer, man hatte ihn also erzürnt, so heftig erzürnt, das; er, der stets sich Gleichblcibende, Sanfte, Milde mit einer geradezu niederschmetternden Strafe gedroht hatte. Der plötzlich abgebrochene Untenücht, das mochte noch hingehen; es gab sogar eine geivisse kleine Fraktion, die, angesichts der sehr gefürchteten Diskussion bei der Rückgabe der deutschen Aufsatzhefle den Schluß der Debatte mit stillem Aufathmcn begrüßt hätte. Aber auf den vielbesprochenen, langersehnten, hübschen Ausflug verzichten müssen, auf diese gemeinsame Freude, welche alljährlich ein so host nun goreiches Vorher einen so genußreichen Mittelpunkt und zum Schluß allerlei angenehme Erinnerungen an Sonnenschein, Wald, Wiese, Pfänderspiele, Scherze und Näschereien hiiuerließ, nein, das war zu hart! Und dieser tiefe Schmerz obendrciit gcbrandmarkt mit dem Schandmal des ungebührlichen Betragens. Schrecklich! Die II. b, welch' bereits des Borrechts der „Sie" Anrede genoß, sie verstand sich auf ihre noblesse oblige. Gewiß, man wollte jetzt ohne Unterbrechung in tadelloser Ruhe den Lehrer anhören, nachher in der Frühstückspause fand sich wohl Zeit geiulg die hochwichtigen Angelegenheiten zil erörtern, welche vorher die jungen Damen in so überaus eindringlicher Weise beschäftigt hatte. Nicht ohne stille Befriedigung sah Dr. Mertens den Eindruck seiner Worte und den Strom der Aufmerksamkeit seiner Hörerinnen schläulich bei den Stirnlöckchen erfassend, schritt er eiligst uck rtzw. „Ich beginne, wie gewöhnlich damit, diejenigen Arbeiten herauszugreifen, welche sich theils durch reichen Gedankeninhalt und Fleiß, theils durch ödes Phrasengebimmel und ganz abscheuliche Faulheit ihrer Verfasserinnen mir bemerkbar machten. Letzteren Tadel, und zwar in recht verschärftem Maße ivollte ich hiermit für Sie ausgesprochen haben. Philippine Schmidtlein, stehen Sie auf." Langsam, fast schleppend erhob sich eine lange, hagere, starkknochige Person von etwa sechzehn Jahren, mit großem ungeschlachten vierkantigem )iopf, I das semmelblonde Haar straff angezogen an den Schläf.n, am Hinterhaupt in dürftigen Flechten ein Restlein aufgesteckt. „Borivärts, vorwärts!" schreit der Lehrer. Dr. Mertens sonst die Freundlichkeit und Güte selbst mag Philippine durchaus nicht leiden. Er kennt sie von jeher als ein zanlsüchtiges, unverträgliches Geschöpf. Ihre brutal" Häßlichkeit, dieses plumpe Gesicht mit wasserblauen Augen, welche geist sleer und doch wieder so heimtückisch und hinterlistig ihm entgegenblicken, diese Earrikatur eines jungen Mädchens, das heute schon das giftige böse Weib verspricht, das widert ihn an. Und laut und unfreundlich spricht er: „Philipp ine Lchmi edlein, Ihre sogenannte Arbeit ist die erbäruttichste Dudelei, welche ich jemals das Unglück hatte, zur Eorreetur zu erhalten. Da) allgemeine Thema betitlest sich: Die Bartolomäusiutcht. Wohl die Gräuel dieser Nacht waren schauderhaft, wenn es aber etwa) giebt, das jene Schnndthtten um Ungeheuerliches überragt, so ist es ihr Aussatz üb.r dieselben. Auf die Einzelheiten dieses unerfreulichen Blödsinns einzugehen, hieße Dorn und Disteln Zusammentragen. Ich gebe es aus, Ihnen jemals Etwas beizubringen, Ihre Faulheit ist böswillig, Ihre Dummheit ein integrirender Bestandtheil Ihrer selbst. Setzen Sie sich!" — Wenn Philippine Schmidtlein sich setzte, geschah das nicht so leicht. Wie das Gebälk eines T Hannes ein stürzt, so polterte die Unholdin auf die Schulbank nieder, dabei stieg sie mit ihren langen, ungeschickten Armen gegen den Stücken der vor ihr sitzenden Schülerin, daß die Gemißhandelte erschrocken sich herumwaudte. „Na nu," knurrte Philippinchen, „die weichgebruckene Judenmarjell, wird man ihretwegen sich wohl sitzen dürfen?" Dr. Mertens hatte die kleine Scene mit angesehen und sich im Geheimen gesagt, ob die Natur nicht eine wohlbercchnendc Haushälterin sei, indem sie ein übelmundendes t^etränk in so garstiges Gefäß gegossen. Aber er wollte und konnte sich mit diesem Problem nicht länger aafhalten, weiter, weiter. „Helene von Biberstein." „Hier," antwortete ein feines Silberstimmchen. „Sie haben eine sehr schöne Handschrift, liebe Helene," sagte Dr. Viertens mit munterm Lächeln, das sein gutes, altes (Besicht um Jahrzehnte jünger erscheinen ließ, und mit dieser schlanken eleganten Hand haben Sie sehr sauber all die logischen, formvollendeten Sentenzen nachgeschriebeu, d.e eine andre Ihnen vorgcdacht hatte." „Aber Herr Doktor!" — Helene war nahe daran zu weinen. „Bitte, lassen wir das," wehrte der Lehrer. „Ich weiß sehr wohl, jene Gedanken sind nicht Ihre Gedanken, und geivisse Schlüsse haben Sie niemals auf den Wegen Ihres Geistes gesunden. Wenn das noch einmal vorkommt Sarah Goldschmidt werde ich Sie bestrafen. Nun zu Ihrer Arbeit. Wie gewöhnlich ist Sie eine der Besten der Klasse, ja man möchte sagen, Sie wäre recht gut.". „Das hat sie ja contraktlich —" Niemand kehrte sich um. Sie wußten Alle nur zu gut, wem diese vorlaute übermächtige Stimme angehöre. Ein andres Mal hätte der Lehrer wahrscheinlich mitgelacht, heut aber war ' er wirklich sehr böse. „Wer sprach da? Natürlich Sie, Auguste Lehmann. I, da wollen wir doch gleich..." Er suchte hastig unter den vor ihm liegenden Heften — „so, so A ugu ste Lehmann, das wäre das Ihre. Sie haben die große Ausgabe des Brockhaus zu Haus?" „Nee, s'ist der schöne Meyer.. 9Sf

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