Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 35 (4.9.1891)
- Date
- 1891-09-04
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3020847-3020883--00668-3024669- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 644 Oesterrrichifche Wochenschrift. 9i'r. 35 gen antisemitischen Witzen, die offenbar dm w:rchoollen Beweis liefern sollten, daß in seinen Adern kein Tropfen semitischen Blutes fließt. Dr. Porzer hat vielleicht seine Zuhörer überzeugt, daß er sehr gute antisemitische Witze machen kann, seine nichtantisemitische Vergangenheit wird er nicht so weit vergessen machen, daß man nicht mehr weiß, wie sehr er seine Vorfahren mit dem Ausdrucke „Judenbuben" trifft. Dr. Porzer bekämpft vor Allem die seinerzeit in Graz aufgestellte Behauptung, als verzichte f-ber katholische Shulverein in Folge der inscenirten Selbsthilfe auf die mit allen Mitteln auch fernerhin zu erstrebende Staatshilfe, um im weiteren Verlaufe der Rede auf die Gründe zu kommen, welche es seiner Ansicht nach christlichen Eltern wünschenswerth machen müssen, die christliche Schule anzustreben. „Unsere Kinder sollen nicht gezwungen sein, einiger Iudenbuben wegen, ihr christliches Schulgebet zu unteclaffen", und dann führt ec als einen der weiteren Gründe für die confeffionelle Trennung der Jugend noch an, daß man die christlichen Kinder vor gewissen Raceunarten ihrer semitischen Allersgenossen schützen müsse. Nach Dr. Por,zer sprach Professor Josef Gratl zum Thema: „Warum brauchen wir katholische Lehrerseminare?" In seinen Ausführungen machte der Redner die Lehrer der Neuschule geradezu dafür verantwortlich, daß der Abgeordnete Kaltenegger anläßlich seiner so humorvollen letzten Rede im Reichrathe allgemein ausgelacht wurde. Von den im zu eröffnenden katholischen Lehrerseminare künftig hcranzubildenden Lehrern erhofft der Redner, daß sie die kommenden Generationen in einer Weise erziehen werden, daß solche unfromme Hellerkeitsausbrüche nicht mehr Vorkommen. Mit einer Lobhymne auf die bereits bestehenden Vereinsschulen schloß auch dieser Redner wie sein Vorgänger seinm Speech. Budapest. (Obercantor Professor Moriz Friedmann.) Nach langem schweren Leiden ist heute Morgens der Obercantor der Pester israelitischen Cultusgemeinde Professor Moriz Friedmann im Alter von 68 Jahren gestorben. Mehr als ein Menschenalter hindurch stand der Verblichene im Dienste der größten israelitischen Gemeinde des Landes. Von seltenem Pflichteifer erfüllt, ein glühender Patriot, war Friedmann eine Zierde seines Standes, der Stolz seiner Gemeinde, die chn am 23. Juni 1857 einhellig zum Obercantor gewählt hatte. — Seit fast einem einem Jahre an einen chronischen Nebel laborirend, hatte Friedmann in Gleichenberg Linderung gesucht. Von dort zurückgekehrt, verschlimmere sich sein Leiden und heute Morgens trat die längst befürchtete Katastrophe ein. Er hinterläßt eine Witwe, die Schwester des Componisten Goldmark, und vier Kinder. Aus dem Lebenslauf Friedmann's theilen wir folgende Daten mit: „Friedmann wurde am 7. März 1613 zu Hrabücz im Zemplmer Comitat geboren. Als Kind zum Talmudstudium angehalten, überraschte er durch seine klangvolle Stimme und brachte es zuwege, daß er schon in seinem 12. Jahre zum Vorbeten in der Synagoge zugelassen wurde. Später besuchte er mehrere Jeschiboth vorzüglich die zu Papa, wo er das Talmudstudium eifrigst fortsetzte und auch auf die Kenntnisse der isr. Grammatik sich verlegte, die ihm wie er uns öfters erzählte eine neue Welt auf dem Gebiete des synagogalen Gesanges erschlossen. Nach langen Wanderungen in allen Gegenden Ungarns, fand er endlich im Jahre 1844 bei dem Cantor zu D. Kreuz, Rubin Goldmark, dem Vater des aus dem 18l3er Jahre bekannten Dr. Goldmark und des berühmten Componisten Karl Goldmark, eine dauernde Anstellung. Er blieb daselbst durch 4 Jahre als Synagogeusänger, zweiter Cantor und Lehrer. 1848 erhielt er in Oedenburg die Stelle des Cantors und Religionslehrers. Er behielt die Aemter nicht lange, denn er schloß sich den HonvZd an und machte den Landsturm gegen Jelacsics mit. Hierauf ging er nach Wien, wo er 14/2 Jahre an der Seite Proffeffor Sulzer's als Tempelsänzer fungirte. 1850 ward er Cantor, Lehrer und Secretär in Fünfhaus bei Wien. 1857 wurde er als Cantor für die neue Synagoge in der Leopoldstadt in Wien acceptirt, er trat dieses Amt jedoch nicht an, weil ihn die Pester isr. Religionsgemeinde am 23. Juni 1857 zum Obercantor der großen Synagoge in der Tabakgasse ernannte und er diese Ernennung den Vorzug gab. Friedmannd, ein Schwager Karl Goldmark's, hat auch als Componist von Tempelgesängen Hervorragendes geleistet. Er hat ungefähr 70 Stücke componirt, die alle sich des größten Beifalls erfreuten. Seine Tempellieder „Izraelita valläsos enekek*, ein Heft, das 23 Nummern enthält und als Gesangsbuch in den meisten isr. Gemeinden Ungarns eingeführt ist, hat zwei Auflagen erlebt. Zu den Feierlichkeiten in der hiesigen großen Synagoge aus Anlaß der Wiederherstellung der ungarischen Verfassung, der Krönung des apostolischen Königs, der glücklichen Entbindung der Königin in Ofen, der Emanzipation der ungarischen Juden, der silbernen Hochzeit Sr. Majestät Franz Josef I., der Vermählung des Kronprinzen Rud olf, des Requiems für den Baron Eötvös, des Requiems für Sr. Majestät Ferdinand den Gütigen, und anläßlich anderer festlicher Gelegenheiten gab er stets passende Compositionen heraus 'und das Erträgniß derselben, etwa 1100 fl., hat er den Nothleidenocn des Alföld, dem Honvedasyl, dem Eötvössond, den Ofner Verunglückten, der Stadt Szegedin, dem Rothen-Kreuz und mehreren hiesigen Humanitätsvereinen zugewendet. Ihre Majestäten der König und Königin haben mehrere Compositonen Friedmann's angenommen und ihm hierfür die allerhöchste Anerkennung aussprechen lassen. Anläßlich des am 13. November 1875 stattgehabten Jubiläums als Cantor verlieh der König dem Jubilar das goldene Verdienftkreuz. Zehn Jahre später, am 13. Jänner 1883, beging Friedmann das Jubiläum seiner 25jährigen Amtsthätigkeit a s Pester Obercantor. Was den Werth seiner Composition n betrifft, lassen wir hier einen Ausspruch Lizt's folgen: „Während meines Aufenthaltes zu Pest — so äußerte sich Liszt — lernte ich Herrn Moriz Friedmann, den Obercantor am israelitischen Tempel daselbst, kennen. Er zeigte mir mehrere Kompositionen mit hebräischen und ungarischen Texten und sang mir einige vor. Die Kompositionen bekunden in melodischer und harmonischen Beziehung viel Erfindungsgabe, musikalische Gewandtheit und geläuterten Geschmack." Mit Restript vom 12. Jänner 1879, Zahl 5286 wurde Friedmann vom Kultusminister Trefort zum Gesangsprosessor an der königlich ungarischen Landes- Rabbinerschule ernannt, wo er durch ein Dezennium Anerkennenswerthes leistete. Im Jahre 1882 gründete er den „Ung. isr. Kultusbeamten-Verein", dessen Präsident er war. Friedmann war auch literarisch thätig, er schrieb für jüdische Wochenschriften fachgemäß und gediegene Artikel und war in den letzten Jahren der Redacteur der „Ung. isr. Kultusbeamten- Zeitung". Friedmann war ordentliches, unterstützendes und Ehrenmitglied fast aller hiesigen isr. Wohlthätigkeits-Vereine,