Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 35 (4.9.1891)
- Date
- 1891-09-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 35 Vestrrreichische Wochrnschrist. Seite 643 erfahren, wer der Mann ist, welcher Ihnen wirksame Freundschaftsdienste und in so hochherzigem, nachsichtigem Geiste erweist." Die römischen Juden und der Peterspfcnnig. Wenn man den Juden ungestraft Alles nachsagen darf, warum sotten sie nicht auch an dem Krach schuld sein, der den Peterspfennig betroffen? Tie Sache ist zwar eher komisch als tragisch, aber die Antisemiten verstehen das Alles ihren Lesern beizubringen. Das „Bayerische V ater k and" bringt in Nr. 147 vom 4. d. M. einen Aussatz über „Römische Zustände", der wohl verdient, in weiteren Kreisen bekannt zu werden. Ta heißt es: „Neuitakiens Zustände sind allbekannt. Ter Wohlstand des Landes ist in unheilbarem Rückgänge begriffen, der Steuerdruck unerträglich, die staatlichen Finanzen schließen jedes Jahr mit einem Defizit, welches immer im Wachsen begriffen ist. Schatzmeister ist ein Jude tzLuzzati), womit so ziemlich Alles gesagt sein dürfte. Aber auch im Vatikan mehren sich die traurigen Erscheinungen. Auch der Schatz der Kirche, der unter Pius IX. angesammelte Peterspfcnnig, ist größtenrheils dahin, Ov hat nicht den Zwecken der Kirche gedient, sondern die Juden bereichert. Ter Sachverhalt ist folgender: Vorstand der Verwaltung (ca. 30 Millionen) des Peterspfennigs war ein Mitglied des hohen Adels in Rom, ein Monsignore Folchi, Markgraf in Rom. Tiefer Marchese Fo'chi hat dem römischen Hochadel Millionen zur Specnlation gegeben; diese Millionen sind heute zerronnen, nicht einmal Hypotheken wurden dafür genommen, sondern nur das Ehrenwort von Kavalieren. Was bedeutet aber das Ehrenwort von Kavalieren, welche in Judenhänden sinv? Einfach nichts. Uitd so sind die Millionen des Peterspsennigs verloren. Tasür sind die römischen Juden auf bequeme Manier Millionäre geworden! Wie hat man nach den Berichten aus Rom Jahrzehnte hindurch die Roth des Papstes geschildert! Wie hat man von dem ärmsten Bauer, von Leuten, welchen jeder Pfennig ein Verlust war, die Groschen eingetrieben, um sie als Peterspfcnnig nach Rom zu schicken! Und jetzt?' Jetzt hat ein hochadeliger Monsignore das Geld, welches in Pfennigen und Groschen von den Aermsten znsammengebracht wurde, in Millionen den Juden in die Tasche gesteckt! Ist da nicht die Frage am Platze, ob man die Sammlung von Peterspfennigen nach solchen Mißbräuchen noch länger dulden soll? Monsignore Folchi ist in Ungnade, aber er ersetzt keinen Pfennig." Soweit das biedere „Vaterland." Wer die römischen Verhältnisse kennt, im Besonderen die große Armuth der römischen Juden, dem werden diese Ausführungen nur ein Lächeln abgewinnen können. Ein russischer Jude. Soeben wird bekannt, daß den 14. d. M. der 97jährige Generaladjutant Graf Aleran der Grigorowitsch Siroganofs, der gewesene Nenrussische General-Gouverneur in Odessa, verschieden ist. Die Juden haben zu jeder Zeit ein dankbares Andenken für Diejenigen gehabt, die ihnen Wohlthaten erwiesen haben. Und ein solcher edler, humaner Alaun in des Wortes schönster Bedeutung war der Verewigte. Vor einer Reihe von Jahren an die Spitze von Neurußland und Beßarabien gestellt, entwickelte der Heimgegangene Graf Stroganoff eine seltene Thätigkeit zum Wohle der Provinzen, die seiner Verwaltung übergeben worden waren. Nach der Thronbesteigung des Kaisers Aleranders II., des Wohlthäters der Juden, war es Graf Stroganoff, der ein Memoire über die Juden überreichte. In dieser Denkschrift plädirte er für die Sache unserer Glaubensgenossen von dem Gesichtspunkt des Staatsmannes und russischen Patrioten. Er weist darin nach, daß es im Interesse des Landes ist, ihre Rechte nicht nur zu schmälern, sondern im Gegentheil ihnen alle Rechte;n geben. Sein einziger Freund war durch viele Jahre ein — Jude, Herr M. Ter „Grashdanin", das Organ des bekannten, nichts weniger als judensreundlichen Fürsten Meschtschersky, entwirft folgende Charakteristik Ai.'s und seiner Beziehungen zu Stroganoff: Herr Ai. war ein Jude, der nicht nur in Odessa von Jedermann geliebt und geachtet wurde, sondern so, daß die ganze Menschheit, besonders in unserem Zeitalter auf ihn stolz sein könnte. Zur Zeit, als noch Graf Lüders Oberkommandirender in Odessa war, also während des Krimkrieges, bot Graf Lüders dem M., den er persönlich kennen und schätzen gelernt hatte, eine Lieferung für das Militär an. Ai. lehnte dieselbe aber kurz ab und erklärte, daß er diese Art der Geschäfte nicht kenne und es daher für unehrlich halte, ein solches Geschäft zn übernehmen. „Sie können doch aber dabei eine Million verdienen." „Ich brauche sie nicht," antwortete M. Die Lieferung erhielt ein Anderer, der auch die Million verdiente. M. war anfangs in einem der Südhäfen Agent einer Tampsergeskllschafi. sparte sich ein Kapital von 60.000 Rubel und zog sich dann, bereits hochbejahrt, nach Odessa zurück, wo er das Geld bei einem Bankier deponirre. Hier wurde nun Ai. zufällig mit dem Grasen Stroganoff bekannt, bald befreundeten sie sich und schließlich sahen sie sich jeden Tag. Kurz vor dem Tode Slroganofss ereilte seinem jüdischen Freund ein großes Aiißgeschick. Ter 75jährige Greis verlor durch Insolvenz seines Bankiers^ sein ganzes Kapital und wurde zum Bettler. Allein der greise Jude hielt den Schlag heldenmüthig aus, weder seine gute Laune, noch sein Humor verließen ihn. Eines Morgens erscheint Graf Stroganoff, der vonZdem Unglücke gehört harte, und fragte ihn so leicht hin, warum er so niedergeschlagen sei. — „Ich weiß nichts davon," sagte Ai. — „ich bin derselbe, der ich war." Ter Graf wollte von ihm eine Mitrheilnng über das Unglück herauslocken und versuchte es auf verfchiedenen Umwegen' allein M. ließ kein Wölkchen darüber fallen. Ta nimmt Graf Stroganoff ein Packet aus seiner Tasche und legte es auf den Tisch. „Was wollen Sie sich vor mir verstellen," sagte er zu dem Juden, „Sie haben Ihr ganzes Vermögen verloren, ich weiß es: nehmen Sie, bitte, diese 60.000 Rubel von mir an: in Ihren Jahren ist cs schwer, sich an die Armuth zu gewöhnen." „Graf," entgegnete Ai., „wir sind mit einander viele Jahre befreundet gewesen; wie lange wir es noch sein werden, kann ich nicht wissen; allein, soviel ich auch ucch zu leben habe, ich will nicht, daß Jemand sagen oder denken könnte, daß Sie die Freundschaft mir mit diesem Gelde bezahlt hätten . . . 'Rehmen Sie' das Geld wieder fort." Der Graf stolz auf sich und seinen Freund, begriff, daß sein Freund Recht halte und nahm das Geld mit einer Entschuldigung zurück. — Bald darauf erhielt Herr Ai. in Odessa eine Anstellung, die ihm ein sorgenloses Leben gestaltete.Tas war also der letzte und einzige Freund des verstorbenen Grafen Stroganoff. Wien. Der den russischen Juden gemachte Vorwurf, daß dieselben an den Dynamit-Verschwörungen beiheiligt waren, findet seine gründlichste Widerlegung in folgenden statistischen Angaben, welche wir einem längeren Artikel aus Nr. 3 des in London erscheinenden „Dartest Russia" entnehmen: Bei der Ermordung des Kaisers Alexander II. waren 12 namhaft angeführte Personen betheiligt, von denen 10 der griechisch-orthodoxen und eine der katholischen Kirche angehörten. 9 von diesen waren männlichen und 2 weiblichen Geschlechts; außerdem zählte zu denselben eine Jüdin, welche nur das Werkzeug ihres Liebhabers — eines orthodoxen Geistlichen — gewesen zu sein scheint. Während der 26 Regierungsjahre Alexander II. wurden 6 Attentate auf sein Leben unternommen. Von den Attentätern gehörten 12 zur griechisch-orthodoxen und 1 zur katholischen Kirche. Unter den Verschwörern auf das Leben des jetzigen Kaisers und seines Vaters war auch nicht ein Jude, sondern nur eine Jüdin, welche ihr Schicksal einem Mitgliede der orthodoxen Kirche anvertraute und deshalb kaum mehr als Jüdin betrachtet werden kann. Wien. (Antisemitisches.) Dr. Porzer ließ gestern Abends beim „Goldenen Widder" in der Taborstraße in einer Versammlung der Psarrgruppe St. Leopold des Katholischen Schulvereines sein Licht leuchten und sprach als Einleitung zu einem veritablen Tanzkranzchen über die „Schulreform im christlichen Sinne". Dr. Porzer vergaß bei diesem seinen Vortrag ganz an seine Vergangenheit, an seine Jugendjahee und an seine Ahnen und würzte seine Rede mit einigen safti-