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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-09-04 · 35 (4.9.1891) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
35 (4.9.1891)
Date
1891-09-04
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 35 Oeyen^i tzifchr Wochenschrift Seite 645 iuni deren Aufblühen er sich ebenfalls Verdienste erworben hat. Trotz der Sabbathruhe trat am 29. d. M. Vormittags um 11 Uhr der Pester israel. Gemeindevorstand unter Vorsitz des - Präsidenten und Reichsrathsabgeordneten Moritz Wahrmann zu einer außerordentlichen Sitzung zusammen. Der Gegenstand der Beralhung war, die Veranstaltung zu einer würdigen Leichenfeier für Fried mann zu treffen. Das L eichend egangniß hat Montag unter außerordentlicher Theilnahme stattgefunden. Um halb 10 Uhr wurde der Leichnam vom Trauet Hause, Elisabethring Nr. 7, vor den israelitischen Tempel in der Tabakgaffe überführt, wo bereits eine nach Tausenden zählende Menge harrte. Das Tempelgitter, sowie die Kandelaber vor dem Tempel waren mit Flor umhüllt, von den Thürmen wehten Trauerfahnen. Das Gedränge war so groß, daß die Ordnung nur mit größter Mühe aufrecht?rhalten werden konnte. Polizeirath Baron Splenyi schwebte selbst einen Augenblick \n Gefahr, erdrückt zu werden, als er Ordnung machen wollte. Erst später langte polizeilicher Sukkurs an. Als der Sarg in den Tempelhof gettagen wurde, kam es zu überaus lärmenden Szenen, und nur schwer konnte die Ruhe hergestellt werden. Der Trauercermonie wohnten das Präsidium und der Beamtenxörper der Pester isr. Gemeinde mit dem Reichstagsabgeordneten Moriz Wahrmann an der Spitze, Deputationen der isr. Gemeinde von Ofen und Altofen, der Prosefforenkörper des Landes-Rabbinenseminars, der israelitische Kultusbeamtenverein korporativ, zahlreiche humanitäre Vereine, deren Ehrenmitglied der Verblichene war, mit ihren Fahnen rc., ferner Vieebürgermeister Gerloczy, Deputationen aus der Provinz bei. Die Trauercermonie begann mit einem stimmungsvollen Choral, vorgettagen vom Tempelchor, unter Leitung des Kantors Professor Schuschny; dann hielt Prediger Dr. Samuel K o h n eine stimmungsvolle ungarische Rede, in welcher er den Verlust der die Pester israel. Gemeinde und die Verdienste, die der Verblichene sich um Gemeinde und Tempelgesang erworben, in schwungvollen Worten schilderte. Wieder wurde ein Trauerchoral angestimmt, worauf der Sarg auf den Leichenwagen gehoben nnd, gefolgt von einer tausendköpfigen Menge, nach dem isr. Friedhofe an der Kerepeserstraße überführt wurde. Hier wurden die üblichen Todtengebete gesprochen, sodann widmete Prediger Dr. Kayserling dem Hingeschiedenen in deuffcher Sprache ergreifende Worte des Abschieds. Jetzt erst wurde der Sarg in die Gruft versenkt. Karlsbad. (Vom Baron Hirsch.) Einer der in letzter Zeit meistgenannten Beschützer seiner Glaubensgenossen, Baron Hirsch, weilt gegenwärtig mit Frau und zwei Kindern in der Pension Königs-Villa; in der Kurliste ist er als Gutsbesitzer aus Paris eingettagen. Ein Depuürter des italienischen Parlaments, der Marchese Raphael Cappelli, gehört allmorgentlich zu dem Frühstückstisch des Barons in dem schön gelegenen Jägerhause Carl IV., dem beliebtesten Erholungsaufenthalt der Kurgäste, vor Allem des englischen Viertels. Baron Hirsch ist die Einfachheit in Person; er hat ein sehr, gut wohl wollendes Gesicht, er ist von übermittler Größe, sein schwache Haupthaar ist im Ergrauen, dagegen ziert sein scharfgeschnittenes nicht eigentlich jüdisches Profil ein starker, schwarzer Schnurrbart, der ihm sehr gltt steht. Er kommt und geht mit einem kleinen weißen Bologneser Hündchen, daß er auf dem Arm trägt und das, wie man wissen will, ein Andenken an seinen verstorbenen Sohn ist. Wenn an dem Frühstückstisch deutsch gesprochen wird, geht es gewöhnlich von ihm aus; die klebrigen sprechen zumeist englisch, doch springt die Unterhaltung auch oft ins Französische um; er scheint alle drei Sprachen gleichmäßig zu beherrschen. Die zwei Kinder gelten für adoptirt und dürften englischen Ursprungs sein. Der Knabe hat das Aussehen eines elfjährigen, das junge Mädchen ist vielleicht 16 — 17. Unter allen Kurgästen ist es wohl, seiner Kleidung nach das unansehnlichste: es trägt eine Art dunkles Bergsteigekostüm und bedient sich beim Marschiren nach dem Brunnentrinken eines derben Stockes. Geras im Watdviertel. Dieser Tage spielte sich vor dem hiesigen Bezirksgerichte eine Gerichtsverhandlung ab,, deren unfreiwilliger Held eine in Wien zieinlich. bekannte Persönlichkeit, ein Intimus Georg Schönere r's, Herr Franz Xaver Kießling, Turmvart des Ersten Wiener Turnvereines, war. Herr Kießling hat seit einigen Jahren die benachbarte Stadt Drosendors zu seiner Sommerfrische erkoren und daselbst eine äußerst rege Thätigkeit als antisemitischer Agitator entfaltet. Der einzige Jude, der seit achtzehn Jahren daselbst ansässig war, ein allgemein geachteter Kaufmann, mußte anläßlich der gegen ihn inszenirten Hetze die Stadt verlassen, ebenso ein k. k. Hauptmann, der daselbst die Sommerfrische genoß und beleidigt wurde, weil er sich offen gegen den Antisemitismus ausgesprochen hatte. Gegen den dortigen Stadtarzt Dr. Josef Knoll wurde ein Pamphlet verbreitet, weil er das Verbrechen begangen hatte, der einzigen daselbst znr Sommerfrische weilenden Israelitin, einem Fräulein Rosenstengel aus Wien, ärztlichen Beistand zu leisten. Mit der Zeit wurde den Drosendorier Bürgern diese antisemitifche Hetze unheimlich und in öffentlicher GemeinderathS- Sitzung am 24. Jänner 1891 wurde der Beschuß gefaßt, daß Herr Franz Xaver Kießling in einem höflichen Schreib ejn ersucht werden möge, die Stadt Drosendors nicht mehr als zeitweiliges Domizil zu wählen. Dieser bemerkenswerthe Gemeinderathsbeschluß wurde Herrn Kießling mittelst nachfolgenden Decretes bekanntgegeben: Seiner Wohlgeboren Herrn Franz Xaver Kießling, Ingenieur und Techniker in Wien, V., Franzengafse 15. Bei j der am 24. Jänner 1891 hier abgehattenen Sitzung der hiesigen Gemeindevertretung wurde mit 7 gegen 2 Stimmen beschlossen, Sie freundlich 1 zu ersuchen, daß Sie im Interesse des Friedens in hiesiger Gemeinde Ihr Domizil in Drosendorf aus das Minimalste beschränken wollen. Bürgermeisteramt Stadt Drosendorf, am 17. Februar 1891s H o h l b a u m , Bürgermeister. In einem „Wien, 20. Hornung 1891" datirten vier Seiten langen Schreiben an die Gemeindevertretung erklärte Herr Kießling, daß er diese Zuschrift nicht anerkenne. Unter den Gründen hiesür führte er an, daß er seinen Namen anders schreibe, als in der Z u s ch ri s t ersichtlich gemacht ist, er schreibe seinen Namen mit „ß" und nicht mit „s", er brauch: deshalb diese „Verbannung" nicht auf sich zu beziehen. Thatsächlich erschien auch, zum größten Befremden der Drosendoriec, Herr Kießling vor mehreren Wochen daselbst abermals zu längerem Aufenthalte, obwohl dieser Afsaire mit der Gemeindevertretung eine andere bezirksgerichtliche Ehrenafsaire folgte. In jener Gemeinderathssitzung, in welcher seine „Verbannung" beschaffen worden war, äußerte sich nämlich der Gemeinderath und Stadtarzt Dr. Joses Knoll, „Herr Kießling sei ein charakterloser Mensch ohne Ehre". Herr Kießling, dem diese öffentliche Aeußerung hinterbracht wurde, bemühte sich vergeblich sogar durch zwei an die Frau des Arztes gerichtete Briefe, Herrn Dr. Knoll;um Wiederruf dieser Aeußerung zu bewegen und so überreichte er schließlich gegen den Letzteren die Ehrenbeleidigungsklage beim Bezirksgerichte Geras. Bei dieser Verhandlung erklärte sich Herr Kießling bereit, von der Anklage zurückzutreten, wenn Dr. Knoll die Erklärung abgibt, diese Aeußerung nicht absichtlich gethan zu haben und dieselbe bedauere.

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